Niedergang eines Erfolgsmodells: Wie sich Unicef gegen den Absturz stemmt

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Erst Verschwendungsvorwürfe, dann die Aberkennung des Spendensiegels - am Ende Millionenverluste bei den Spenden: Die vergangenen Monate waren für Unicef Deutschland ein Debakel. Die Neuwahl des Vorstandes soll nun endlich die Wende bringen.

Berlin/Köln - Wann geht es wieder aufwärts bei Unicef Deutschland? Die Frage ringt Unicef-Sprecherin Helga Kuhn ein kurzes Schnauben ab, sie klingt müde. "Es gibt erste positive Anzeichen", sagt sie SPIEGEL ONLINE. Die Zahl der Fördermitglieder stabilisiere sich, man verzeichne "keine außerordentlich hohe Anzahl von Kündigungen" mehr.

Unicef-Logo: "Erste positive Anzeichen"?
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Unicef-Logo: "Erste positive Anzeichen"?

Die bisherige Bilanz der Krise ist bitter. Zuletzt lag die Zahl der Fördermitglieder laut Unicef bei rund 163.000 - vor der Krise waren es 200.000 Förderer, die jeden Monat zwölf Euro an das Kinderhilfswerk überwiesen. Die Gesamteinnahmen der Organisation sind seit November um 20 Prozent eingebrochen. Den Ausfall schätzt das Kinderhilfswerk auf sieben Millionen Euro.

Erklärtes Ziel ist es nun, die 37.000 verlorenen Unterstützer zurückzugewinnen. Viel dringlicher allerdings wird es sein, nicht noch mehr Spender zu vergrätzen. Tausende, die zunächst noch an ihrer Unterstützung festgehalten hatten, kehrten Unicef im Februar den Rücken. Der Grund: Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen hatte der Organisation wegen seines undurchsichtigen Finanzgebarens das Spendensiegel entzogen. Etliche ehrenamtliche Helfer wollten von Unicef nichts mehr wissen. Umso energischer versucht Unicef nun die Kehrtwende.

"Tieftraurig und ein wenig frustriert"

Die Krise hat die Führungsetage von Unicef Deutschland arg dezimiert. Zuerst schmiss die Vorsitzende Heide Simonis hin, die hernach in der Illustrierten "Bunte" klagte, sie sei "tieftraurig und ein wenig frustriert". Dann trat nach langen Querelen unter anderem Geschäftsführer Dietrich Garlichs ab. Simonis' Amt hat übergangsweise Reinhard Schlagintweit übernommen, doch er wird seinen Posten gemeinsam mit seinen sechs übrigen Vorstandskollegen bei der Mitgliederversammlung in der kommenden Woche niederlegen. Ein Schritt, der offenbar auf Druck der Unicef-Basis erfolgte und den Weg für frisches Personal im Vorstand freimachen soll.

Die Mitgliederversammlung ist das oberste Organ des Deutschen Komitees für Unicef. Sie besteht üblicherweise aus 60 Personen. Unter anderem sind in dem Gremium Prominente wie die TV-Moderatorinnen Sabine Christiansen und Nina Ruge sowie Politiker wie Henning Scherf (SPD) oder Antje Vollmer (Grüne) vertreten. Die Versammlung soll am kommenden Donnerstag über die Zusammensetzung des Vorstands entscheiden, der dann wiederum laut Satzung aus seinen Reihen einen Vorsitzenden bestimmt.

Die Wahl des künftigen Vorsitzenden könnte durchaus Signalwirkung haben - vorausgesetzt er oder sie geht in der Öffentlichkeit als seriös, zupackend und moralisch integer durch. Doch das allein wird nicht reichen für einen Neuanfang.

Mindestens ebenso entscheidend wird die Neubesetzung der Geschäftsführerstelle werden. Der Abgang von Dietrich Garlichs hat eine große Lücke hinterlassen. In den 18 Jahren seiner Geschäftsführung hat sich das Spendenaufkommen verdreifacht. Er machte "aus einem mittelgroßen Laden die erfolgreichste Spendenorganisation Deutschlands" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung").

Sensible Personalien

Doch wer könnte in Garlichs Fußstapfen treten? In der Unicef-Zentrale in Köln gibt man sich bedeckt. Die Möglichkeit, einen Interimsgeschäftsführer einzustellen, sei im Gespräch, sagt Sprecherin Kuhn. Außerdem habe eine Personalberatung ihre Hilfe bei der Suche nach einem geeigneten Kandidaten angeboten. Namen will sie nicht nennen. Die Personalie ist hochsensibel.

Wer auch immer Garlichs nachfolgt - er wird auf jeden Fall transparenter arbeiten müssen. Schlagintweit kündigte am Donnerstag an, der kommende Unicef-Geschäftsbericht werde eine ausführliche Finanzberichterstattung mit Bilanz und Gewinn- und Verlustrechnung enthalten. Außerdem sollen Struktur und Satzung des Kinderhilfswerks überprüft und gegebenenfalls optimiert werden.

Und wann wird nun alles besser? "Ich bin zuversichtlich, dass wir die Trendwende bald schaffen", sagte Sprecherin Kuhn, "spätestens nach der Neuwahl des Vorstandes." Das wäre am 10. April - ein ambitioniertes Vorhaben.

Schließlich fehlt noch das Zutrauen der Spender.

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