Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


Reisen war Luxus in den 1950er Jahren, der Massentourismus war noch nicht erfunden. Reisende hatten das Gefühl, Gutes zu tun, für sich selbst und für das Land, in dem sie zu Gast waren - denn sie gaben den Gastgebern ja Geld. Und doch war der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger damals schon skeptisch: Die Tugend der Gastfreundschaft, so schrieb er 1958, "die man beschwören will, wird vernichtet, indem man sie in Anspruch nimmt".

Chinesische Besucher im französischen Valensole
Zintzmeyer / Alpaca / Andia

Chinesische Besucher im französischen Valensole

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Heft 33/2018
Wie der Reisende zerstört, was er liebt

Reisen ist heute kein Luxus mehr. Geschätzte 670 Millionen Menschen waren im vergangenen Jahr in Europa unterwegs. Beflügelt durch die Globalisierung und Digitalisierung ist das Geschäft mit dem Reisen zum wohl wichtigsten Wirtschaftszweig der Welt geworden, auf rund 7000 Milliarden Euro im Jahr wird das Geschäftsvolumen geschätzt, das sind zehn Prozent der Weltwirtschaftsleistung. Es ist aber zu billig geworden, die Welt kennen zu lernen. Die vorhandene Infrastruktur ist dem Ansturm der Reisenden nicht mehr gewachsen.

Die Zahl der Flugausfälle ist in Deutschland im ersten Halbjahr um 146, die der Verspätungen um 31 Prozent gestiegen. Das Versagen der Reisebranche wird ausgelöst durch ihren eigenen Erfolg. Und an den Orten, an denen es einmal schön war, herrscht Feindseligkeit zwischen Gastgebern und Gästen, denn die Einheimischen fühlen sich verdrängt und um das gebracht, was ihr Zuhause ausgemacht hat.

Für die Titelgeschichte im neuen SPIEGEL waren meine Kollegen in der Provence, in Zell am See, in Bulgarien, Porto, Rom und Amsterdam unterwegs. Die Titelzeile ist eine Abwandlung von Enzensbergers Satz: "Das verlorene Paradies. Wie der Reisende zerstört, was er liebt".

Seines Glückes Schmied

Robert Habeck ist der Popstar der linken Mitte. Er will die Grünen zur Volkspartei machen. Damit ist er schon weit gekommen. In Umfragen stehen die Grünen bundesweit bei 15 Prozent, beinahe gleichauf mit der SPD. Das aber gelang Habeck nur, indem er, sagen wir mal, spielerisch mit grünen Prinzipien umgeht. Man könnte es auch anders formulieren: Der Vorsitzende der Grünen mutet sich seiner Partei zu. Er fordert sie mit Debatten über die Gentechnik heraus und widmet seine Sommerreise einem Motto, das er ausgerechnet der Nationalhymne entnommen hat: "Des Glückes Unterpfand". Patriotismus? Was soll's.

Im Video: "Der arme Mensch sitzt nur im Zug" - Wie er mit Annalena Baerbock harmoniert? Was ihn langweilt? Und was er als eine seiner Schlüsselqualifikationen sieht?

Gordon Welters / Der Spiegel

Natürlich ist Habecks Spiel riskant. Gerhard Schröder, der letzte große Machthaber der SPD, war zunächst auch ein erfolgreicher Spieler mit konservativen Positionen, letztlich hat er damit aber die eigenen Leute vergrämt. Wird Habecks Spiel gut gehen? Mein Kollege Christoph Hickmann hat im neuen SPIEGEL ein großes Porträt über ihn geschrieben.

Das Ich, das Wir und die Freiheit

Ein Wort reicht - Wehrdienst -, und schon gehen in Deutschland wieder die Diskussionen los. Sieben Jahre nach dem Ende der Wehrpflicht diskutieren die Deutschen nun über einen Pflichtdienst für junge Leute.

