Nitrofen-Skandal Verseuchtes Getreide stammt aus Mecklenburg-Vorpommern

Der Nitrofen-Skandal ist aufgeklärt: Das von dem niedersächsischen Futtermittelhersteller "GS agri" bundesweit verkaufte Öko-Getreide wurde in einem Lager einer Saatgutfirma in Mecklenburg-Vorpommern mit dem verbotenen Pflanzenschutzmittel kontaminiert. In der Halle bei Neubrandenburg wurden zu DDR-Zeiten Pestizide gelagert.


Der Ausgangspunkt der Ökolandwirtschaftskrise: Die "GS agri"-Handelsgesellschaft im Landkreis Vechta
AP

Der Ausgangspunkt der Ökolandwirtschaftskrise: Die "GS agri"-Handelsgesellschaft im Landkreis Vechta

Hamburg - "Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass es noch eine andere Quelle der Verunreinigung gibt", sagte Bundesverbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne).

Nach Angaben von Mecklenburg-Vorpommerns Agrarminister Till Backhaus (SPD) handelt es sich bei der betroffenen Firma um die Norddeutsche Saat- und Pflanzengut AG Neubrandenburg (NSP). Das Unternehmen wurde laut Landesministerium sofort gesperrt. Davon betroffen seien auch Niederlassungen in anderen Bundesländern. Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt hätten die Ermittlungen aufgenommen.

Lagerstätte der Staatsreserve

Den bisherigen Erkenntnissen zufolge hatte die NSP die Halle in Malchin bei Neubrandenburg im Oktober 2001 gemietet und dort das Bio- Getreide aufbewahrt. Zu DDR-Zeiten diente die Halle als "Lagerstätte der Staatsreserve an Pflanzenschutzmitteln der drei Nordbezirke". Nach der Wiedervereinigung wurde das Lager 1990 durch die Treuhand privatisiert und vom Bund ohne Auflagen veräußert.

Niedersachsens Agrarminister Uwe Bartels (SPD) sagte, die Ermittlungen konzentrierten sich nun auf die Verantwortlichen des Skandals. Sie seien einmal beim Betreiber der Halle in Malchin zu suchen, dann bei den Verarbeitern des Getreides sowie bei den Käufern der Futtermittel. Sie hätten das Getreide zwar gutgläubig erworben, später aber teilweise den Nachweis von Nitrofen verschwiegen.

Raiffeisenverbund als Hauptverantwortlicher

Künast stellte klar, dass es sich nicht um einen Öko-Skandal gehandelt habe. Vielmehr sei der genossenschaftliche Raiffeisen- Verbund hauptverantwortlich dafür, dass die Öffentlichkeit nicht frühzeitig informiert wurde. "Das muss jetzt ein Ende haben." In Richtung Unionskanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) und der Unions- geführten Länder, die am Freitag das Verbraucherinformationsgesetz im Bundesrat blockierten, sagte sie: "Stoiber soll darüber noch einmal nachdenken." Im Vermittlungsausschuss sei dafür jetzt genug Zeit.

Zuvor hatten Wissenschaftler neben Nitrofen noch weitere verbotene Pflanzenschutzmittel in dem Bio-Futter Futtermittelherstellers "GS agri" nachgewiesen. Der Anwalt von "GS agri", Carsten Bittner, bestätigte am Samstag einen SPIEGEL-Bericht. Er betonte aber, bei diesen Stoffen seien die gesetzlichen Grenzwerte nicht überschritten worden. Das Bundesministerium für Verbraucherschutz in Berlin erklärte, dass die Untersuchungsergebnisse derzeit überprüft würden. Ein Ergebnis sei Anfang der Woche zu erwarten.

Verseuchte Eier und Fleisch

"GS agri" steht im Verdacht, mit Nitrofen verseuchtes Futtermittel für Geflügel an Öko-Betriebe ausgeliefert zu haben. Inzwischen wurden in vier Bundesländern verseuchte Eier oder Hühnerfleisch gefunden.

