TV-Duell vor Niedersachsen-Wahl: Locker, artig - und ein bisschen giftig

Von , Hannover

TV-Duell fast auf Augenhöhe: Ministerpräsident David McAllister, CDU, und sein SPD-Herausforderer Stephan Weil stritten sich, wer Niedersachsen besser regieren würde. Gleich zu Beginn gab's einen Schnitzer - Ergebnis deshalb: Leichter Vorteil für den Amtsinhaber. Der Schlagabtausch im Schnellcheck.

TV-Duell: Herrenrunde in Hannover Fotos
DPA

Wie sieht die Lage vor der Wahl aus?

Es ist spannend in Niedersachsen - zehn Tage vor der Wahl gibt es laut Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Der NDR präsentiert während des Duells neue Zahlen: Infratest dimap sieht Rot-Grün bei 46 Prozent und damit nur noch einen Prozentpunkt vor Schwarz-Gelb (45 Prozent) - die Liberalen haben leicht zugelegt, liegen jetzt bei fünf Prozent. Beide, David McAllister, 41, CDU-Ministerpräsident, und sein Herausforderer Stephan Weil, 54, Oberbürgermeister von Hannover, wissen, es geht nun um jede Stimme, schließlich sind noch 44 Prozent der Befragten unentschlossen, wen und ob sie wählen gehen sollen.

Wer hatte den besseren Start?

Beide Kandidaten starten vorsichtig in das einstündige Duell, wollen keine Fehler machen. McAllister braucht etwas Zeit, um sich warm zu reden. Er schaut viel zum Moderator, erst spät zu seinem Kontrahenten rüber. Er wirkt angespannt. Gleich zu Anfang geht's um die unangenehmen Themen: McAllister soll sich zu Ex-Bundespräsident Christian Wulff äußern, der sich gerade von seiner Frau Bettina getrennt hat. Welche Auswirkungen das habe, will NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz wissen. Der CDU-Mann lächelt etwas gequält, sagt dann das, was er immer sagt - nämlich, dass das eine Privatangelegenheit sei. Stephan Weil muss sich zu seinem "Päckchen" äußern, den Patzern des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. Weil lächelt viel und sagt, dass dies keine Auswirkungen auf seinen Wahlkampf habe: "Das spielt in Niedersachsen keine Rolle." Er wirkt dabei recht souverän.

Wann wird es spannend?

In dem Moment, als der Moderator die neuesten Umfragezahlen präsentiert. McAllister sieht sich im Aufwind, seine Gesichtszüge wirken entspannter, mehrmals wirbt er für Schwarz-Gelb. Weil natürlich für Rot-Grün, betont, dass er hart kämpfen wird. Dann aber, angesprochen auf eine Zusammenarbeit mit der Linken, macht er einen taktischen Fehler - er will sich nicht festlegen. "Ich pflege mich nicht mit Splitterparteien abzugeben." Es sei unrealistisch, dass die Linke in den Landtag einziehe. Wieder Nachfrage des Moderators. Weil ausweichend: "Nach Daten, die ich kenne, ist das so unrealistisch, dass wir nicht wertvolle Sendezeit mit solchen Spekulationen verprassen sollten." McAllister schaltet auf Angriff - als Amtsinhaber. "Es ist verräterisch, was Sie sagen." Die CDU zeige immer eine klare Kante gegen die Linke. Weil entgegnet: "Was ich sage, bestimme ich, was Sie sagen, bestimmen Sie." Es klingt dabei etwas giftig.

Gibt es was Neues?

Nicht wirklich - Betreuungsgeld, Kita-Plätze, Studiengebühren, Strompreise: Die beiden tauschen ihre altbekannten Positionen aus - oft staatsmännisch, die Sätze wirken auswendig gelernt. Beide geben sich ruhig und kontrolliert. Weil, der oft als blass und dröge vom politischen Gegner verspottet wird, schlägt sich erstaunlich wacker. Er macht das, was er am besten kann, den freundlichen und sachorientierten Politiker geben, argumentieren. Angreifen liegt ihm nicht so richtig, auch wenn er energischer und bestimmter als sonst spricht. Einzig die "Unmenschlichkeit", die er McAllister und dessen Regierung beim Thema Asyl vorwirft, bleibt hängen. Beim umstrittenen schleppenden Ausbau der Krippenplätze für unter Dreijährige bekommt Weil sogar Unterstützung vom Moderator, der noch mal wiederholt, dass Niedersachsen verglichen mit den anderen Bundesländern am Ende des Rankings liegt. Weil lächelt da breit.

Wer wirkt lockerer?