Freiwilliger Beckmann mit Pflegeheimbewohner
Marcus Simaitis / DER SPIEGEL

Freiwilliger Beckmann mit Pflegeheimbewohner

Wir haben im SPIEGEL den Vorsitzenden der Jungen Union, Paul Ziemiak, mit der FDP-Innenpolitikerin Linda Teuteberg darüber streiten lassen. Ziemiak ist ein Befürworter des Pflichtjahres, Teuteberg eine Gegnerin. "In einer Gesellschaft, in der es immer mehr um das Ich geht, kann es auch ein Jahr lang mehr als bisher um das Wir gehen", sagt Ziemiak. Teuteberg hält dagegen: Ziemiaks Vorschlag sei ein Eingriff in die Freiheit.

Ethisches Töten?

Während die Deutschen über den Wehrdienst und ein soziales Pflichtjahr diskutieren, entwickelt sich die Rüstungsindustrie in eine völlig andere Richtung: Sie braucht bald gar keine Menschen mehr. Künstliche Intelligenz sorgt dafür, dass die Schlachten der Zukunft weitgehend von unbenannten Militärsystemen und autonomen Maschinengewehren geführt werden.

Unbemanntes US-Kampfflugzeug X-47B
AP

Unbemanntes US-Kampfflugzeug X-47B

Ist es gut für den Menschen, wenn er seine Söhne und Töchter nicht mehr für den Krieg hergeben muss? Das hängt davon ab, ob der Mensch den Maschinen so etwas Kompliziertes wie Ethik beibringen kann. Denn Intelligenz ist die eine Sache, sie ist schon kompliziert genug zusammengesetzt, sie speist sich aus rationalen, aber auch emotionalen Komponenten, mit der Ethik ist es aber noch komplizierter - sie verlangt dem Menschen manchmal Übermenschliches ab.

Meine Kollegen Konstantin von Hammerstein und Marcel Rosenbach beschreiben in einem Report auf fünf Seiten, was der Krieg der Zukunft für die Menschen bedeuten wird.

Für und Wider

Sie sehen, liebe Leserin, lieber Leser, die Globalisierung und Digitalisierung verlangt eine Sicht auf die Welt, die ein Für und Wider aushält. Siehe oben: Reisen belebt und bildet und sollte deswegen allen Menschen möglich sein, aber weil es inzwischen so vielen Menschen möglich ist, macht es genau das kaputt, was es sucht. Oder: Pflichtjahr - ja oder nein? Dazu gibt es nicht die eine, richtige Haltung. Oder: Ein Krieg ohne menschliches Zutun? Schwierig.

Journalismus, der nicht bewusst macht, dass die großen Themen immer ein Für und Wider in sich tragen, Journalismus, der das Aber nicht kennt, auch nicht die Einwände gegen Gewissheiten, ist nicht zeitgemäß. Ambivalenzen auszuhalten ist zwar nicht leicht, doch Journalisten müssen nicht nur Ambivalenzen aushalten, sie müssen sie aufzeigen und trotzdem klare Geschichten erzählen. Wie das geht? Streitgespräche sind zum Beispiel eine Lösung. Reports wie der über das Reisen oder der über die Rüstung, die die verschiedenen Richtungen eines Themas aufnehmen, sind eine andere Lösung.

In dem Heft, das ich Ihnen hier vorstellen, haben wir etwas ausprobiert, was wir selten machen: Wir bringen zwei große, in sich geschlossene Geschichten zum gleichen Thema, die aber unterschiedliche Perspektiven einnehmen.

Ronan Farrow und Philipp Öhmke im Gespräch in New York

Ronan Farrow und Philipp Öhmke im Gespräch in New York

Mein Kollege Philipp Oehmke hat in New York den Helden der #MeToo-Bewegung getroffen, den Anwalt und Journalisten Ronan Farrow, der mit seinen Enthüllungen über die Missbrauchs- und Vergewaltigungsvorwürfe gegen Harvey Weinstein zum Sturz des Filmproduzenten beigetragen hat. Oehmke hat ein großes Interview mit Farrow geführt. Mein Kollege Felix Hutt hat sich währenddessen in Hollywood auf die Suche nach Kevin Spacey gemacht, einem der Anti-Helden der #MeToo-Bewegung.

