Die Lage am Dienstag Liebe Leserin, lieber Leser,


der Ausschluss ist das Thema der Stunde. Die SPD will erneut versuchen, ihr Mitglied Thilo Sarrazin auszuschließen. Eine Waldorfschule in Berlin schließt das Kind eines AfD-Politikers aus. Die AfD wird ein Parteiausschlussverfahren gegen Doris Fürstin von Sayn-Wittgenstein einleiten. Jedes Mal geht es um den Umgang mit rechts. Sarrazin ist der SPD wegen seiner Thesen zu Muslimen zu rechts, der Waldorfschule ist die AfD wegen ihren Positionen zur Migration zu rechts, der rechten AfD ist Sayn-Wittgenstein zu extrem rechts. Also raus mit denen.

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Heft 51/2018
Wie unsere Vorfahren unser Leben prägen

Der Ausschluss gehört zum Komplex der Identitätspolitik. Man definiert Identitäten, also gemeinsame, wünschenswerte Eigenschaften und schließt aus, wer dazu nicht passt. Francis Fukuyama, der intelligenteste Irrende aller Zeiten ("Das Ende der Geschichte"), hat in seinem Buch "Identity" allerdings zu Recht darauf hingewiesen, dass eine Gesellschaft, in der einzelne Identitäten eine große Rolle spielen, bald keine Gesellschaft mehr ist.

Die drei Fälle ergeben, zusammen genommen, die richtige Lösung, auch wenn dabei nur die AfD recht behält. Rechtsextremismus ist das deutsche Tabu. Wer sich nicht daran hält, muss ausgeschlossen werden. Ansonsten darf der Diskurs nicht abreißen.


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Gründerkrise

Zum Zustand des Westens ist alles gesagt, wenn man sich den Zustand seiner drei Gründerstaaten anschaut, ausgedrückt in drei Terminen von heute. Großbritannien, die USA und Frankreich haben mit ihren Revolutionen in den 100 Jahren von 1688 bis 1789 die Grundlagen für die parlamentarische Demokratie und die Menschenrechte geschaffen. Heute geht es um diese Themen:

  • Das Kabinett von Großbritannien wird darüber beraten, wie man mit der Brexit-Krise umgehen soll.
  • Frankreichs Präsident Macron wird mit einigen Ministern beraten, welche weiteren Folgen die Sozialproteste der "Gelbwesten" haben werden.
  • In den USA entscheidet ein Gericht, welche Strafe Michael Flynn bekommt, einst Sicherheitsberater von Donald Trump. Flynn hatte das FBI über seine Kontakte mit dem russischen Botschafter in Washington belogen.

Brexit-Krise. "Gelbwesten"-Krise. Russland-Krise. Das sind verschiedene Themen, aber sie drücken jeweils aus, dass diese Gründerstaaten des Westens ihre Mitte und ihre Orientierung verloren haben. Und das ist ein Problem für uns alle.

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Angenehme Vergessenheit

Dem sowieso wunderbaren Buch von Jörn Leonhard "Der überforderte Frieden" habe ich einen nützlichen Begriff zu verdanken. Er heißt "Oblivionsklausel" und spielt auf den 1277 Seiten eigentlich keine Rolle, nur zweimal kurz ex negativo. Beim Friedensvertrag vor gut hundert Jahren gab es eine solche Klausel eben nicht. Oblivion ist die Vergessenheit, und die wollte man in Versailles ausschließen, anders als bei früheren Friedensverträgen. Da sagte man, Schwamm drüber, wir kümmern uns nicht um Schuld und Vorgeschichte, wir versuchen Gegenwart und Zukunft vernünftig zu regeln.

Seitdem ich das Wort kenne, male ich mir Situationen aus, in denen eine Oblivionsklausel für mich und meine Gegenüber hilfreich gewesen wäre, bei vielen Streits mit Partnerinnen, Kindern, Freunden, Chefs, Mitarbeitern, eigentlich in allen Situationen, in denen irgendwann gesagt wurde: Aber damals hast du (haben Sie) gesagt... Schon wird aufgerechnet, schon wird ein kleiner Anlass in eine Explosion überführt. Künftig rufe ich Oblivionsklausel, sobald jemand einen solchen Satz beginnt.

Gewinner des Tages

Verhandler des Versailler Vertrags (1919)
DPA

Verhandler des Versailler Vertrags (1919)

Da bleibe ich bei Jörn Leonhard. Sein Buch über Versailles und die Folgen ist das ganz große Geschichtswerk, das beim Verständnis der Gegenwart hilft. Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden viele neue Demokratien, zum Beispiel Deutschland, Österreich, Polen, aber 20 Jahre später war kaum noch eine übrig, auch weil die USA die Rolle einer westlichen Führungsmacht nicht konsequent annahmen. Zudem wurde der Nahe Osten neu und schlecht geordnet, mit Folgen bis heute. Und hätte man die Deutschen nur nicht so gedemütigt. Vielleicht hätte Hitler keine Chance gehabt, und wir würden nicht so oft über Hitler und die Folgen diskutieren (siehe oben).

