Notstand in der Kinderbetreuung: Tagesmütter dringend gesucht

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750.000 Plätze für Krippenkinder hat die Regierung bis 2013 versprochen. Doch wie der Kita-Ausbau liegt auch die Betreuung von Kindern durch Tagesmütter weit hinter dem Zeitplan. Viele Anreize bietet der Job nicht: Der Verdienst ist meist mies, die bürokratischen Hürden sind hoch.

Claudia Beyer (r.) mit Kolleginnen und Schützlingen: "Ich will das bis zur Rente machen" Zur Großansicht
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Claudia Beyer (r.) mit Kolleginnen und Schützlingen: "Ich will das bis zur Rente machen"

Hamburg - Louisa hat sich wohlig eingekuschelt und hält ein Vormittagsschläfchen. Ein paar braune Locken sind ihr in die Stirn gerutscht. Alle paar Minuten wackelt der weiße Schnuller im Mund. Ansonsten liegt sie tiefenentspannt in den Armen von Tagesmutter Claudia Beyer. Louisa ist eines von 14 Kindern in der Kindertagespflegestelle Nestwärme im Hamburger Stadtteil Barmbek. Früher war hier ein Friseursalon, seit September toben Ein- bis Dreijährige herum, betreut von drei Tagesmüttern.

Die gelernte Floristin Beyer ist seit sieben Jahren im Metier. Was einst zu Hause als Nebenbei-Beschäftigung nach der Babypause begann, betreibt sie inzwischen voll professionell. "Ich plane, das jetzt bis zur Rente durchzuziehen", sagt die quirlige 31-Jährige, die sich nebenbei als sozialpädagogische Assistentin weiterqualifiziert.

Gemeinsam mit ihren Mitstreiterinnen hat sie den früheren Laden liebevoll umgestaltet. Es gibt Spiel- und Kuschelecken, ein Sofa für Elterngespräche, in der Küche wird das Essen selbst gekocht. Acht Monate lang haben sich die drei Frauen durch den Behördendschungel gekämpft, bis schließlich alle Anträge bewilligt, alle Verträge unterschrieben und alle Umbauarbeiten erledigt waren. Nun haben sie ihren eigenen Mini-Kindergarten - geöffnet von 8 bis 15 Uhr. Und liegen damit voll im Trend.

Bundesweit gab es im Frühjahr 2011 laut statistischem Bundesamt 124.000 öffentlich geförderte Plätze bei 42.000 Tagesmüttern oder -vätern, die eine entsprechende Erlaubnis vom Jugendamt besitzen. Ein Zuwachs von immerhin 10,5 Prozent gegenüber 2010. Doch das reicht noch lange nicht. Ab 2013 haben alle Kinder zwischen ein und drei Jahren einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Die Kindertagespflege dient dabei als gleichwertige Alternative zu den Krippenplätzen, deren Ausbau dramatisch stockt. 30 Prozent der geplanten 750.000 Plätze sollen in diesem Bereich entstehen - das wären 225.000.

Leistungsgerechter Lohn? Fehlanzeige

Es fehlen also noch 100.000 Plätze für Krippenkinder bei Tagesmüttern und -vätern. Kaum zu schaffen. Das fürchtet auch der Bundesverband für Kindertagespflege (bvktp). "Die Zahl der Tagesmütter und -väter steigt zwar weiterhin, aber nicht mehr so rasant wie im Vorjahr", hat Eveline Gerszonowicz vom bvktp festgestellt.

Wenig überzeugend ist in der Regel die Bezahlung. Dem Bundesverband zufolge liegt der Stundenlohn in den meisten Fällen zwischen 2,50 und 7,50 Euro pro Kind. Von dem Geld müssen aber auch die Kosten gedeckt werden, die rundrum anfallen: das Essen zum Beispiel, oder angemietete Räume. Da bleibt nicht viel übrig. "Mancherorts kann man davon leben", sagt Gerszonowicz, "mancherorts nicht." Von einer leistungsgerechten Bezahlung könne meist nicht die Rede sein.

Auch Bundesfamilienministerin Kristina Schröder hat sich der Forderung nach einer besseren Entlohnung für Tagesmütter angeschlossen. Seit August erhalten sie finanzielle Unterstützung, wenn sie sich nebenbei weiterqualifizieren. "Tagesmütter müssen besser bezahlt werden, wenn die Ansprüche an sie steigen", sagt die Ministerin. Claudia Beyer und ihren Kolleginnen bleiben am Ende des Monats jeweils rund tausend Euro brutto.

Bürokratie für Tagesmütter

Problematisch sind auch bürokratische Hürden. Denn in den zuständigen Jugendbehörden ist die Zahl der Mitarbeiter nicht parallel zum Ausbau der Kindertagespflege gestiegen, kritisiert der bvktp. Eigentlich sei ein Schlüssel von einem Ansprechpartner für 40 Tagespflegeplätze vorgesehen; für alle Belange von Eltern und Tagesmüttern. "Wir haben eine kleine Stichprobe gemacht", sagt Eveline Gerszonowicz, "demnach liegt der Schlüssel tatsächlich bei eins zu 140." Rückstaus bei Anmeldungen, Verzögerungen bei der Genehmigung von Zuschüssen sind da nicht selten.

