Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


vielleicht ist es der Stress. Also diese Überforderung oder auch Erschöpfung, also diese verdammte Konzentrationsschwäche und jene elende Angst vor eigenen Fehlern, die aber wegen eben dieser Angst natürlich kommen werden, ganz gewiss. So ist das, wenn Stress unser Leben bestimmt.

Ein fahriger, gestresster Mann

Horst Seehofer
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Horst Seehofer

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Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 30/2018
Forscher erkunden, wie Körper und Geist Druck ertragen - und in Stärke verwandeln

Wer in diesen Tagen Horst Seehofer beobachtet, sieht einen fahrigen, einen gestressten Mann, dem sogar das misslingt, was noch vor wenigen Monaten seine Stärke war: Selbstironie, Humor, freie Rede.

"Viele Kritiker lassen genau das vermissen, was sie mir vorwerfen: Anstand und Stil", sagte Seehofer jetzt und verstand nicht einmal, wie lustig dieser Satz war; und wie falsch, denn Anstand und Stil sind Seehofer leider schon seit Monaten nicht mehr vorgeworfen worden.

Ritter gegen das Etablierte

Donald Trump und Wladimir Putin in Helsinki
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Donald Trump und Wladimir Putin in Helsinki

Stress könnte auch bei Donald Trump eine Erklärung sein. Als der amerikanische Präsident in Helsinki neben dem kühlen, professionell vorbereiteten, durch und durch beherrschten russischen Präsidenten Wladimir Putin saß, da merkte man Trumps verdrehten Knien, den knetenden Händen, dem flehenden Blick sowie dem hektischen Vortrag an, dass da ein Unterlegener die eigene Aufregung und die Überforderung nicht ertrug.

Trump wirkte wie ein gestresster Mann, und zumindest diesen Aspekt der von Tag zu Tag sich fortschreibenden Trump-Tragödie könnte man nachfühlen: Die Zeiten sind übermenschlich laut und rasant geworden, Trump reiste von Brüssel über London nach Helsinki und musste gedanklich zugleich in Washington, D.C., und bei seinen Wählern im Inneren der USA sein - die Politik überfordert inzwischen viele Politiker. Einen Nichtpolitiker wie Trump führt sie vor, gnadenlos.

Im Video: Licht aus für Trump - Der Versprecher, die Ausrede, das Desaster

White House

Es gibt andere, womöglich gewichtigere Gründe für Trumps Verhalten. Er hat sich, erstens, seinen Wählern als deren Ritter gegen alles Etablierte angedient, und darum muss er nun die EU einen "Gegner" und die Medien "Feind des Volkes" nennen; Trump hat die Geister selbst gerufen, ist sein eigener Gefangener.

Er hat, zweitens, die Russlandaffäre am Hals, die immer neuen Enthüllungen über allzu enge Beziehungen des Trump-Teams zu Moskau in jenen Zeiten, in denen der amerikanische Präsident noch Barack Obama hieß und diese Beziehungen mutmaßlich gesetzeswidrig waren.

Er hat, drittens (und das betrifft schon wieder Russland), mit der Kränkung zu leben, dass Amerikas und Europas Geheimdienste es für bewiesen halten, dass die Wahl von 2016 durch Russland manipuliert und vermutlich entschieden wurde - gegen Hillary Clinton und für Donald Trump. Diese Kränkung wird nicht mehr verschwinden, und gerade Kränkungen kann ein Mann wie Donald Trump auf keinen Fall aushalten.

Welche Konsequenzen hat all das?

Zu Horst Seehofer: Im neuen SPIEGEL beschreibt ein Team um Martin Knobbe und Fidelius Schmid die Hintergründe jener Abschiebeaffäre Sami A., über die Deutschland spricht; und René Pfister beleuchtet den bitteren Triumph Angela Merkels über den eigenen Innenminister.

Zu Trump: Unser Washington-Korrespondent Christoph Scheuermann war in Helsinki dabei und erläutert im neuen Heft die Russlandaffäre des Präsidenten Trump; und Dirk Kurbjuweit entwickelt eine Strategie dafür, wie Deutschland die Gegenwart überstehen und sich auf ein künftiges Amerika bereits heute vorbereiten kann: "Überwintern in Zeiten von Trump".

Und schließlich, apropos Stress:"Stress, lass nach!" heißt unsere Titelgeschichte. Kerstin Kullmann hat einen Fluglotsen, eine Rapperin und auch einen Chefarzt durch deren anstrengendes Leben begleitet; und die Kollegin hat mit Psychologen oder auch einer Professorin für Neuroepigenetik gesprochen.

