Vor Landtagswahl in Niedersachsen Das bessere TV-Duell

Von wegen langweilig: Niedersachsens Ministerpräsident Weil und Herausforderer Althusmann zeigen, dass Wahlkampf durchaus spannend sein kann. Auch der Moderator trug zu einem gelungenen TV-Duell bei.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (l, SPD) und CDU-Spitzenkandidat Bernd Althusmann
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Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (l, SPD) und CDU-Spitzenkandidat Bernd Althusmann

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Manchmal ist weniger einfach mehr. Ein nüchternes Studio, zwei Kandidaten, ein Moderator, ausgestrahlt im NDR: Das war alles beim TV-Duell vor der niedersächsischen Landtagswahl. Was für ein Unterschied zur gigantischen Show beim sogenannten Kanzlerduell vor fünfeinhalb Wochen, das von vier Sendern übertragen wurde und vor allem eins war: langweilig.

SPD-Ministerpräsident Stephan Weil und CDU-Herausforderer Bernd Althusmann zeigten fünf Tage vor der Landtagswahl, wie es geht - sie lieferten schlicht das bessere TV-Duell ab. Die Landespolitiker stritten, fielen einander ins Wort und widersprachen dem Konkurrenten vehement. Ein klarer Sieger war dabei nicht auszumachen: Weil dominierte die erste halbe Stunde - Althusmann legte in der zweiten Hälfte zu.

Den Ton setzte gleich zu Beginn der Regierungschef. Weil warf seinem Kontrahenten unanständiges Verhalten vor, weil die CDU die Grünen-Abweichlerin Elke Twesten aufgenommen habe. "Das bleibt in den Hinterköpfen der Menschen, weit über SPD-geneigte Kreise hinaus", sagte er. Althusmann konterte und warf Weil "schwere Managementfehler" vor. Er habe nicht gemerkt, dass Twesten beim Koalitionspartner gemobbt worden sei.

Zu spüren war jedoch, dass der CDU-Mann rasch das Thema wechseln wollte. Gleich zweimal bat er darum, doch lieber über Inhalte zu diskutieren. Weil griff das genüsslich auf und stichelte, er könne ja verstehen, dass Althusmann nicht über Twestens Seitenwechsel reden wolle.

Auch über die inhaltlichen Themen stritten die beiden Niedersachsen dann sehr viel leidenschaftlicher als ihre Parteivorsitzenden Anfang September: Schulz hatte gehemmt gewirkt, Weil griff an. Merkel war ausgewichen, Althusmann setzte eigene Attacken.

O Wunder, die Kandidaten antworten ja wirklich!

Zum Beispiel in der Bildungspolitik: Es ist das Thema, das die Niedersachsen für das wichtigste im Wahlkampf halten. Und es gibt eine große Unzufriedenheit mit der rot-grünen Schulpolitik. "Nicht versetzt", lautete deshalb das Urteil von Althusmann, der bis 2013 selbst Kultusminister im Land war. An den Schulen herrsche Chaos, vor allem an Grundschulen führe der Lehrermangel zu Tausenden von ausgefallenen Stunden.

Der Inklusion, von Althusmann selbst eingeführt, will der Herausforderer eine einjährige Atempause verpassen. Ein "fatales Signal" sei das, konterte Weil: "Inklusion ist ein Menschenrecht. Menschenrechte setzt man nicht aus."

Auch über die Dieselaffäre von VW stritten die beiden Kandidaten lautstark. "Der Konzernvorstand nimmt Sie nicht ernst", warf Althusmann dem Ministerpräsidenten vor. Alle wichtigen Dinge beim Autobauer, an dem Niedersachsen 20 Prozent hält, habe Weil aus der Zeitung erfahren. "Sie überblicken nicht, wovon Sie reden", sagte der SPD-Mann. Das Thema VW sei "zu wichtig, um damit Wahlkampf zu machen".