Viele Tagesmütter beschweren sich auch über den stark gewachsenen Aufwand an Buchhaltung. "Ich arbeite gar nicht mehr so viel mit den Kindern, sondern mehr am Computer", moniert Anja Reinke, Vorsitzende des Hamburger Tagesmütterverbands. "Pro Wochenende fallen da inzwischen schon bis zu fünf Stunden an." Das schrecke vor allem ältere Tagesmütter, die schon lange dabei seien, ab. "Ich kenne da einige, die deswegen aufgegeben haben."

Dennoch - oder vielleicht auch gerade deswegen - entwickelt sich der Job als Tagesmutter immer mehr zum vollen Beruf. Dafür spricht auch die vom Statistischen Bundesamt festgestellte Tatsache, dass die Zahl der betreuten Kinder pro Tagespfleger langsam aber sicher steigt. Waren es 2010 noch 2,7, sind es 2011 nun 2,9. Auch die Zahl der Tagespfleger mit entsprechender Ausbildung nimmt zu. Inzwischen kommt ein Drittel aus dem Bereich Erziehung, Pädagogik.

Claudia Beyer hat bald ihre zweijährige Ausbildungszeit hinter sich. Für sie wird sich das auch finanziell lohnen, denn Hamburg fördert höher qualifizierte Tagesmütter mit größeren Zuschüssen. "Für uns hier macht das ungefähr 800 Euro im Monat mehr aus." Ein Schritt nach vorn - aber immer noch ein bescheidener Lohn.

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insgesamt 25 Beiträge
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    Seite 1    
1. eine Bekannte
sitiwati 23.11.2011
betreut Kinder, vom finaziellen hätten sies nicht nötig, der bürokrtaische Aufwand, immer neue Formulare, ungefähr 2-3h die Woche, dazu wird dauernd Fortbildung gemacht, ehrlich ich tät mir das nicht an, die Entlohnung liegt bei ungefähr 2 €/h!
2. Katastrophale Bürokratie und Unterbezahlung!
ZiehblankButzemann 23.11.2011
Zitat von sitiwatibetreut Kinder, vom finaziellen hätten sies nicht nötig, der bürokrtaische Aufwand, immer neue Formulare, ungefähr 2-3h die Woche, dazu wird dauernd Fortbildung gemacht, ehrlich ich tät mir das nicht an, die Entlohnung liegt bei ungefähr 2 €/h!
Fair wären mindestens 10,50 (Noch)Euro !
3. Ich kann nur einstimmen:
Häretiker 23.11.2011
Zitat von sysop750.000 Plätze für Krippenkinder hat die Regierung bis 2013 versprochen. Doch wie der Kita-Ausbau liegt auch die Betreuung von Kindern durch Tagesmütter weit hinter dem Zeitplan.*Viele Anreize bietet der Job nicht: Der Verdienst ist meist mies, die bürokratischen Hürden sind hoch. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,798485,00.html
Viele Tagesmütter wollen trotz schlechten Verdienstes (hier 3,20€ !!!) für die Versäumnisse des Staates einspringen.. Die Jugendämter erschweren dies jedoch erheblich zusätzlich! Abrechnungen lassen bis zu 6 Monaten!!!, auf sich warten. Erst wenn man mit der Einstellung der Arbeit droht, kommt etwas Bewegung in die Sachbearbeiter.. Die Ämter sind stark unterbesetzt und oft wenig flexibel! Das Ergebnis: Ein großer Anteil von Tagesmüttern muss wieder anderweitig arbeiten, und steht dann nur eingeschränkt, oder gar nicht mehr zur Verfügung! Super, Deutschland!
4. Regierungen selber schuld
roerich 23.11.2011
Wie kann man Gesetze beschliessen wobei man doch gleich weiss, daß die Umsetzung gar nicht finanzierbar ist? In der Kinder- und Jugendbetreuung wird seit Jahrzehnten alles zurückgebaut und die Allgemeinheit darf die Folgen ausbaden.
5. also, ich lebe la schon lange nicht mehr in Deutschland,
hille11 23.11.2011
aber ich verstehe die ganze Thematik nicht. Was soll dieses Anspruchsdenken auf Krippenplaetze und Kinderbetreuung? Ich habe drei kleine Kinder und bezahle selbstverstaendlich die Betreuung selber ... wie komme ich dazu den Staat dafuer zu beanspruchen? Wir hatten/haben Au Pairs, das kostet zwar richtig Geld bei uns, aber dafuer kann ich weiter arbeiten und weiss meine Kinder gut aufgehoben. Ich bin im technischen taetig, kann also keine Babypause einlegen, dann wuerde ich nie wieder in den Beruf kommen. Ich habe die Diskussion oft mit meinen deutschen Freundinnen und finde es sehr befremdlich, dass Familien lieber fuer Urlaub bezahlen als fuer anstaendige Betreuung der Kinder.
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