Die Lage am Donnerstag Liebe Leserin, lieber Leser,


kann die Menschheit aus der Geschichte lernen? Mir scheint, dass wir bisher vor allem versucht haben, aus Niederlagen zu lernen. Viel zu wenig haben wir darüber nachgedacht, wie mit einem militärischen oder machtpolitischen Sieg umzugehen ist. Dabei sind gerade Siege besonders gefährlich, die Momente des Triumphs, die leicht zu Arroganz und Hybris führen. Ihnen steht auf der Seite der Verlierer die Schmach und Verletzung der Niederlage gegenüber, die oft zum Wunsch nach Revision und Rache führen.

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Heft 41/2018
Vom richtigen Umgang mit der Generation Smartphone

Im falschen Umgang mit dem Sieg wird leicht der Keim für den nächsten Konflikt gelegt. Das war so 1918 am Ende des Ersten Weltkriegs und, auf ganz andere Weise, auch in den Neunzigerjahren nach dem Ende des Kalten Kriegs. Zum 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs beginnt heute eine zweitägige internationale Konferenz im Auswärtigen Amt in Berlin, Außenminister Heiko Maas und sein französischer Kollege Jean-Yves Le Drian werden sie eröffnen. Ihr Titel: "Frieden gewinnen".

Sultansbeleidigung

DPA

In der Türkei beginnt heute der Prozess gegen einen deutschen Staatsbürger türkischer Herkunft. Er soll Präsident Recep Tayyip Erdogan auf seiner Facebook-Seite vor einigen Jahren als "Diktator" und "Kindermörder" bezeichnet haben, nun muss er sich wegen Präsidentenbeleidigung verantworten. Im August war er bei seinem Türkei-Urlaub verhaftet worden. Seitdem sollen sich ja die deutschtürkischen Beziehungen bedeutend verbessert haben, Erdogan kam sogar zum Staatsbesuch nach Berlin. Das weitere Schicksal von Hüseyin M. dürfte als Zeichen dafür gelten, wie weit es mit der Verbesserung wirklich her ist.

Hunger und Waffen

AP

Die Welthungerhilfe stellt heute ihren Welthungerindex 2018 vor, "Flucht, Vertreibung, Hunger" ist der Fokus. Dabei dürfte sich eine paradoxe Entwicklung fortsetzen: Obwohl der Kampf gegen den Hunger Fortschritte macht und die Werte zur Hungersituation weltweit fallen, steigt die absolute Zahl der Hungernden an. Nach neuen Zahlen der Uno waren es im vergangenen Jahr 821 Millionen Menschen. Die Hauptursachen: der Klimawandel und bewaffnete Konflikte.

Eine der schlimmsten Hungersnöte herrscht seit Monaten in Jemen, wo Saudi-Arabien gegen die Huthi-Rebellen Krieg führt. Im Koalitionsvertrag hatten Union und SPD deshalb festgeschrieben, keine Waffen an die am Krieg im Jemen beteiligten Staaten zu liefern. Der Satz kam auf Betreiben der Sozialdemokraten in den Vertrag, er zielte vor allem auf Saudi-Arabien. Nun hat die Bundesregierung trotzdem umfangreiche Waffenlieferungen an Saudi-Arabien beschlossen und will sie auch künftig nicht ausschließen, sondern im Einzelfall prüfen. In der SPD-Fraktion war die Verärgerung gewaltig, wie meine Kollegen Matthias Gebauer und Veit Medick berichten. Droht also der nächste Koalitionskrach? Möglich, aber auch die SPD ist gespalten: Es ist der alte Konflikt zwischen den Genossen der Rüstungs-Bosse und den Anhängern der Friedenspartei SPD.

Gewinnerin des Tages

Getty Images

Am SPIEGEL-Stand auf der Frankfurter Buchmesse spricht heute um elf Uhr SPIEGEL-Literaturchef Volker Weidermann mit Inger-Maria Mahlke, der diesjährigen Gewinnerin des Deutschen Buchpreises (Sie können das Gespräch im Livestream auf spiegel.de verfolgen). Vor zwei Wochen schrieb mein Kollege Takis Würger im SPIEGEL einen Artikel über Mahlke und ihr Buch "Archipel", er beschrieb sie als eine Autorin, die viele Preise gewinnt, deren Bücher aber eher unlesbar sind. Ihr Schreiben zeigte er als eine schreckliche Qual, verbunden mit Mangelernährung, Haltungsschäden und Seelenpein. Als schreibender Mensch habe ich Würgers Artikel über seinen Besuch bei Mahlke auf Teneriffa mit großem Interesse gelesen, am Ende aber beschlossen, eher kein Buch von Mahlke zu kaufen. Sollte ich mir das jetzt noch einmal überlegen?