Im Animationsvideo: Die Deutschen unter Stress

DER SPIEGEL

Kullmann wollte wissen, was Stress mit uns macht. Und ob Stress vererbt wird. Und ob es eigentlich nur den schlimmen, den zermürbenden Stress gibt, oder auch einen anregenden Stress, der sich in Stärke, in Energie verwandeln lässt. Antwort: Ja, es gibt beide Sorten Stress. Und der Umgang mit Stress lässt sich steuern, lässt sich lernen.

Außerdem finden Sie im neuen SPIEGEL die Geschichte einer Katastrophe.

Anfang April verschwand der Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub in den Schweizer Bergen, allein auf einer Skitour. Wenige Wochen später verirrte sich eine Zehnerseilschaft nicht weit entfernt auf der berühmten Haute Route in einem Sturm. Sieben Menschen überlebten das Unglück nicht. Was ist geschehen, und was lässt sich aus dieser Katastrophe lernen?

Samiha Shafy und Hilmar Schmundt sprachen mit allen Überlebenden, mit Freunden und Hinterbliebenen, mit Rettern und Ermittlern dieses Dramas auf der Haute Route. Der Kollege Schmundt, Bergsteiger, kletterte zur Unglücksstelle und erschrak. Er fand dort oben Eispickel, Karabiner, Klettergurte und eine Thermoskanne.

Absprachen in der Autoindustrie

Daimler-Chef Dieter Zetsche
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Daimler-Chef Dieter Zetsche

Und Sie finden im neuen Heft die Fortschreibung einer großen Affäre. Denn nach der Aufdeckung der heimlichen Absprachen der Autoindustrie über zu kleine AdBlue-Tanks und Abgasschummeleien bei Dieselfahrzeugen geht die EU-Kommission inzwischen einem neuen Verdacht nach: Manager der Autokonzerne haben sich womöglich auch bei der Abgasreinigung von Benzinfahrzeugen abgesprochen.

Frank Dohmen und Dietmar Hawranek, die 2017 bereits die vielen Absprachen des deutschen Autokartells enthüllten, konnten jetzt Protokolle und E-Mails einsehen, nach denen die Einführung wirksamer Partikelfilter offenbar boykottiert wurde.

Und dann erzählen wir Ihnen in unserer Serie über Wohnen in Deutschland von der Kluft zwischen Arm und Reich, einer neuen Ghettoisierung. Wir erklären Ihnen, warum in diesem Sommer so viele Flüge ausfallen. Wir waren für Sie in Xinjiang, jener chinesischen Provinz, in der die Regierung die Minderheit der Uiguren auf beängstigende Weise, nämlich technisch perfekt, unterdrückt.

Darf ich eine persönliche Bemerkung hinzufügen? Wenn ich in der Hamburger SPIEGEL-Zentrale das "Blatt mache", wie wir das nennen, wenn ich also die Heftmischung konzipiere und Texte redigiere, merke ich jedes Mal aufs Neue, was ein wahres Team leisten kann. Was für eine journalistische Leistung das ist, wenn die Kartellenthüllung komplett ist. Oder wenn der Titel gelingt. Kurz: Wie stark diese Redaktion ist. Und wie präzise die Dokumentation, also jene Kolleginnen und Kollegen, die unsere Texte Wort für Wort überprüfen. Wir alle merken, wie gut SPIEGEL+ schon nach wenigen Wochen funktioniert, das Zusammenspiel von SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE.

Kurz: kein Stress, sondern die ganze Woche lang Freude an jenem Abenteuer, das "Journalismus in aufregenden Zeiten" heißt.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht


Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

Gewinnerin des Morgens…...

Angelique Kerber
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Angelique Kerber

…...ist Angelique Kerber. Ihr Leben lang hat sie vom Wimbledon-Sieg geträumt, nun ist sie 30 Jahre alt, und endlich hat sie Wimbledon gewonnen. Im SPIEGEL-Gespräch erzählt Angelique Kerber meinen Kollegen Lukas Eberle und Thilo Neumann von ihren Ängsten und auch vom Stress vergangener Jahre. Und sie sagt: "Champions lernen aus Niederlagen, stehen wieder auf. Natürlich hat man Selbstzweifel, aber warum? Weil man weiß, dass man es kann, im Training alles beherrscht." Champions gewännen deshalb Turniere, weil sie in den entscheidenden ein, zwei Momenten "wissen, was sie zu tun haben".

Ihnen eine anregende, bereichernde und hoffentlich vergnügliche Lektüre - und ein stressfreies Wochenende. Herzlich aus Hamburg

Ihr Klaus Brinkbäumer

Chefredakteur
DER SPIEGEL

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