Gedanklich schwankt man ständig zwischen den Jahren 1918 bis 1923, die Leonhard behandelt, und der Zeit heute. Weil das so spannend und lehrreich ist: Leonhard lesen.

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Ihr Dirk Kurbjuweit

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
Freier.Buerger 18.12.2018
1.
„Rechtsextremismus ist das deutsche Tabu. Wer sich nicht daran hält, muss ausgeschlossen werden. Ansonsten darf der Diskurs nicht abreißen.“ Die Frage ist, wo beginnt der Rechtsextremismus heute und wo morgen? Welcher Extremismus ist noch duldbar und wann werden wir extrem, wenn wir gegen Extremismus vorgehen. Wie gehen wir mit Nachbarn um, Ungarn, Polen, der Türkei?
ruhuviko 18.12.2018
2. Zum Beitrag über den "Ausschluß":
Was soll das alles heißen? Ich habe Sie nämlich nicht verstanden: Wollen Sie, dass die Genannten überall "drin" bleiben? Sayn-Wittgenstein in der AfD, die doch nunmal rechts genug ist, um so ein Mitglied auszuhalten? Sarrazin in der SPD, die doch nunmal links genug ist, um so ein Mitglied verkraften zu können? Und an dem zukünftigen Schüler ärgert mich etwas kolossal: Der Junge war bisher im Kindergarten einer Waldorf-Einrichtung. Nirgendwo wird berichtet, ob das Verhalten der Eltern gegenüber dem Kindergarten der Grund war, warum es den Lehrern der angeschlossenen Schuleinrichtung reichte!
dasmillionenspiel 18.12.2018
3. Ausschluss
Eine Demokratie muss auch extreme Ansichten aushalten. Punkt. Egal ob man diese Ansichten mag oder nicht. Wir wäre es die extremen Meinungen mit guten Argumenten zu widerlegen? Denn wie ein Vorkommentator schon sagte: wenn man allzu viel und zu schnell ausschließt, wird man selber extrem. Das ist eine grosse Gefahr. Es darf so etwas wie eine "Meinungspolizei" nicht geben!
burlei 18.12.2018
4. @ruhuviko, #2
Zitat von ruhuvikoWas soll das alles heißen? Ich habe Sie nämlich nicht verstanden: Wollen Sie, dass die Genannten überall "drin" bleiben? Sayn-Wittgenstein in der AfD, die doch nunmal rechts genug ist, um so ein Mitglied auszuhalten? Sarrazin in der SPD, die doch nunmal links genug ist, um so ein Mitglied verkraften zu können? Und an dem zukünftigen Schüler ärgert mich etwas kolossal: Der Junge war bisher im Kindergarten einer Waldorf-Einrichtung. Nirgendwo wird berichtet, ob das Verhalten der Eltern gegenüber dem Kindergarten der Grund war, warum es den Lehrern der angeschlossenen Schuleinrichtung reichte!
Die Frage ist doch eher, kann dieser AfD-Abgeordnete, der sein Kind auf eine Waldorf-Schule schicken will noch in der AfD bleiben. Muss gegen ihn nicht ein Parteiausschlussverfahren eingeleitet werden. Mit seiner Entscheidung (und mit seinem finanziellen Unterstützung dieser private Schule) unterstützt er auch ideologisch eine Institution, die nach ihrer Stuttgarter Erklärung von 2007 "Alle Menschen als frei und gleich an Würde und Rechten ansehen, unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit, nationaler oder sozialer Herkunft, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung". Alles Punkte, die dem Selbstverständnis der AfD als nationalistische und fremdenfeindliche Partei widersprechen. Er legt da die Axt an das einzige Thema, das der AfD nach Merkels Rückzug noch geblieben ist.
kanoprie 18.12.2018
5. Waldorfschulen haben ihre eigenen Aufnahmekriterien
„Eine Waldorfschule in Berlin schließt das Kind eines AfD-Politikers aus.“ - Ich habe mit dieser Nachricht kein Problem, weil Waldorfschulen immer ihre eigenen Aufnahmekriterien hatten, Eins dieser wichtigsten Kriterien war die Frage: Passen die Eltern überhaupt zu uns. Vor 35 Jahren reichte es schon, wenn die Ehefrau zur Arbeit ging. - Woher ich das weiß? - Aus eigener Erfahrung und das galt schon für ihren Kindergarten.
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