Von Samstagmittag an soll das Lieferverbot von der Polizei kontrolliert werden. Das Landesamt für Verbraucherschutz lasse Beamte vor der Produktionsstätte für Öko-Futter bei Cloppenburg postieren, um sicher zu gehen, dass das am Donnerstagabend verhängte Verbot auch eingehalten werde, sagte eine Behördensprecherin in Oldenburg.

Bereits im November hatte die Versicherung von GS agri ein privates Labor in Hannover mit der Untersuchung der Probe des Ökofutter beauftragt. Ende März, Anfang April lagen die Ergebnisse laut Bittner vor. In der Probe war auch eine Belastung von 15,9 Milligramm Nitrofen je Kilogramm Weizen gefunden worden, der Grenzwert liegt europaweit bei 0,01 Milligramm.

Vermischung des Ökofuttergetreides

Das Verbraucherschutzministerium hat nach eigenen Angaben vom dem Gutachten Ende der Woche erfahren. Die Ergebnisse der Untersuchung könne das Ministerium noch nicht bestätigen, sagte ein Sprecher am Samstag: "Wir haben Paralleluntersuchungen laufen."

Bis Anfang der Woche soll auch die Vermutung des Versicherungs-Gutachters überprüft sein, dass Ökoweizen mit konventionell angebautem Weizen gemischt worden ist. Im Untersuchungsbericht des Labors heißt es das Ergebnis spreche "für eine Vermischung des Ökofuttergetreides mit belastetem Getreide aus konventionellem Anbau."

Stoiber attackiert Künast

In Vechta nahe dem Sitz der "GS-agri" attackierte Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) derweil die Agrarpolitik der rot-grünen Bundesregierung. Bei einer CDU-Veranstaltung sagte Stoiber am Samstag vor mehreren tausend Bauern, die angestrebte Agrarwende verwässere den Ökolandbau und schade der konventionellen Landwirtschaft. Stoiber sprach sich für die Fortführung der staatlich subventionierten Agrarwirtschaft aus. Eine rein markwirtschaftliche Ausrichtung würde zur Verödung der Kulturlandschaft führen.

Verbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne) warf er im Nitrofen-Skandal Versagen vor. Sie habe "auf ganzer Linie versagt", sagte Stoiber der "Welt am Sonntag". "Wenn jetzt die Öko-Betriebe in Misskredit geraten, trägt sie alleine die politische Verantwortung", betonte der bayerische Ministerpräsident.

Warnung vor Generalverdacht

Preisfrage: Was steckt drin im Futter der Ökokuh?
DPA

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Der rheinland- pfälzische Landwirtschaftsminister Hans-Artur Bauckhage (FDP) warnte davor, die ökologische Landwirtschaft unter Generalverdacht zu stellen. Statt polemischer Schuldzuweisungen erwarteten die Verbraucher konsequente Qualitätskontrollen und mehr Transparenz, sagte der Minister am Samstag zur Eröffnung der Öko-Aktionstage 2002 in Mendig (Landkreis Mayen-Koblenz). Es müsse wieder "mehr Pragmatismus und weniger Ideologie" in der Agrarpolitik herrschen.

Gleichzeitig forderte Bauckhage eine restlose Aufklärung der Vorfälle und ein konsequentes Vorgehen gegen "schwarze Schafe" in der Öko-Branche. Nur damit lasse sich das Vertrauen der Verbraucher in die ökologische Landwirtschaft wiederherstellen. Bislang gebe es keinen Hinweis, dass Betriebe in Rheinland-Pfalz mit belastetem Futtergetreide beliefert wurden. "Wir müssen aufpassen, dass Vieh haltende Betriebe nicht erneut durch eine allgemeine Verunsicherung in eine Absatzkrise geraten", sagte der Minister.



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