Noam Chomsky: Der Großvater der Amerika-Kritiker

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Noam Chomsky ist der Michael Moore für Intellektuelle. Im Audimax der Freien Universität Berlin präsentierte der Großvater der Amerika-Kritik eine überraschende These: Bill Clinton und John F. Kennedy waren genauso schlimm wie George W. Bush.

US-Kritiker Chomsky: Cowboy mit weißen Socken
AP

US-Kritiker Chomsky: Cowboy mit weißen Socken

Berlin - Zu Beginn des Abends mit dem "meistzitierten lebenden Intellektuellen" ("New York Times") fällt der Name Hertha Däubler-Gmelin. Zur Erinnerung: Das war die Ministerin, die zurücktreten musste, weil sie George W. Bush und Adolf Hitler in einen Zusammenhang gebracht hatte. Bald stellt sich heraus, warum die Schwäbin in der Einleitung erwähnt wurde: Noam Chomsky ist der Großmeister der Hitlervergleiche.

Chomsky ist ein kleiner weißhaariger Mann. Er schlurft gebeugt zum Rednerpult, seine 77 Jahre sind ihm anzusehen. Er trägt weiße Tennissocken zu schwarzen Turnschuhen. Er entschuldigt sich für sein Outfit: Er wolle wirklich nicht wie ein Cowboy aus Texas auftreten, aber die Fluggesellschaft habe sein Gepäck verbummelt. Erster Lacher des Abends.

Das Audimax, der größte Hörsaal der FU, ist bis auf den letzten Platz gefüllt, und das kurz vor Ostern. Auch die Presse ist zahlreich erschienen, sogar Kameraleute und Fotografen. Und das alles ohne großes Werbebudget, nur durch Mundpropaganda, wie Politologie-Professor Ekkehard Krippendorf in der Einleitung stolz anmerkt. Der letzte Amerikaner, der den Saal füllte, sagt Krippendorf, war Robert Kennedy im Juni 1965.

Präventivschläge schon gegen Indianer

Noam Chomsky ist ein berühmter Linguistikprofessor aus Boston, er hat im vergangenen Jahrhundert eine wissenschaftliche Revolution in seinem Fach angeführt. Doch deshalb sind die Leute nicht gekommen. Der Andrang erklärt sich vielmehr durch einen Michael-Moore-Effekt. Chomsky ist der Großvater aller Amerika-Kritiker. Er hat schon amerikanische Präsidenten kritisiert, als Moore noch nicht einmal geboren war. Er hat auch viel mehr Bestseller geschrieben als Moore, ein Großteil wurde auf Deutsch übersetzt und liegt vor dem Audimax aus.

Als "Ayatollah des antiamerikanischen Hasses" hat der republikanische Kommentator David Horowitz ihn bezeichnet. Diesen Ruf hat Chomsky in den Augen seiner Kritiker einmal mehr bestätigt, als er wie einige andere Linksintellektuelle nach dem 11. September 2001 die These vertrat, die Terroranschläge seien eine logische Folge der amerikanischen Außenpolitik gewesen.

Der Vortrag an der FU trägt den Titel "Illegal but legitimate: A dubious doctrine for the times". Es geht um die Doktrin des präventiven Krieges, wie sie gegen den Irak angewandt wurde. Im Unterschied zu Moore nimmt Chomsky nicht ausschließlich George W. Bush ins Visier, sondern alle Präsidenten der Supermacht. Chomsky erinnert daran, dass die Präventivschlagdoktrin nicht von Bush oder den Neokonservativen erfunden wurde, sondern immer schon die Grundregel amerikanischer Außenpolitik war.

Er geht zurück bis zu Andrew Jacksons Indianerkriegen in Florida im 19. Jahrhundert, um zu zeigen, dass die USA auch damals schon im Namen von Freiheit, Wohlstand und Demokratie Angriffskriege geführt haben. Auch das Nato-Bombardement in Serbien unter Präsident Bill Clinton sei ein illegaler Präventivschlag gewesen.

Leider, beklagt Chomsky, sei seit Ende der neunziger Jahre ein über die USA hinausreichender "Eliten-Konsens" entstanden, der humanitäre Interventionen für legitim erklärt hat.

