Die Lage am Dienstag Liebe Leserin, lieber Leser,


Trump hat ein Trauma, das ist offenkundig. Gestern hat es sich wieder gezeigt, bei der Pressekonferenz mit Putin. Dieses Trauma hat zur Folge, dass er den russischen Präsidenten öffentlich mindestens für so vertrauenswürdig hält wie die eigenen Geheimdienste. Die sagen, russische Kollegen hätten in den US-Wahlkampf von 2016 eingegriffen. Putin streitet das ab. Trump ist stark geneigt, ihm zu glauben.

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Heft 29/2018
Was es für Deutschland heißt, Donald Trumps Feind zu sein

Trump kann, so wie er gestrickt ist, nicht zugeben, dass der Wahlkampf zum Teil manipuliert wurde. Weil dann ein weiterer Schatten auf seinen Wahlsieg fällt (er hatte weniger Wählerstimmen als Hillary Clinton, und Vertraute waren in Kontakt mit dubiosen Russen). Trump hat daher wohl das Gefühl, sich ständig rechtfertigen zu müssen, so auch gestern. Er lobt seinen angeblich ausgezeichneten Wahlkampf und will Putin glauben, dass sich die Russen rausgehalten haben.

Nicht die Bundesrepublik ist Putins Gefangene, wie Trump kürzlich behauptet hat. Er selbst hockt in diesem Knast: ist nicht frei in seinem Urteil zu Putin, sondern muss allen weismachen, der sei ein redlicher Mann, damit er selbst der große Wahlsieger bleiben kann, für den er sich halten will. So steht Trump zwischen Putin und seinem eigenen Staat. Bizarr.

Wer wird die nächste Lichtgestalt?

DAI KUROKAWA/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Barack Obama hält heute in Südafrika, leicht verfrüht, eine Rede zum 100. Geburtstag von Nelson Mandela, der am 18. Juli 1918 geboren wurde. Beide Namen klingen nach einer vergangenen Epoche der Aufbrüche und der Vernunft. Beide waren Lichtgestalten. Beide fehlen.

Die politische Lichtgestalt ist eine Sozialfigur, die der liberale Teil der westlichen Gesellschaften hin und wieder braucht, um sich für Politik begeistern zu können. Sie verkörpert die Hoffnung, dass Vernunft, Gerechtigkeit und Humanität die Politik prägen werden. John F. Kennedy war eine solche Lichtgestalt, sein Bruder Robert, Willy Brandt, Bill Clinton, Mandela, Obama, Angela Merkel. Meist haben sie bald enttäuscht, weil sie diese Ansprüche nicht umsetzen oder durchhalten konnten.

Derzeit fehlt eine Lichtgestalt, da Merkel, die es im Herbst 2015 wurde, ihren humanitären Politikansatz nicht durchhalten konnte. Dieses Defizit trägt zur Verunsicherung des liberalen Flügels bei. Emmanuel Macron ist ein Kandidat für diese Rolle, steht derzeit aber vor allem für Vernunft und Europa, und das reicht nicht.

Wider die Betonmischer

Manchmal gibt es schöne Wörter, die etwas Hässliches ausdrücken. Flächenfraß ist so ein Wort. Es geht darum, dass mehr und mehr Natur betoniert wird, weil Straßen, Parkplätze, Gewerbeflächen oder Häuser entstehen. Der Bayerische Verfassungsgerichtshof verkündet heute, ob ein Volksbegehren gegen Flächenfraß zulässig ist. Die Initiatoren wollen erreichen, dass in Bayern nicht mehr als fünf Hektar Natur täglich verschwinden dürfen, bislang sind es doppelt so viele.

Gewinnerin des Tages

HAYOUNG JEON/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Die ehemalige Lichtgestalt hat heute Geburtstag. Angela Dorothea Merkel wird 64 Jahre alt. Sie wird nicht so dumm sein, diese Zahl so zu belasten wie Horst Seehofer seine 69. Sie war ja ohnehin viel cooler, viel smarter als er in den vergangenen Wochen, hat im Streit um die Flüchtlingspolitik die Nerven behalten, er dagegen hat sie verloren. Machtkampf kann sie immer noch.

So. Manchmal kritisieren mich Leser dafür, dass ich Merkel so viel kritisiere, zum Beispiel U. M. Zum Geburtstag wollte ich sie mal nicht kritisieren. Habe ich fast geschafft.

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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
finchen0598 17.07.2018
1. ...Ihre Sicht auf Putin und Trump...
finde ich erhellend. Das habe ich bisher noch nicht so betrachtet, aber aus der Perspektive von Trumps Ego macht das Sinn. Anders kann ich ich mir sein schizophrenes Verhalten, ganz besonders gegenüber seinen Geheimdiensten, nicht erklären. Es gibt ja vielleicht nicht mehr viel, in was man Vertrauen setzen kann, aber ich halte Sonderermittler Mueller für vertrauenswürdig, im Gegensatz zu Kenneth Starr, der damals die Ermittlung zur Lewinsky-Affäre leitete. Mueller labert nicht und ergeht sich nicht in Andeutungen, sondern macht Nägel mit Köpfen. Und wenn der jemanden anklagt, gehe ich davon aus, dass er auch ensprechende Beweise vorlegen kann. Das müsste eigentlich auch dem POTUS klar sein. Aber der will keinen Schatten auf seiner Präsidentschaft, die jetzt schon komplett im dunkeln liegt......
StefanZ.. 17.07.2018
2. Nicht alle Lichter sind gleich
Ich glaube, dass Ihr Geburtstagsgeschenk ein paar Nummern zu groß ausgefallen ist. Die Geschichtsbücher werden eines Tages die Entscheidungen und Handlungen dieser Frau als das beurteilen was sie wirklich waren. Meine Meinung ist, dass dann das Wort human in der Beschreibung nicht vorkommen wird. Wie dem auch sei, hier meine schriftliche Bescheinigung dafür, dass Sie mit Ihrem Lob das Soll für die nächsten 365 Tage übererfüllt haben. Also bitte ab Morgen die rosarote Brille wieder abnehmen. Oder vielleicht sollte man eher von einer trübschwarzen Brille die Realitäten in großen Teilen ausblendet reden. Da kommt mir noch eine andere Idee: wie wäre es mit Frau Merkel als ganz kleine Leuchte auf einer der nächsten Spiegel-Coverseiten?
Persipanstollen 17.07.2018
3. Apropos 100. Jahrestag
Genau vor 100 Jahren, in der Nacht vom 16. auf 17. Juli 1918 wurde in Jekatarinenburg die Zarenfamilie ermordet. Aber wen interessiert das schon. Putin hat besseres hat zu tun, als 4 jungen Mädels zu huldigen, die in den Scheinwerfern der Weltöffentlichkeit auf brutalste Art und Weise hingerichtet wurden.
Newspeak 17.07.2018
4. ....
Merkel als Lichtgestalt. Und das auf nüchternem Magen. Sind wir in Nordkorea, dass so ein Personenkult betrieben wird? Gibt es noch journalistische Unabhängigkeit?
haresu 17.07.2018
5. Man braucht sie nicht
Die Lichtgestalten. Schön, wenn es sie gibt, schön, wenn sie nicht enttäuschen, aber brauchen tut man sie nicht. Man braucht sich selber. Alles andere ist nur Politik- Konsum.
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