Gedenken im Bundestag Lammert würdigt Kohl als "Glücksfall für Deutschland und Europa"

Bundestagspräsident Lammert hat an Leben und Wirken des verstorbenen Altkanzlers Helmut Kohl erinnert. Er beschrieb ihn auch als Politiker, der verletzt wurde und andere verletzte - und als "außergewöhnlich stur".

Norbert Lammert
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Norbert Lammert


Bei einer Gedenkfeier des Bundestages hat Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) den verstorbenen Altkanzler Helmut Kohl als "Glücksfall für Deutschland und Europa" beschrieben. "Wir verdanken es wesentlich ihm, dass sie heute Realität ist, die friedliche Einheit unseres Landes in einem freien und befriedeten Europa", sagte Lammert. "Wir Deutsche können uns glücklich schätzen über Persönlichkeiten seines Formats, um die uns manche Nachbarn beneiden."

Kohl war vergangenen Freitag im Alter von 87 Jahren in seinem Haus in Ludwigshafen-Oggersheim gestorben. An der Würdigung Kohls im Bundestag nahmen auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sowie die Altbundespräsidenten Joachim Gauck und Horst Köhler teil, ebenso die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth.

Ex-Bundespräsident Köhler, Amtsinhaber Steinmeier und sein Vorgänger Gauck bei Gedenkveranstaltung
DPA

Ex-Bundespräsident Köhler, Amtsinhaber Steinmeier und sein Vorgänger Gauck bei Gedenkveranstaltung

"Außergewöhnlich sture Persönlichkeit"

Lammert erinnerte (hier zum Bundestags-Video)auch an die Niederlagen und Schwächen des Altkanzlers. "Legendär sind seine integrierende Kraft wie seine polarisierende Wirkung - im Übrigen zwischen den Parteien ebenso wie innerhalb der Union", so Lammert.

"Kohls Weg säumten nicht zuletzt Verletzungen - die er selbst erlitt und die er anderen zufügte", so der Bundestagspräsident und erinnerte auch an Kohls Spendenaffäre 1999: "Manche Fehler räumte Kohl selbst ein. Dass sein Abschied nach dem Verlust der Regierungsverantwortung auch aus der aktiven Politik so wurde, wie es - in der Formulierung seines Biografen Hans-Peter Schwarz - die Umstände der 'kreativen Verschleierung von Parteispenden' am Ende erzwangen, hängt wieder mit der außergewöhnlichen, bisweilen auch außergewöhnlich sturen Persönlichkeit Kohls zusammen."

Lammert geht indirekt auf Familienstreit ein

Mit einem Satz ging Lammert auch indirekt auf die Berichte rund um den Streit der Familien Kohl um das staatliche Gedenken ein. Mit dem Verweis auf die europäische Gedenkveranstaltung, die am 1. Juli in Straßburg stattfinden soll, sagte er: Es verstehe sich beinahe von selbst, "dass Art und Ort der Würdigung einer herausragenden politischen Lebensleistung in und für Deutschland bei allem Respekt nicht nur eine Familienangelegenheit sind".

Zuvor hatte SPIEGEL darüber berichtet, dass es Streit über die Gästeliste beim europäischen Staatsakt in Straßburg gegeben hatte. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sollte nach dem Willen der Witwe ursprünglich nicht beim Trauerakt für den verstorbenen Altkanzler reden, die Witwe Maike Kohl-Richter soll ursprünglich auch den umstrittenen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban als Redner vorgesehen haben. Zugleich gab es Berichte, wonach Kohl keine Rede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier wünschte. Steinmeier war nach Kohls Wahlniederlage 1998 Chef des Kanzleramtes unter Rot-Grün gewesen und hatte anschließend die Sonderermittlungen wegen der sogenannten Bundeslöschtage führen lassen. Damals wurde behauptet, Kohl habe vor seiner Amtsübergabe an Gerhard Schröder (SPD) Akten in großem Umfang vernichten lassen. Die Vorwürfe konnten jedoch nicht erhärtet werden.

Gedenkminute für Kohl im Bundestag
DPA

Gedenkminute für Kohl im Bundestag

Lammert ging auch auf den Umstand, dass Steinmeier offenbar von Kohl und der Witwe als Redner nicht erwünscht war, mit einem subtilen Satz ein: Für eine Würdigung sei wohl "auch" der Bundestag "der bestmögliche Ort", sagte Lammert und fügte abweichend von seinem Redemanuskript den Satz hinzu - "in Anwesenheit des Bundespräsidenten und seiner Amtsvorgänger", der Kanzlerin, der Bundesregierung und zahlreicher Botschafter und Vertreter des diplomatischen Korps.

Dass Lammert an dieser Stelle den Bundespräsidenten ausdrücklich erwähnte - Amtsinhaber Steinmeier saß mit seinen Vorgängern Joachim Gauck und Horst Köhler und der früheren Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth auf der Tribüne - war für anwesende Pressebeobachter bemerkenswert.

SPIEGEL BIOGRAFIE 3/2017

Lammert würdigt Verdienste um die Einheit

Im Verlaufe seiner Rede würdigte Lammert vor allem Kohls Verdienste um die deutsche Einheit; sie sei ohne ihn schwer vorstellbar. Kohl habe immer wieder an das größte Versprechen seiner Generation erinnert: Nie wieder dürfe von deutschem Boden etwas anderes als Frieden ausgehen, "nie wieder Krieg". Der Bundestagspräsident erwähnte auch Kohl in einer Linie mit dem Reichsgründer Otto von Bismarck. "Helmut Kohl hat ebenso wenig alleine die Deutsche Einheit ermöglicht wie Bismarck den deutschen Nationalstaat - aber beide fundamentale Veränderungen der deutschen Geschichte lassen sich ohne deren beider Namen schwerlich vorstellen", so der CDU-Politiker.

Zum Abschluss der Würdigung legten die Anwesenden im Bundestag eine Schweigeminute ein. Für den 1. Juli ist ein bisher einmaliger europäischer Trauerakt im Europaparlament in Straßburg geplant. Nach einer anschließenden Totenmesse im Dom in Speyer wird Kohl auf einem Friedhof in der Stadt beigesetzt.

vks/sev/dpa

insgesamt 110 Beiträge
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Seite 1
F. Geyer 22.06.2017
1. Gut möglich...
...daß in einigen Jahren ein(ig)e die nach ihm kam(en), als Unglücksfall für Deutschland gelten.
gruenerfg 22.06.2017
2. Nach der (Un)Logik,...
Zitat von F. Geyer...daß in einigen Jahren ein(ig)e die nach ihm kam(en), als Unglücksfall für Deutschland gelten.
...nach der man Kohl als Glücksfall bezeichnet, ist das zu erwarten.
Bürger Bü 22.06.2017
3. Hat er sich das nicht verbeten?
Hat er sich nicht verbeten vom derzeitigen Personal im Bundestag hofiert zu werden.
derweise 22.06.2017
4. Kohl war kein Vorbild
Kohl fing an mit der Flick - Affäre und endete mit den schwarzen Kassen!
hman2 22.06.2017
5. Mutiger Reformer??
Birne war viel, aber er war kein "mutiger" Reformer, denn er war das Gegenteil von einem Reformer. Er hat 16 Jahre Stillstand gebracht und auf ALLEN Politikebenen die dringend notwendigen Reformen ausgesessen. So lange, bis selbst in meiner ländlichen Gegend stockkonservative, eingefleischte Unionswähler in x.ter Generation sagten "Der Dicke muss endlich weg".
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