Bayern Ich heißt jetzt wir

Beim traditionellen Starkbieranstich auf dem Münchner Nockherberg machen sich die Kabarettisten über den neuen weichgespülten Markus Söder lustig. Aber auch die Grünen müssen sich zu viel Eigenwerbung vorhalten lassen.

PHILIPP GUELLAND/EPA-EFE/REX

Von und , München


Das gute alte Bayern tritt noch vor der Fastenrede auf, als Männerchor des Heimatministeriums. Fünf Männer besingen gemeinsam mit dem Kabarettisten Maximilian Schafroth die Heimat: Die Mädchen tragen rosa Kleider, die Buben blaue, sonst könnte man die Geschlechter ja nicht auseinanderhalten.

"Das ist so und das bleibt so, weil es immer schon so war." So funktioniert es eben, das "bayerische Gleichgewicht, das equilibrium Bavariae". Im Hintergrund leuchten Berg, See und weiß-blauer Himmel vom Bühnenbild. "Die linke Correctness", ruft Schafroth von der Bühne, "hat heute Pause".

Doch so wohlgeordnet und übersichtlich ist Bayern nur noch im Zerrbild, Schafroth legt kurz darauf den Trachtenjanker ab und damit das geschlossene Weltbild. In seiner Fastenrede hat der Prediger viele Namen und Themen zu bedienen - ein Sinnbild dafür, wie unübersichtlich es in der bayerischen Politik geworden ist.

Einmal im Jahr, zu Beginn der Starkbierzeit, versammelt sich das politische Bayern in der Paulaner-Brauerei auf dem Münchner Nockherberg. Die "Salvator-Probe" ist fester Bestandteil des Kalenders - wenn im restlichen Deutschland die Karnevalisten ausnüchtern, wird es im Süden derb und lustig.

Kubicki mit Mandoki

Dazu sind aus Berlin unter anderem Andreas Scheuer, Katharina Barley und Alexander Dobrindt angereist, aus Nordrhein-Westfalen Armin Laschet, dazu viel Prominenz aus Sport und Show-Welt. Uli Hoeneß ist so prominent, dass ihn die Presseabteilung der Brauerei gleich zweimal auf den Auszug der Gästeliste geschrieben hat. Der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki scherzt in den Pausen mit dem Musiker Leslie Mandoki.

Beim so genannten Derblecken geht es darum, die Schwächen der Mächtigen zu offenbaren. Zuerst liest der Fastenprediger der versammelten Politikerriege die Leviten. Dieses Jahr übernimmt zum ersten Mal der 34-jährige Schafroth die Aufgabe, ein Kabarettist aus dem Allgäu als Nachfolger von Luise Kinseher als "Mama Bavaria".

Dann folgt das Singspiel: Schauspieler mimen die Politiker in einer parodistisch überhöhten Szenerie. Wem als Derbleckter das Lachen im Gesicht gefriert, der hat verloren, denn der Bayerische Rundfunk überträgt jede Regung live.

Früher mussten vor allem CSU-Politiker den Kampf gegen die eigenen Gesichtsmuskeln gewinnen. Denn sie standen Im Blickpunkt: Als Regierung, als eigene Opposition, als Intrigenstadl, jedenfalls als prägende Kraft im Lande.

Der Status ist indes latent bedroht, das macht der diesjährige Nockherberg deutlich. Oder in den Worten Schafroths über die "neue CSU": Die sei ja jetzt "grün, sozial, dynamisch". Das erinnere ihn an seine alte Dorfwirtschaft: "Die haben auch kurz vor der Insolvenz a ganz dicke Speisekarte abgedruckt."

Das Weichgespülte nehme er Söder nicht ab, stellt Schafroth klar, er wolle da ganz anders vorgehen: "Also ich hab mich bewusst gegen eine Rolle entschieden, keine Inszenierung, keine aufgesetzte Schauspielerei, das ist dein Kompetenzbereich, lieber Markus Söder."

Nur noch ein paar Sätze bleiben für Horst Seehofer übrig, der nun im Publikum fehlt und im vergangenen Jahr noch im Mittelpunkt gestanden hatte. Schafroth grüßt ihn "vom Nockherberg nach Ingolstadt in deinen Grundig-Röhrenfernseher hinein." Er finde es immerhin sehr nobel, dass Seehofer Söder nun mit seiner Abwesenheit beglücke.