Dass dieses Duell so viel unterhaltsamer, aber auch inhaltlich tiefgehender war als das Kanzlerduell, lag auch am Moderator. Der NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz leitete die Debatte geschickt. Er hielt sich an den richtigen Stellen zurück und ließ damit ein Streitgespräch zu, zu dem es zwischen Merkel und Schulz nie richtig kam. Wenn es sein musste, griff Cichowicz aber auch ein und rief die Politiker zur Ordnung: "Sie dürfen meine Frage gerne beantworten", sagte er dann.

Was - welch ein Wunder mittlerweile bei diesem Format - Weil und Althusmann dann auch tatsächlich taten.



insgesamt 25 Beiträge
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Marie Winchester 11.10.2017
1. Weil war klar vorne
Stephan Weil war definitiv besser. Er weiß, wovon er spricht, ist sachlich und hat gute Argumente. Der CDU-Mann wirkt total falsch und narzisstisch. Bei ihm muss ich immer an Trump denken. Hoffentlich wird der nicht gewählt...
quark2@mailinator.com 11.10.2017
2.
Scheint mir völlig das falsche Kriterium zu sein. Der Wahlkampf ist nicht dazu da, spannend zu sein. Es geht nicht darum, Zuschauer gut zu unterhalten. Eigentlich sollte es noch nichteinmal unbedingt um Kampf gehen. Denn eigentlich sollte es nicht darum gehen, wer alleine die Macht hat, sondern wie alle gemeinsam das Land vorwärts bringen können. Das ganze Modell steht auf dem Kopf. Wieso sollten bei einer Wahl, die 51:49 ausgeht, die einen alles bestimmen und die anderen nichts zu sagen haben, während alle nur danach streben, daß es das nächste Mal prozentmäßig etwas anders ausgeht ? ALLE Parlamentarier sind gewählt, um gemeinsam mit ganzer Kraft für das Land zu arbeiten. Und das Land leistet sich den politischen Apparat nicht, um Fernsehunterhaltung zu produzieren.
Georg Bogenstahl 11.10.2017
3. Althusmann war klar besser
Das Duell war auf alle Fäle kurzweilig. Der Moderator ist aber nur bei Althusmann ins Wort gefallen. Dass der über Inhalte und nicht über die Verschwörungstheorien von Weil sprwchen will, spricht für und nicht gegen ihn. Weil hat bei VW nichts hinbekommen. Wahrscheinlich hat auch Piech recht, dass er Weil schon viel früher über den Betrug informiert hat.
stefan.p1 11.10.2017
4. Eine gute Diskussion steht und fällt mit den Kontrahenten
und wer bei einer Diskussion zwischen Merkel und Schulz auf interresante Aussagen oder gar Streitgespräche gehofft hat vergisst das die beiden lange genug zusammen gearbeitet haben und Merkel eben Merkel ist! Ich, jedenfalls, habe noch keine kontroverse Diskussion mit der Kanzlerin gesehen. Was natürlich auch an den Moderatoren gelegen hat , die regelmäßig in Schockstarre gefallen sind,wenn sie Merkel gegenüber standen.
mwroer 11.10.2017
5.
'Das Thema VW sei "zu wichtig, um damit Wahlkampf zu machen"' Da verstehe ich Herrn Weil nicht - welche Themen glaubt er denn dem Wähler zumuten zu können und warum sollten gerade die für Niedersachsen wirklich essentiellen Themen wie 'Wie geht es mit VW weiter' von denen die Zukunft des Bundeslandes zu einem gut Teil abhängt, den Bürger nicht interessieren? Das Thema VW, Fahrverbote, Dieselumrüstungen ... all das hat direkteste Auswirkungen auf die Menschen. So wie Rente, Sozialleistungen und Bildungspolitik. Das der CDU Mensch mehr über Inhalte sprechen wollte statt über Verschwörungstheorien warum der SPD Fraktion die Leute weglaufen ist verständlich und sollte in einem Wahlkampf ohnehin das einzige sein worüber man spricht. Das die SPD Inhalte - zumal die Inhalte die wichtig sind - lieber ausklammert ist ja in gewisser Weise verständlich. Letztlich hat er Herr Weil doch außer 'Weiter so' auch nichts zu bieten - und das wirft man ja der CDU vor.
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