NPD-Auftritt vor Neuntklässlern Schulstunde mit Herrn Neonazi

Die rechtsextreme NPD in Mecklenburg-Vorpommern umwirbt vor der Landtagswahl auch Schüler: Spitzenkandidat Pastörs hat eine Gruppe Neuntklässler abgefangen, um seine braune Propaganda zu streuen. Den Auftritt ließ er mitschneiden - jetzt benutzt er das Video als Wahlkampfwerbung.

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NPD-Mann Pastörs vor Jugendgruppe (Screenshot YouTube): "Ich bin kein Prophet"

NPD-Mann Pastörs vor Jugendgruppe (Screenshot YouTube): "Ich bin kein Prophet"


Hamburg - Wer die Autobahn verlässt, um die Landeshauptstadt Schwerin zu besuchen, rast durch Alleen rot-weiß beklebter Laternenmasten. Früher hingen die Plakate der NPD vor allem in der Provinz, jetzt haben sie die Speckgürtel erobert. Nie war die Werbung der Rechtsradikalen so präsent wie im aktuellen Wahlkampf von Mecklenburg-Vorpommern. Die Partei propagiert derart offensiv, dass die Tourismusbranche des Bundeslandes bereits Alarm schlägt.

Am Sonntag stimmen 1,4 Millionen Wahlberechtigte über ihren neuen Landtag ab. Dort sitzen derzeit sechs Abgeordnete für die NPD, bei der letzten Wahl 2006 holte die Partei 7,3 Prozent der Stimmen. Jüngste Umfragen sehen die Rechtsextremen bei rund fünf Prozent.

Die NPD könnte aus dem Landtag fliegen - und kämpft um ihre letzte Bastion. Kurz vor Schluss setzt die Partei auf eine besonders aufdringliche Taktik: Sie zieht mit der Kamera durch braune Hochburgen, entert systematisch Gruppentreffen und Veranstaltungen, anschließend stellt sie die Videos als Wahlwerbung ins Netz.

"Guten Tag, Pastörs mein Name, angenehm"

Am Mittwoch sprengte NPD-Spitzenkandidat Udo Pastörs einen Auftritt von Linken-Fraktionschef Gregor Gysi in Ueckermünde und verließ die Veranstaltung erst, als ein Handgemenge drohte. Der Videoclip wurde stolz als "Besuch bei den Altkommunisten" auf der NPD-Website präsentiert.

Am Donnerstagabend veröffentlichte die Partei ein Video, das Pastörs dabei zeigt, wie er vor einem Discounter im mecklenburgischen Uecker-Randow-Kreis über die krude Ideologie der Neonazis referiert. Besonders brisant: Er spricht zu einer Gruppe Neuntklässler, fast 20 Minuten lang.

"Guten Tag, Pastörs ist mein Name, angenehm", sagt der NPD-Mann, tritt vor die Schulklasse und legt sofort los. "Ein Bonze ist jemand, der sehr viel Kapital hat und mit diesem Kapital asoziale Dinge tut", referiert Pastörs. Oder, an anderer Stelle: "Der Euro ist eine Betrügerwährung für die Deutschen."

Nach wenigen Minuten greift der verurteilte Volksverhetzer zu Nazi-Parolen. Höhere Löhne, so der NPD-Mann, würden "Freude" machen. Denn, so Pastörs weiter, "Kraft bekommt man nicht durch ein langes Gesicht, wenn man zur Arbeit geht. Sondern Kraft bekommt man durch Freude."

Pastörs legt eine Pause ein, alle schweigen.

"Kraft durch Freude an der Arbeit", setzt Pastörs nach.

Ungehindert biedert sich der NPD-Mann bei den Neuntklässlern an - der Lehrer unterbricht nur an wenigen Stellen. "Euch verarschen die Politiker. Von vorne bis hinten!", wettert er. "Euch stinkt sicher, dass ihr vor der Tür rauchen müsst, wenn ihr rauchen wollt."

Minister eilt zum Krisenbesuch

Ob Pastörs und sein Begleiter die Klasse nur zufällig entdeckt haben, ist unklar. Das Schweriner Bildungsministerium und die betroffene Schule in Ferdinandshof schlossen gegenüber SPIEGEL ONLINE aus, dass das Treffen arrangiert worden sein könnte. "Als Schule verwahren wir uns gegen den Eindruck, dass sowohl Lehrer als auch diese Schüler für rechtsextremistisches Gedankengut empfänglich sein könnten", hieß es in einer Stellungnahme der Schule.

Vielmehr habe der Sozialkundelehrer die Schulstunde ins Freie verlegt, um anhand von Wahlplakaten die Programme der Parteien zu analysieren, heißt es aus dem Ministerium. Pastörs und Kameramann seien dann unerwartet auf die Gruppe zugekommen.

Der Lehrer habe "glaubwürdig versichern" können, dass er vom forschen NPD-Duo überrumpelt gewesen sei und die Situation "vollkommen unterschätzt" habe, sagte CDU-Bildungsminister Henry Tesch SPIEGEL ONLINE. Am Freitag habe er Schule, Klasse und verantwortlichem Lehrer einen Besuch abgestattet. "Wir gehen nicht davon aus, dass der Lehrer Kontakte zur NPD unterhält."

Formal habe der Pädagoge zwar gegen seine Fürsorgepflicht verstoßen. Dienstrechtliche Konsequenzen müsse er aber wohl nicht befürchten. Der Kollege sei im Alltag "sehr engagiert", so Tesch, "er sieht sich missbraucht".

Verletzte Persönlichkeitsrechte

Der NPD droht hingegen ein juristisches Nachspiel, denn möglicherweise wird ein Großteil der Eltern der im Film gezeigten Schüler Klage einreichen. Dem "Nordkurier" zufolge benutzte die NPD das Material ohne Erlaubnis der Erziehungsberechtigten. Ein Anwalt prüft nun, ob die rechte Partei den Mitschnitt weiter zur Wahlwerbung einsetzen darf. Für Nachfragen war die NPD am Freitag nicht zu erreichen.

Immerhin soll Pastörs' Rede auf die Schüler kaum Eindruck gemacht haben: Die Klasse habe im Gespräch versichert, so der Bildungsminister, der Auftritt habe "keinerlei positiven Effekt" hinterlassen. Auch im Video beschwert sich ein Schüler offen über den NPD-Slogan "Ausländer raus": Es sei "doch nicht schlimm", so der Neuntklässler, "wenn sie in ihrem Land keine Arbeit bekommen und hier einen Job kriegen". Und fügt hinzu: "Es gibt ja auch Deutsche, die nicht arbeiten wollen."

Der Einwurf des Teenagers bringt Pastörs sichtlich aus dem Konzept, er verheddert sich in wirren Erklärungen. Richtig kleinlaut wird der NPD-Kandidat, als er nach einer Prognose zum Stimmenanteil seiner Partei am Wahlsonntag gefragt wird.

"Ich bin kein Prophet", sagt Pastörs. Dann ist das Video zu Ende. Endlich.

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