Seehofers Machtkampf mit Söder hatte noch das Singspiel im vergangenen Jahr geprägt, im Western-Setting mit einem wild um sich schießenden Cowboy "El Marco" und einem Seehofer, der nicht weichen wollte. Der Refrain des Songs wurde zum geflügelten Sprichwort auch in der realen Politik: "Sieh es ein, alter Horst, du musst jetzt gehen".

Rotbackertes Kachelofenkind

Inzwischen sind auch andere Politiker wichtig geworden, die derbleckt werden müssen: Das "rotbackerte Kachelofenkind" Hubert Aiwanger, Vize-Ministerpräsident, der sich über seinen Dienstwagen freue wie ein kleiner Junge. Der erzeuge, so Schafroth, Solidarität in einer unübersichtlichen Welt - "mit dem mintgrünen C&A-Hemd und der Klettkrawatte, und die Leute denken sich, da ist noch einer überfordert!"

Oder Katharina Schulze, Spitzenkandidatin der Grünen bei der vergangenen Landtagswahl und nun Oppositionsführerin. Schafroth lobt die "Schülersprecher-Power" der "Klimaheldin" und "Tofu-Jeanne d' Arc". Er fragt in den Saal, wer noch in den 1980er-Jahren geboren sei und sagt: "Die Generation Bibi Blocksberg greift nach der Macht." Früher hätten grüne Wähler noch Leiden ausgestrahlt, so Schafroth, jetzt führen sie SUV.

Nicht viel Spott, allenfalls Mitleid bleibt für die SPD übrig, die schlimmste aller Demütigungen beim Derblecken. Mit "Unter-10-Prozent-Parteien" gebe man sich normalerweise nicht ab, wurde schon bei der Nockherberg-Pressekonferenz im Vorfeld gewitzelt. Nun sagt Schafroth: "Markus, du wolltest doch Demut lernen. Dann geh doch für einen Tag zur SPD."

Zum Ausklang der Fastenrede wieder der Männerchor: "Mein Bayernland, du Pflänzchen zart, du Frucht der christsozialen Saat. Mein Bayernland, wo gehst du hin?"

Schafroth bekommt für seine Premiere Standing Ovations. Im anschließenden Singspiel geht es in einen alten, verwahrlosten Wellnessbereich unter der Bayerischen Staatskanzlei. Kacheln, Spinde, ein Wasserschlauch und ein Hometrainer garnieren die Szenerie, und ein Stahlbad, in welchem anfangs die AfD hockt und am Ende Horst Seehofer schmoren muss.

Das Ego verkleinert

Markus Söder hingegen hat sich sein Ego verkleinern lassen, eine Operation, die ihn daran hindert, "ich" zu sagen, stattdessen sagt er immer "wir". Der neuerdings erklärte Mannschaftsspieler gibt Botschaften von sich, wie sie keiner seiner PR-Berater poetischer hätte formulieren können: "Wenn Zwietracht uns droht, dann ist doch die Liebe das erste Gebot." Oder: "Es geht um uns alle, nicht darum, wer siegt, weil das Glück von uns allen im Wir und Hier liegt."

An Bühnenpräsenz kann mit dem Söder-Double Stephan Zinner an diesem Abend eine Frau mithalten, Sina Reiß, die die grüne Katharina Schulze spielt. Ihr Double trägt immer das Handy in der Hand und begrüßt die Anwesenden per Selfie-Video. Sie könnte Bäume ausreißen, "wenn ich nicht bei den Grünen wäre", sagt die energisch-nervige Grüne. Später singt sie in Richtung der Partei des Münchner SPD-Oberbürgermeisters Dieter Reiter: "Es ist vorbei, bye, bye, SPD, mit der Volkspartei."

Der Bühnen-Seehofer muss auch im Singspiel ein Dasein als ein unsichtbarer Superheld fristen, "Invisible Horst" im grauen Bademantel mit blauem Stirnband. Sein obligatorisches Duell mit Angela Merkel liefert er sich in einem Rap-Battle zum Titel "Ohne dich". Die Bühnen-Merkel singt: "Wer ist der Mann, der mir stets auf Wecker, Keks und Senkel geht? Wer ist der Mann, der nach Backpfeifen, Maulschellen und Watschen fleht? Wer ist der Mann, der nie geht, obwohl nach ihm kein Hahn mehr kräht?"