Das ist tatsächlich McAllister, dessen Stärke TV-Auftritte eigentlich so gar nicht sind - unvergessen ist sein Auftritt bei "Markus Lanz" im Sommer, als es um die vorgefertigten Interviews für die Lokalpresse ging. Am Ende lächelte er damals nur noch, Antworten gab er nicht mehr wirklich. Das ist am Donnerstag anders, McAllister scheint sich gut mit seinem Team vorbereitet zu haben, immer wieder geht er in die Offensive - spricht von Hochschulpräsidenten, "darunter auch Sozialdemokraten", die für die umstrittenen Studienbeiträge sind, die Weil doch abschaffen will. Der Sozialdemokrat reagiert darauf nicht. Er zählt dagegen Fakten und Zahlen auf. Allerdings spricht Weil seinen Kontrahenten öfters direkt mit Namen an, der schaut dann recht ernst zurück.

Wer ist der Gewinner?

Am Ende des Duells liegt McAllister leicht vorne. Er war der Angriffslustigere von beiden. Verkehrte Welt. Der Herausforderer sollte attackieren. Doch Weil ist der Sachlich-Zurückhaltendere, sicherlich auch eine Frage des Typs. Der CDU-Amtsinhaber schafft es sogar, ein bisschen witzig zu sein, als er die Wähler direkt anspricht und wirbt: "Und wenn Sie die CDU noch nicht gewählt haben, probieren Sie es aus." Nach dem Motto - es tut doch nicht weh. Sein SPD-Kontrahent macht in den letzten Sekunden das, was er immer macht. Er ruft die Menschen auf, zur Wahl zu gehen: "Es ist ein enges Rennen, es kommt auf jede Stimme an." Dann erst wirbt er für die SPD und sich. Klingt etwas arg artig.

Und sonst?

Schade ist, dass der NDR das TV-Duell erst spät um 21 Uhr zeigt und nicht gleich nach der Tagesschau ausstrahlt. Das würde sicher die Zuschauerzahlen steigern - in Zeiten, in denen über Politikverdrossenheit geklagt wird, sicher keine schlechte Maßnahme. Und warum gibt es eigentlich nur McAllister und Weil allein, nicht auch eine Runde mit allen Spitzenkandidaten, gerade bei so knappen Umfragewerten? Und zu guter Letzt: Eine zusätzliche Moderatorin - wie im "kleinen" TV-Schlagabtausch am Mittwoch hätte der Herrenrunde mit NDR-Chefredakteur Cichowicz sicher gut getan.

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insgesamt 97 Beiträge
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1. Tja die Linken...
BettyB. 11.01.2013
Wie so oft haben es die Wähler der Linken in der Hand, dass weiß natürlich auch Weil, der sie nicht verärgern wollte. Wer aber Links wählt, wählt indirekt eben doch Schwarzgelb. Und deshalb freut sich McAllister auch über jeden Linkswähler...
2. lang-weil
pharma 11.01.2013
bei mc allister weiss man wenigstens was man hat. der andere ist doch kein herausforderer, keine inhalte, kein witz, kein charme und wiedererkennen würde man den auf der straße doch auch nicht.
3. Einspruch, Herr Richter!
Knoop 11.01.2013
In meinen Augen lag Stephan Weil am Ende leicht vorn. Nicht nur, dass er - schon etwas überraschend - bei allen Landesthemen inhaltlich absolut mit McAllister mithalten konnte. Auf mich wirkte Weil während des gesamten Duells schlicht sympathischer, menschlicher, natürlicher.. Demgegenüber ein Amtsinhaber, dem das Lächeln ins Gesicht gemeißelt schien, der immer wieder Arroganz durchblicken ließ und sein Abschluss-Statement geradezu roboterhaft runterbetete. Und wer dann allen Ernstes im Jahr 2013 das "Keine Experimente" von Adenauer als Argument anführt, der hat offensichtlich keine inhaltlichen Gründe, warum man ihn wählen sollte.
4.
cassandra106 11.01.2013
Zitat von sysopDPATV-Duell fast auf Augenhöhe: Ministerpräsident David McAllister (CDU) und sein Herausforderer Stephan Weil (SPD) stritten sich, wer Niedersachsen besser regieren würde. Gleich zu Beginn gab's einen Schnitzer - Ergebnis deshalb: Leichter Vorteil für den Amtsinhaber. Der Schlagabtausch im Schnellcheck. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/niedersachsen-david-mcallister-und-stephan-weil-im-tv-duell-a-876674.html
Schon dieses Duell zeigt, dass die Demokratie in Deutschland tot ist. Wir sind kein quasi Zwei-Parteien-System wie in den USA. Ein Duell in Deutschland bedeutet, dass da einfach so 3-4 etablierte Parteien gänzlich außen vorgelassen werden (auch wenn zwei davon ohnehin für den gleichen Mist stehen). Eine unglaubliche Manipulation und damit Demokratiefeindlichkeit. Im Endeffekt sollte man es ganz weglassen und allgemein politisch informieren. Quasi eine Wahl-O-Mat Sendung, wo die Hintergründe der einzelnen Punkt objektiv erklärt werden.
5. Sehe McAllister NICHT vorn
BartS 11.01.2013
Ich teile die Meinung nicht, dass McAllister das Duell gewonnen hat. Vielleicht war er etwas angriffslustiger - aber in puncto Inhalte war Weil meiner Meinung nach überwiegend überzeugender, auch kam er deutlich sympathischer rüber. Wenn überhaupt war es ein Unentschieden, ich sehe eher Weil knapp vorn.
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David McAllister: Merkels Hoffnung in Niedersachsen

Zur Person
  • Peter Steffen
    David McAllister, 41, ist Ministerpräsident von Niedersachsen. Am 20. Januar stellt er sich erstmals zur Wahl. Der CDU-Politiker hatte das Amt geerbt, als sein Vorgänger Christian Wulff ins Bundespräsidialamt wechselte.