Chomskys Welt: Kennedy und die Nazis

Chomsky schimpft nicht, er redet ruhig, mitunter sarkastisch. Chomsky sei "von der Wut angetrieben", sagt Krippendorf in der Einleitung. Doch so klingt er nicht. Vielmehr wirkt er resigniert, ein ohnmächtiger Kritiker der herrschenden Meinung.

Anwalt der Entrechteten: Noam Chomsky auf dem Weltsozialforum in Porto Alegre
AFP

Anwalt der Entrechteten: Noam Chomsky auf dem Weltsozialforum in Porto Alegre

Hätte Chomsky sich auf sein Thema beschränkt, der Abend wäre für das Publikum ein durchaus lehrreicher Ausflug in die amerikanische Geschichte gewesen. Doch Chomsky wäre nicht Chomsky, wenn er nicht vom Hundertsten ins Tausendste käme. Und so gleitet der Vortrag bald ab in eine generelle Erörterung seiner Weltanschauung. Die unterscheidet sich nicht grundlegend von der Michael Moores.

Der bekennende Anarchist ist ein geübter Provokateur, und am besten provoziert es sich seit jeher mit Hitlervergleichen. Denn es sind ja nicht nur amerikanische Präsidenten, die eine Präventivschlagdoktrin haben und sie als humanitäre Intervention tarnen - alle Supermächte haben sie. Auch Hitler sei mit dem Versprechen von Freiheit und Wohlstand gekommen, als er die Sudetendeutschen in der Tschechei "befreite". Und wo Chomsky schon dabei ist, die Kontinuitäten von einer Supermacht zur nächsten aufzuzeichnen, behauptet er auch gleich, dass die Methoden, mit denen die demokratische Ikone John F. Kennedy in Zentralamerika gegen Rebellen vorging, direkt aus den Handbüchern der Nazis stammen.

Überhaupt, historische Vergleiche. Nichts eignet sich besser, um die Doppelmoral der US-Regierung bloßzustellen. Leider sind sie auch unseriös. So erinnert Chomsky an den "anderen 11. September" im Jahre 1973, als in Chile das Militär putschte und mit US-Unterstützung die "älteste Demokratie Lateinamerikas" beendete. "Man soll nicht aufrechnen", sagt er - und tut es trotzdem. 3000 Tote habe das Pinochet-Regime zu verantworten. Wenn man das auf die US-Bevölkerungszahl hochrechne, dann entspreche das 50.000 Toten. Der damalige Tag, so Chomskys verquere Logik, war also viel schlimmer als der Tag, an dem das World Trade Center fiel.

"Die Wahrheit wird unterdrückt"

Chomsky recycelt auch einige der Lebenslügen, die er sich im Laufe seines langen Lebens in der amerikanischen Linken zurechtgelegt hat. "Echte" Demokratie gibt es demnach nicht. Die amerikanische Bevölkerung ist eigentlich viel linker als die beiden Parteien, nur durch die Medien und die "Eliten" werden sie in einem Stadium der Unwissenheit gehalten und wählen deshalb konservativ. Dass auch der Grüne Ralph Nader mehrfach zur Wahl stand, aber nicht gewählt wurde, erwähnt Chomsky nicht. "Die Wahrheit wird unterdrückt", ist einer seiner Lieblingssätze. Einen mündigen Wähler kann es in diesem System nicht geben.

Puzzlestücke, die nicht in Chomskys Welt passen, lässt er lieber weg. Mit den demokratischen Wahlen im Irak zum Beispiel tut er sich schwer. Den USA, deren Invasion erst die Möglichkeit geschaffen hat, seien die Wahlen schon mal gar nicht zu verdanken, wenn dann dem schiitischen Geistlichen Ali Sistani. Abzug der Syrer aus dem Libanon? Fehlanzeige bei Chomsky.

Ganz am Ende führt eine Frage den Redner unfreiwillig vor. "Als Grüner würde ich Sie gern bitten, alles, was Sie bisher gesagt haben, in den Zusammenhang der Ökologie zu stellen." Das Publikum bricht in schallendes Gelächter aus, es bleibt unklar, ob über die Naivität des Fragenden oder über die glänzende Satire, die in der Frage enthalten ist. Chomsky muss nicht lange überlegen. Na klar, sagt er und legt los: Der Krieg gegen den Irak produziert neuen Terror, irgendwann bekommen die Terroristen Nuklearwaffen in die Finger, und schon haben wir das Umweltdesaster.

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