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
StefanZ.. 11.10.2018
1. Keine Paradoxie
Jahrzehntelange Hungerhilfen haben in Wahrheit nichts an der Lage geändert. Es las sich natürlich immer gut in den Jahresberichten der Hilfswerke, wenn prozentual immer ein klein wenig weniger Menschen ums nackte Überleben zu kämpfen hatten. Über lange Zeit mußte man schon Glück haben, wenn überhaupt irgendwo im Anhang die brutalen absoluten Zahlen standen. Weil aber weiterhin schwerpunktmäßig an Symptomen rumgedoktert wird, während bereits prognostizierte Milliarden weitere Bevölkerungszuwächse bis Jahrhundertmitte mit Achselzucken quittiert werden, werden nachfolgende Generationen eine fürchterliche Quittung zahlen. Das ständig wiederholte Märchen der Ökonome, daß wir doch nur schneller Wirtschaftswachstum in den Entwicklungsländern generieren müssen, hat sich vor kurzem als Betrug herausgestellt: https://www.coralcoe.org.au/media-releases/can-sustainable-development-co-exist-with-current-economic-growth Der ebenfalls und noch schlimmer überbevölkerte Norden lebt schon jetzt auf Kosten der Ressourcen im Süden. Und die dortigen Menschen verdienen zu Recht gleich gute Lebensperspektiven für ihre Kinder. Es wird Zeit, daß wir darum in Namen der Menschlichkeit dieses Problem im Norden wie Süden anpacken.
danreinhardt 11.10.2018
2. Demokratie
Irgendwie hatte ich stets im Hinterkopf, dass Gewaltenteilung in einer Demokratie bedeutet, dass z.B. Gerichte ihre Urteile unabhängig von politischen Momentaufnahmen, guten oder schlechten Beziehungen fällen. Wenn jetzt der Spiegel schreibt, dass gute Beziehungen mit dem Präsidenten der Türkei hoffentlich auch Einfluss auf die Rechtsprechung haben bin ich doch leicht über dessen Demokratieverständnis geschockt! Man stelle sich vor, die Beziehungen zu Tunesien wären auf einmal glänzend und wir würden die Hintermänner vom Anschlag auf den Breitenbachplatz als Zeichen des guten Willens milder bestrafen. Oder Steuersünder freisprechen weil politisch grade ein neuer Berater gebraucht wird. Der Aufschrei wäre riesig -zurecht. Wieso das in der Türkei anders sein soll ergibt sich mir noch nicht so ganz. In diesem Fall scheinen wir uns ja sogar zu freuen, dass es sich um eine Diktatur handelt und Erdogan Einfluss auf seine Gerichte sehnen kann.
CobCom 11.10.2018
3.
Da ist mal wieder eine Menge Naivität im Spiel. Glaubt wirklich jemand, dass der Konflikt im Jemen aufhört, weil Saudi-Arabien, einem der reichsten Länder der Welt, die Waffen ausgehen?
mwroer 11.10.2018
4.
Zitat von danreinhardtIrgendwie hatte ich stets im Hinterkopf, dass Gewaltenteilung in einer Demokratie bedeutet, dass z.B. Gerichte ihre Urteile unabhängig von politischen Momentaufnahmen, guten oder schlechten Beziehungen fällen. Wenn jetzt der Spiegel schreibt, dass gute Beziehungen mit dem Präsidenten der Türkei hoffentlich auch Einfluss auf die Rechtsprechung haben bin ich doch leicht über dessen Demokratieverständnis geschockt! Man stelle sich vor, die Beziehungen zu Tunesien wären auf einmal glänzend und wir würden die Hintermänner vom Anschlag auf den Breitenbachplatz als Zeichen des guten Willens milder bestrafen. Oder Steuersünder freisprechen weil politisch grade ein neuer Berater gebraucht wird. Der Aufschrei wäre riesig -zurecht. Wieso das in der Türkei anders sein soll ergibt sich mir noch nicht so ganz. In diesem Fall scheinen wir uns ja sogar zu freuen, dass es sich um eine Diktatur handelt und Erdogan Einfluss auf seine Gerichte sehnen kann.
Und warum sind Sie geschockt? Was richtig und was falsch ist war nie eine Sache des 'Was wird getan' sondern immer eine Frage des 'Wer tut' und 'Nutzt es mir'. Das war nie anders.
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