    McAllister trat mit 17 Jahren in die CDU ein, war Ratsmitglied, Kreistags- und Landtagsabgeordneter. 2002 wurde der studierte Jurist Generalsekretär der CDU Niedersachsen, ein Jahr später Chef der Landtagsfraktion. 2008 übernahm er von Wulff den Posten des Landeschefs. McAllister ist der bundesweit einzige Ministerpräsident mit doppelter Staatsbürgerschaft: Er wurde 1971 in Berlin als Sohn eines schottischen Offiziers und einer Deutschen geboren. Heute lebt er mit Frau und zwei Töchtern in Bad Bederkesa, wo er einst Schützenkönig und Bürgermeister war.
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Stephan Weil: Der solide Sozi aus Hannover

Zur Person
  • DPA
    Stephan Weil, 54, Spitzenkandidat der SPD in Niedersachsen. In Hamburg geboren, lebt er seit 1965 in Hannover. Er studierte Jura, arbeitete als Anwalt, Staatsanwalt und Amtsrichter. 1997 trat Weil in den Dienst der Stadt Hannover und wurde Kämmerer. Dies blieb er bis 2006, als ihn die Hannoveraner zum Oberbürgermeister wählten.

    Im November 2011 setzte sich Weil bei einem Mitgliederentscheid um die SPD-Spitzenkandidatur knapp gegen Konkurrent Olaf Lies durch. Ihm folgte Weil im Januar 2012 als Landeschef. Er ist verheiratet, hat einen Sohn. Weil ist Fan des Clubs Hannover 96 und Läufer.


Das Wahljahr 2013
20. Januar: Landtagswahl in Niedersachsen
Die Niedersachsen haben entschieden - allerdings sehr knapp. Ein hauchdünner Vorsprung von einem Mandat für eine rot-grüne Koalition ermöglicht es dem SPD-Herausforderer Stephan Weil, den erst seit 2010 amtierenden David McAllister (CDU) als Regierungschef abzulösen. Nach dem anstehenden Machtwechsel zu Rot-Grün wird Schwarz-Gelb nur noch über 15 der 69 Stimmen im Bundesrat verfügen. Die schwächelnde FDP erreichte mit 9,9 Prozent der Stimmen ein sehr starkes Ergebnis - profitierte dabei aber von vielen strategisch wählenden CDU-Anhängern. Dennoch: Durch den Erfolg bleibt Philipp Rösler vorerst Parteichef, Fraktionschef Rainer Brüderle übernimmt lediglich die Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl.
September: Landtagswahl in Bayern
Die CSU hofft erneut auf eine absolute Mehrheit, die sie 2008 spektakulär verloren hat. Unter Ministerpräsident Horst Seehofer ging sie eine Koalition mit der FDP ein. Eine Neuauflage ist fraglich, weil die Liberalen laut Umfragen an der Fünfprozenthürde scheitern könnten. Die Sozialdemokraten blicken auf ihr schlechtestes Nachkriegsergebnis zurück. Die Grünen verbesserten sich damals leicht, die Freien Wähler waren erstmals erfolgreich.
September: Bundestagswahl
Die Unionsparteien setzen auf die populäre CDU-Vorsitzende und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ihr Herausforderer ist der frühere SPD-Finanzminister Peer Steinbrück, der Rot-Grün anstrebt. 2009 hatte die Union der SPD die schlimmste Niederlage ihrer Nachkriegsgeschichte beigebracht. Der Fortbestand von Merkels schwarz-gelber Koalition ist ungewiss, weil der FDP nach ihrem großen Erfolg von 2009 das parlamentarische Aus droht.
September: Landtagswahl in Hessen
In Hessen wird der neue Landtag zusammen mit dem Bundestag gewählt. Volker Bouffier führt die CDU erstmals als Ministerpräsident in den Wahlkampf. Sein langjähriger Vorgänger Roland Koch hatte sich 2009 behauptet. Die SPD sieht sich nach ihrer verheerenden Niederlage damals wieder im Aufwind. Die FDP, mit der Bouffier regiert, kam 2009 auf ihr bestes Ergebnis seit den fünfziger Jahren, muss jetzt aber die Fünfprozentklausel fürchten.