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Norbert Röttgen: Merkel-Mann übernimmt BDI-Funktion

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Mit dem Wechsel des Fraktionsgeschäftsführers Norbert Röttgen zum BDI verliert Angela Merkel einen engen Vertrauten in der Bundestagsfraktion und gewinnt einen neuen engen Kontakt zur Wirtschaft. Eine spätere Rückkehr Röttgens auf die politische Bühne wird nicht ausgeschlossen.

Berlin - Viele in der Unionsfraktion waren am Montagvormittag ebenso überrrascht wie ein CDU-Abgeordneter, der die Nachricht durch einen Anruf seines Bundestagsbüros erfuhr: Norbert Röttgen, erster parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, wird Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). Nur einem kleinen Kreis war der bevorstehende Wechsel bekannt gewesen - die Geheimhaltung funktionierte diesmal im ansonsten eher geschwätzigen Politikbetrieb der Hauptstadt.

CDU-Politiker Merkel und Röttgen (2004): Vertrauensverhältnis
DPA

CDU-Politiker Merkel und Röttgen (2004): Vertrauensverhältnis

Am 19. Juni soll Röttgen offiziell vom BDI berufen werden, ab 1. Januar kommenden Jahres dann seine Arbeit aufnehmen. Der Wechsel des in wenigen Wochen 41-Jährigen Juristen, der zum Kreis der Vertrauten der Bundeskanzlerin zählt, muss allerdings keinen endgültigen Abgang von der politischen Bühne bedeuten.

Röttgen sei noch jung genug, um später einmal in die Politik zurückzukehren, heißt es aus Unionskreisen. Dann würde praktiziert, was in Großbritannien und den USA Gang und Gäbe, in Deutschland jedoch viel zu selten sei - die Durchlässigkeit von Politik und Wirtschaft. Und: es sei ja auch nicht auszuschließen, dass die Union länger als eine Legislaturperiode regiere.

An dem sich nun anbahnenden Wechsel zum BDI hat dessen Präsident Jürgen Thumann maßgeblichen Anteil: Er unterbreitete Röttgen das Angebot, Nachfolger des Ende des Jahres altersbedingt ausscheidenden Ludolf von Wartenberg, früher ebenfalls CDU-Bundestagsabgeordneter, zu werden.  

Mit dem Rheinländer Röttgen, der zum liberalen Flügel der Union zählt, verliert Merkel eine nachdenkliche und ruhige Stimme im oftmals aufgeregten Politikbetrieb Berlins. Seine Besonnenheit brachte Röttgen Ende vergangenen Jahres während der Koalitionsverhandlungen auch als möglichen Chef des Kanzleramtes ins Gespräch. Allerdings fehlten ihm Erfahrungen mit der Führung einer so großen Behörde. Angela Merkel entschied sich am Ende dann für Thomas de Maizière als Kanzleramtschef, damals noch CDU-Innenminister in Sachsen.

Röttgen blieb auf seinem Posten als Fraktionsgeschäftsführer, den er auf Geheiß der damaligen Fraktions- und Parteichefin Merkel seit Februar 2005 bekleidete und füllte ihn auch weiterhin loyal aus. Mit Röttgen wird Merkel künftig im BDI einen vertrauten Ansprechpartner hinzugewinnen - was gelegentliche Meinungsverschiedenheiten aufgrund des unterschiedlichen Rollenverständnisses nicht ausschließen dürfte.

Am Montag war noch nicht abzusehen, wer Nachfolger Röttgens als Erster Parlamentarischer Geschäftsführer in der CDU/CSU-Fraktion wird. Bis zum 1. Januar hat Unions-Fraktionschef Volker Kauder - zumindest theoretisch - Zeit, einen Ersatz zu benennen. An einer sich über Monate hinziehenden Nachfolgedebatte wird allerdings niemand in der Union gelegen sein. An möglichen Nachfolgern -  und damit Spekulationen - dürfte es ohnehin nicht mangeln: eine Reihe von Nachwuchspolitikern, die gerne weiter nach vorne gerückt wären, waren im Herbst von Merkel bei der Stellenbesetzung in Fraktion und Regierung nicht berücksichtigt worden. So dürfte sich so mancher nun insgeheim wieder Hoffnungen machen. Röttgen selbst will sein Bundestagsmandat auf jeden Fall bis 2009 behalten.

Eines aber ändert sich vorläufig nicht. Das traditionelle Frühstück des ersten Fraktionsgeschäftsführers in der Sitzungswoche mit Hauptstadtkorrespondenten findet wie gewohnt statt. Mit einem wohl absehbaren Unterschied: Diesmal dürfte es am Dienstagvormittag im Jakob-Kaiser-Haus noch voller werden als sonst.   

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