Die Lage am Montag Liebe Leserin, lieber Leser,


für heute wird von Frankreich eine diplomatische Initiative zum Krieg in Syrien erwartet. In Luxemburg treffen sich zudem die Außenminister der Europäischen Union, um über Syrien zu reden. In Den Haag kommt der Exekutivrat der Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW) zusammen. Das Thema ist natürlich ebenfalls Syrien.

Das ist sicherlich alles sinnvoll, aber mir geht in diesen Tagen ein Satz von Herfried Münkler nicht aus dem Kopf. Er stammt aus seinem Buch "Der Dreißigjährige Krieg", der vor genau 400 Jahren begann. Im letzten Kapitel stellt Münkler Analogien zu heute her: "Der Typus 'Dreißigjähriger Krieg' ist dadurch gekennzeichnet, dass er von außen nur schwer zu beenden ist und ein militärisches Eingreifen zumeist das Gegenteil dessen bewirkt, was offiziell beabsichtigt ist." Für Münkler ist der Krieg im Nahen Osten in all seinen Facetten ein Krieg vom Typus "Dreißigjähriger Krieg".

Staatsbürger-Blues

Mann mit Kinderwagen (Symbolbild)
DPA

Mann mit Kinderwagen (Symbolbild)

Bislang galt für mich der Grundsatz, dass ich nie im Volkspark Hasenheide spazieren gehe. Das ist ein Park in Kreuzberg/Neukölln, in dem an jedem zweiten Baum ein Dealer wartet. Hier wird offen mit Drogen gehandelt, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Mich stört das, vor allem weil sich der Staat, dem ich im Prinzip vertraue, hier ohnmächtig zeigt. Hin und wieder eine Razzia, aber in Wahrheit wird der permanente, massenhafte Rechtsbruch toleriert. Ich wollte dort nie spazieren gehen, weil ich dann auch so tun würde, als seien diese Zustände eigentlich ganz normal und erträglich.

Seitdem ich aber hin und wieder einen Kinderwagen ausfahre und die Hasenheide der für mich nächste Park ist, setze ich mich diesen Zuständen aus, schiebe den Kinderwagen durch ein Spalier von Afrikanern, die sich keine Mühe geben, die Natur ihres Geschäfts zu kaschieren. Selbst ihre Verstecke sind mehr oder weniger öffentlich. Ich fühle mich dort nicht unsicher, das ist es nicht, die Dealer werden mir nicht einmal lästig. Sie ignorieren mich. Wahrscheinlich gilt ihnen ein Kinderwagen als Teil einer Glücksdroge, die immun macht für ihre Angebote.

Ich glaube, das Gefühl, das mich durch diesen Park begleitet, ist seltsamerweise Scham. Ich schäme mich dafür, dass dieser Staat, dessen Bürger ich bin, den ich als Staatsbürger mittrage, dieser Zustände nicht Herr wird.

Staatsbürger-Glück

Heute werden die Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst fortgesetzt. Die Gewerkschaft Ver.di und der Beamtenbund dbb haben sechs Prozent mehr Lohn gefordert. Eine Einigung scheint nahe zu sein.

Horst Seehofer
DPA

Horst Seehofer

Kürzlich habe ich in Berlin einen neuen Pass beantragt. Sie wissen schon, bei dieser verlotterten Berliner Verwaltung, die häufig Schlagzeilen macht, weil sie so langsam und ineffizient ist. Ich bekam einen Termin in fünf Wochen um 10 Uhr. Ich war dann um 9.50 Uhr dort, weil man halt pünktlich ist auf dem Amt und war gut ausgestattet mit Speisen und Getränken. Die Mitnahme eines Schlafsacks hatte ich mir ausreden lassen.

Die Nummern, die aufgerufen wurden, waren weit, weit weg von meiner. Ich begann, die angenehm dicke "Zeit" zu lesen.

Um 10 Uhr sprang meine Nummer in das Sichtfeld der Anzeigentafel. Ich eilte in das angezeigte Zimmer, wo mich Herr V. überaus freundlich, hilfsbereit und akkurat bediente.

Ob nun vier, fünf oder sechs Prozent. Herr V. hat das verdient.

Gewinner des Tages

Sigmar Gabriel
DPA/ BMWi

Sigmar Gabriel

Mit ihren alten Herren hat die SPD nicht nur Glück gehabt. Altkanzler Gerhard Schröder führt sich manchmal so auf, als wolle er der nächste Präsident Russlands werden. Altkanzlerkandidat Peer Steinbrück wurde Kabarettist und erster Oberlehrmeister seiner Partei, wobei er die beiden Rollen nicht streng trennt.

Nun haben sie es auch noch mit Sigmar Gabriel zu tun. Er beginnt heute mit einer nebenberuflichen Universitätskarriere (und ist deshalb Gewinner des Tages). In Bonn hält er seine erste Vorlesung zum Thema "Deutschland in einer unbequemen Welt". Gabriel ist ein begnadeter Redner und ein politischer Denker. Die neue Rolle müsste ihm liegen. Die Frage ist nur, ob er es schafft, über außenpolitische Themen zu reden, ohne den Kurs seines Nachfolgers im Auswärtigen Amt, Heiko Maas, infrage zu stellen. Der hat sich gerade von Gabriels russlandfreundlichem Kurs verabschiedet.

Die politische Sitte sagt: Man kritisiert seinen Nachfolger nicht. Beherrschung zählt allerdings nicht zu den Stärken Schröders, Steinbrücks und Gabriels.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Ich wünsche Ihnen einen guten Wochenanfang,

Ihr Dirk Kurbjuweit

Mehr zum Thema
Newsletter
DIE LAGE: Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.