Kevin Spacey
AP

Kevin Spacey

Nachdem mehrere Männer dem Schauspieler im vergangenen Herbst sexuelle Belästigung vorgeworfen hatten, war Spacey abgetaucht. Hutt traf ein mutmaßliches Opfer, sprach mit Ermittlern und fand auch Spaceys Bruder.

Legt man die beiden Geschichten nebeneinander, dann sieht man, wie faszinierend und kompliziert, richtig und riskant, gut und gefährlich auch die #MeToo-Bewegung ist.

Gewinnerin der Woche...

wird die Sängerin Madonna sein. Am Donnerstag hat sie Geburtstag, sie wird sechzig Jahre alt. Sie war die Königin des Pop in den achtziger und neunziger Jahren. Andere Herrscherinnen und Herrscher dieses großen, glänzenden Reichs sind keine sechzig geworden: Michael Jackson, Prince, George Michael, Whitney Houston. Wie Madonna den Ruhm überlebt - auch darauf kann man unterschiedliche Perspektiven einnehmen. Wir haben das bei der Bildauswahl für das neue Heft gesehen. Wo bitte sind denn die Falten, fragten wir uns und auch, ob es denn nötig sei, dass ein weibliches Vorbild ihre Probleme mit dem Altern derartig ausstelle.

Kevin Mazur/ Getty Images

Die Münchner Professorin Barbara Vinken aber hat für uns einen Text über Madonna geschrieben, der eine reine Hommage ist. Wir haben es ihr nicht nur erlaubt, sondern uns auch darüber gefreut, weil Vinken, wie es nun mal ihre Art ist, auf kluge Weise über Madonna jubelt. Und es ist ja schließlich auch Geburtstag.

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    insgesamt 2 Beiträge
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    dirk.resuehr 11.08.2018
    1. Gastfreund und Gastgeber
    Wer nimmt denn dauerhaft Gastfreundschaft in Anspruch? Der zahlende Gast sicher nicht, der nimmt u. U. die Pflichten des Gastgebers in Anspruch. Kaqlendersprüche sind was feines, H.M. Enzenberger einer der lesenswerten Kommentatoren von Gesellschhaften, nur hier liegt er begrifflich völlig daneben. Gastfreundschaft wird vielleicht von den sog. "Rucksacktouristen" ausgenutzt, das hat letztlich auch ein Geschmäckle von Ausbeutung. Der Gastgeber vielmehr fühlt sich seinem zahlenden Gast verpflichtet, zu Leistungen und Höflichkeit.Merke: Selbst große Geister geben manchmal Dünnpfiff von sich!
    kai Spaicher 11.08.2018
    2. Btr: Reiseleid
    Ja, das ist furchtbar! Wir besuchen Städte und Länder gerne außerhalb der Hauptsaison oder in abseitigen Gegenden: Nordkap, Patagonien - mit kleinen Gruppen, oft mit individuellen Guide. Neuerdings erleben wir, dass zu jeder Saison Riesenschiffe ihre Passagiere auch in dünn besiedelten Gegenden anlanden. Klar, Mittelmeer ist abgefiedelt, viele Gegenden fallen wegen Sicherheitsbedenkeb raus und die großen schiffe müssen irgendwie voll werden. Wir haben uns entschlossen künftig wieder mehr in Deutschland unterwegs zu sein. Es gibt viel zu entdecken und zu erleben - und wir fallen nicht so sehr als invasive Touristen auf. BTW: ein Tipp für Reisende mit exotischen Wünschen: Besuchen Sie Iran: unglaublich herzliche Menschen, Kulturgüter, von denen die Griechen nur träumen können und eine Sicherheit, von denen wir nur träumen können. Aber bitte nur in kleinen Gruppen: sonst machen wir das auch noch kaputt.
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