Die Singspiel-Macher haben sich erkennbar schwer getan, eine ähnlich stimmige Dramaturgie zu basteln wie das Western-Duell zwischen Söder und Seehofer im vergangenen Jahr. Die Welt ist ein bisschen komplizierter geworden in Bayern, auch beim Starkbieranstich, und ein bisschen weniger lustig ohne die allmächtige CSU.

Er bevorzuge Rotwein gegenüber dem Starkbier, erklärt FDP-Mann Kubicki nach der Vorstellung. Die derbleckten Politiker lassen sich derweilen mit ihren Doubles auf der Bühne fotografieren, die Bilder sind ihnen mindestens ebenso wichtig wie die Worte über sie. Katharina Schulze zückt erst einmal ihr Smartphone und macht ein Doppel-Selfie.

Anmerkung: In einer früheren Version hieß es, unter einem Bild mit Markus Söder sei der Fastenprediger Maximilian Schafroth zu sehen. Tatsächlich handelt es sich bei dem Schauspieler jedoch um Stephan Zinner. Wir haben die entsprechende Stelle korrigiert.



insgesamt 10 Beiträge
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moritz27 13.03.2019
1. Schafroth war gut,
aber das Singspiel deutlich schlechter, als in den vergangenen Jahren. Ich hatte erstmals Mühe, bis zum Ende durchzuhalten.
stevens-82 13.03.2019
2.
Hab die Fastenpredigt leider verpasst, das Singspiel war aber ein Reinfall, da gab es schon wesentlich bessere.
Knödelseder 13.03.2019
3. Hubsy hatte recht
Ein Beitrag, der für eine Vorführung im Kabarett geeignet war, für Zuseher jenseits des Weißwurstäquators schwer zu verstehen. Das Singspiel war bezogen auf Herrn Horst Seehofer eine Schmierenkomödie. Das hat dieser "Herz-Jesu-Christ" nicht verdient. Ihn als "Penner" darzustellen, der seinen Turnbeutel sucht und ihn bei der AfD findet, unterirdisch. Und Söder kann sich seine Krokodilstränen im anschließende Talk schenken. Ich hoffe der BR geht in sich. Hubert hatte recht, schlechte Fastenpredigt, Singspiel bezogen auf Seehofer unterirdisch. Da sehnt man sich nach Michael Lerchenberg zurück, der hilt seinerzeit eine Fastenpredigt, die sich gewaschen hatte und wie der Dieselskandal zeigt, er hatte noch untertrieben. Aber er konnte ja nicht wieder antreten, verhindert durch Politker und Wirtschaft. Dann doch lieber Django Asyl, Bruno Jonas usw. Maxi ist Kabarettist und bei Extra Drei gut aufgehoben aber nicht bei einem Starkbieranstich auf dem Nockherberg und ich habe sie alle gesehen die Fastenpredigten. Von Sedlmayer über Django Asyl, Bruno Jonas usw.
masc74 13.03.2019
4. Die Predigt war super, das Singspiel na ja
Ich verstehe die Kritik an Maxi Schafroth nicht, ich fand es wunderbar. Die Freundlichkeit, mit der er vorgetragen hat, hat nur im ersten Moment den oft sehr präzise scharfen Inhalt überdeckt. Und ich finde es grad in heutiger Zeit gut, dass Kritik und Derblecken von der Betonung des "wir" eingerahmt wird.... und im Nachtrag der AFD viel Liebe zu wünschen war einfach großartig! Technisch waren natürlich noch ein paar Timingschwächen und zu lange Füllsel dabei, aber es war die erste Predigt und Schafroth ist ja auch noch jung ... da ist für die Zukunft noch viel Musik drin. Und wie man sich Lerchenberg zurückwünschen kann, ist nicht nachvollziehbar ... dessen Beitrag damals war einfach eine unlustige, oberlehrerfhafte, moralinsaure und wortwörtliche Kanzelpredikt.... brauch ich nicht. Das Singspiel war musikalisch und darstellerisch schön ... inhaltlich aber platt und gegenüber Seehofer schlicht unangemessen und deplaziert.
Ontologix II 13.03.2019
5. SPON hat Derblecken ...
... korrekt interpretiert als "die Schwächen der Mächtigen offenbaren". Das geographisch näher an Bayern liegende ZDF übersetzte das gestern unzutreffend mit Beschimpfen". Das ist zu kurz gesprungen. Derblecken ist humorvolles sich Lustigmachen über jemanden und eine alte bairische Tradition.
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