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Not welcome: Der US-Präsident in der Sonnenallee

Von Yassin Musharbash

Die Sonnenallee in Berlin-Neukölln ist das Zentrum der arabischen Bevölkerung in der Hauptstadt. In den Kaffeehäusern läuft hier sonst fast ununterbrochen der Fernseher. Doch als US-Präsident Bush gestern im arabischen TV interviewt wurde, blieb die Glotze aus. Seine Botschaft interessiert hier niemanden.

George W. Bush im Interview: Versuch gescheitert
REUTERS/ Al-Hurra

George W. Bush im Interview: Versuch gescheitert

Berlin - George W. Bushs neuester Versuch, die Herzen und Köpfe der arabischen Welt für sich einzunehmen, scheiterte gestern zumindest in Berlin schon bevor er überhaupt begonnen hatte: "Gott behüte, dass ich mir Bush auch noch freiwillig anschaue!", antwortet Mahmud G., ein junger, in Berlin-Neukölln lebender Libanese, auf die Frage, ob er sich Bushs Interviews für die arabischen TV-Sender al-Hurra und al-Arabija am Nachmittag ansehen werde.

Mit fünf anderen Libanesen sitzt Mahmud bei Tee und Wasserpfeife draußen auf der Straße vor dem Café "Um Kulthum" in der Neuköllner Sonnenallee - einer Straße, die aus dem gleichnamigen Spielfilm bundesweit bekannt ist, und sich heute zu einem guten Teil fest in arabischer Hand befindet. Der Fernseher - sonst läuft hier zumeist der arabische Sender al-Dschasira - steht im Inneren des Cafés; heute ist er nicht einmal angeschaltet.

Auch um 16 Uhr, als die Ausstrahlung der Bushs-Interviews beginnt, in dem der mächtigste Mann der Welt die Misshandlungen von Irakern durch US-Soldaten immerhin als abstoßend bzeichnet, bleiben Mahmud und seine Freunde ungerührt draußen sitzen. Nichts treibt sie an, sich Bushs Auftritt vor der arabischen Öffentlichkeit anzuschauen. "Was soll Bush schon sagen?", meint Mahmud. "Selbst wenn er sich entschuldigt, wird dadurch ja nichts ungeschehen gemacht."

Ein Fernsehereignis, das niemanden interessiert

Was im Westen als großer TV-Event, als medialer Gang nach Canossa interpretiert wird, findet hier, unter Arabern in Deutschland, keinen Widerhall. Einer der Gründe dafür ist, dass gerade eine solche Adresse des US-Präsidenten, gerade die Tatsache, dass er sich gezielt an die arabische Öffentlichkeit wendet, hier aufgefasst wird als ein Akt, der bestens ins längst bekannte, oft erfahrene Muster passt: Die USA erklären öffentlich das eine und tun das andere. Oder, wie in diesem Fall: Sie tun erst das eine, und bedauern es dann wortreich.

Eigentlich sei er gänzlich unpolitisch, beteuert der 58-jährige Besitzer des Cafés, der seinen Namen nicht nennen möchte. Er sei zufrieden, dem Bürgerkrieg im Libanon entflohen zu sein, hier in Sicherheit zu leben und einigermaßen über die Runden zu kommen. "Wir haben Musik, wir haben Wasserpfeifen, was brauchen wir mehr?" Doch ganz stimmt das natürlich nicht, das mit dem Unpolitisch-Sein. Denn selbstverständlich haben er und seine Gäste eine Meinung zu dem, was in der Welt geschieht. "Es gibt", sagt der Besitzer sarkastisch, "eben einen Gott im Himmel - und einen auf der Erde". Die Trennung zwischen US-Armee und US-Präsident, zwischen einzelnen Missetätern und dem Gros der Soldaten - Bush mag sie noch so wortreich beteuern, hier kommt diese Botschaft nicht an. Sie käme auch dann nicht an, wenn sie aus dem Fernseher tönte.

Es ist, hört man genau hin, weniger ein grundsätzliches Desinteresse oder Misstrauen als vielmehr eine handfeste Resignation, die die Männer hier davon abhält, sich Bushs Äußerungen überhaupt noch anzuhören. Und diese Resignation wiederum beschränkt sich nicht nur auf ein mangelndes Interesse an den USA. Auch die Bilder der Gefolterten, beteuern sie allesamt, hätten sie gar nicht gesehen. Wenn die Männer hier sagen, sie seien unpolitisch, meinen sie eigentlich: Sie glauben nicht, dass sie, dass die Araber noch irgendeinen Einfluss auf den Gang der Geschehnisse in der Welt haben. Dass es einfach keinen Sinn mehr macht, sich jeden Tag die deprimierenden Nachrichten aus der arabischen Welt anzuhören.

Auch zwei Häuser weiter, im ebenfalls arabischen Café "Al-Salam", was "Frieden" heißt, hängt ein ausgeschalteter Fernseher an der Decke. Zwei Gäste und der Besitzer sind anwesend. Fragt man sie nach dem Bush-Interview, winken sie nur wortlos ab.

Ein Teil dieses geringen Interesses mag daher rühren, dass die meisten Araber in der Sonnenallee Libanesen sind. "Wir haben genug vom Krieg gesehen", sagen sie unisono. "Niemand hat sich damals für uns interessiert." - damit werfen sie die Frage auf, warum sie sich nun in der abgeschiedenen Ruhe der Sonnenallee für das Chaos im Irak interessieren sollen.

Einige Ecken weiter, im Café "Sulaf", wo sich abends die Iraker Neuköllns treffen und lebhaft über die Zukunft ihres Heimatlandes diskutieren, und wo ebenfalls ein Fernseher an der Decke hängt, ist am Mittwochnachmittag um 16 Uhr noch nicht einmal geöffnet. Alles in allem: Ziemlich miese Einschaltquoten für Bush.

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