NPD-Demo Rituale in der Plattenbauschlucht

Der Aufmarschraum für die NPD ist gegenwärtig Mecklenburg-Vorpommern. Im Landtagswahlkampf wollen die Rechtsextremen Flagge zeigen. Diesmal: Demo in Neubrandenburg. Die Einwohnern konnten ein abstoßend-bizarres Schauspiel verfolgen.

Von Fabian Grabowsky, Neubrandenburg


Neubrandenburg - "So eine Demo kann schon mal bis fünf dauern", weiß der Junge am anderen Ende des Waggons. Er wird Recht behalten. Fast. Es ist Samstagmorgen, der Regionalexpress fährt von Berlin nach Neubrandenburg und er wäre an einem normalen Samstagmorgen wohl noch nicht wach. Oder unterwegs in die ostdeutsche Provinz. Aber die Pflicht ruft. Die NPD demonstriert in Neubrandenburg.

In Mecklenburg-Vorpommern ist Landtagswahlkampf und die NPD will dieses Jahr in den Landtag einziehen. Schließlich dominiert sie schon weite Teile der Provinz. Nur in den Städten tut sie sich noch schwer. Neubrandenburg gilt als liberal.

Solche Demonstrationen folgen Ritualen. Die NPD demonstriert, die Gegendemonstranten reisen aus hundert Kilometern Entfernung an. Es ist ein bisschen wie ein Sport, den zwei Mannschaften an immer verschiedenen Schauplätzen austragen, die Teams sind dieselben, der Ablauf und die Parolen auch - wenn der Anlass nicht so ernst wäre, die NPD eine rechtsextreme Partei, die in der Ost-Provinz erschreckend tiefe Wurzeln geschlagen hat.

In Neustrelitz steigt die andere Mannschaft in den Zug. Junge Rechtsextremisten. Es wirkt fast wie eine Klassenfahrt. Inklusive Klassenclown, einem grobschlächtigen Jungen, der pausenlos laut über Alkohol und Geschlechtsteile redet. Die anderen lachen. "Wir sind viel mehr als die anderen", erkennt einer nach einem schnellen Blick durch den Waggon.

"Linke nach rechts, Rechte nach links"

Aber zwischen ihnen und den "anderen" haben sich zwei gepanzerte Polizisten aufgebaut, die zudem einen Kopf größer sind. An dieser Trennung wird sich heute nichts ändern. Auch nicht am Neubrandenburger Bahnhof. "Linke nach rechts, Rechte nach links", sagt ein Polizist zum Empfang.

Die 200 Rechtsextremisten sammeln sich hinter dem Bahnhof. Wenige von ihnen sind älter als 20, wenige Skinheads, noch weniger Frauen. Schwarz-weiß-rote NPD-Fahnen wehen, schwarze Fahnen mit der Frakturschrift "Pommern" und sogar eine Schweizer Fahne. Von einem klapprigen VW plätschern Folk-Balladen. Wer nicht genau hinhört, überhört Zeilen wie "Deutschland muss leben/die BRD muss sterben".

Am Straßenrand stehen einige Anwohner. Sie lehnen mit verschränkten Armen an den Holzzäune, die die grünen Vorgärten ihrer Backsteinhäuser mit den Häkelgardinen beschützen - und beäugen die jugendlichen Eindringlinge. "Fürchterlich", "entsetzlich", bricht es aus zwei Frauen um die Sechzig hervor. "Haben die nichts aus der Geschichte gelernt? Ich glaube, den geht es einfach zu gut." Und von hier seien die auch nicht. "Mir ist gar nicht wohl dabei", sagt Werner Stracke. Sonst sei das Viertel ruhig - "Aber jetzt sind alle aufgeregt, weil sie gegen die Demonstration sind."

Neubrandenburgs Oberbürgermeister Paul Krüger, der früher Bundesforschungsminister war, steht mit versteinerter Miene daneben. Bis zuletzt hatte er versucht, den Nazi-Aufmarsch zu verhindern. Es habe dazu sogar einen Ideenwettbewerb gegeben. Wenn man ihn fragt, was er denkt, wenn er die Jungnazis jetzt sieht, sagt er, "schlimm, dass so was..." Mehr nicht. Dabei sei die Stadt "ohne nennenswerte rechte Szene" - "Die kommen nicht von hier", sagt auch er.

Routinierter Kanon

Um zwölf startet der NPD-Zug. Ein Redner verliest die Auflagen. Zuerst die gute Nachricht. "Kameradinnen und Kameraden, Trommeln sind erlaubt." Dann die Verbote: keine verfassungsfeindlichen Symbole, keine Uniformen, keine Uniformteile, keine verfassungsfeindliche Musik. Nicht mehr als sechs Megafone. Rauchverbot. Und striktes Interviewverbot. Selbst die Aufstellung ist geregelt: "Drei nebeneinander und dann viele, viele hinterher." Er wird an diesem Nachmittag nicht mehr aufhören zu reden, über die "etablierten" Parteien, darüber, dass nur die NPD die Interessen der Jugend vertrete, und darüber, dass alle fremdenfeindlichen Taten von den Fremden provoziert würden. Sein Lautsprecher krächzt.

Umgeben von einem Polizeikordon ziehen sie los durch die verlassenen Backsteinstraßen. Fast 500 Polizisten sind heute im Einsatz. "Haut ab, ihr habt hier nichts verloren", schreit ihnen ein älterer Mann in beigem Blouson hinterher. Am Straßenrand stehen Schilder, "Denkt bunt" steht auf ihnen und "Bunt statt braun".

Einige Straßen weiter betreten die Gegendemonstranten das Spielfeld. Hier stehen Waschbeton-Plattenbauten. Zwischen denen gibt es viel Platz für sie, sich am Straßenrand aufzubauen. Sie johlen, pfeifen und rennen an den Seiten des NPD-Zugs auf und ab. Sie sind so alt wie die Demonstranten, und viele sind ähnlich gekleidet - schwarz, mit großer Sonnenbrille. Wegen des Vermummungsverbots halten sich manche ihre Hand vor das Gesicht. Wie die NPDler. Wenn die rufen "Hier marschiert der nationale Widerstand", rufen die Linken "Haut ab, haut ab!" oder "Nazis raus!" Wenn die NPDler "Frei, sozial und national!" rufen, antworten die Linken "Dumm, brutal und asozial!" Ein routinierter Kanon.

Logenplatz fürs Demo-Gucken

Die Bewohner der Plattenbauten lehnen zwischen den Blumenkästen ihrer Balkons und gucken zu. Zum ersten Mal haben sie einen Logenplatz. Einige trinken Kaffee, andere telefonieren oder fotografieren. Niemand applaudiert in die Plattenbauschlucht hinunter. Weder den einen noch den anderen. Sie gucken nur.

Irgendwo mitten im Waschbetonlabyrinth gibt es dann die NPD-Kundgebung. Neben dem "Kiosk 2000" mit dem Parkplatzschild, auf dem "& Tschüss, bis bald!" steht. NPD-Listenkandidaten sagen, dass es wichtig ist, zur Wahl zu gehen, um es "den Etablierten" zu zeigen. Ute Vogt habe einen Orgasmus vorgetäuscht, sagt der Mann mit Landeslistenplatz drei - "Aber Angela Merkel ist noch viel schlimmer. Sie ist die Königin der Vortäuscher!"

"Rechts oder links ist mir völlig egal", sagt ein Mann mit Fahrrad. "Aber für den kleinen Mann gibt es kein Geld - und hier wird das Geld verschwendet." Diejenigen, die die Demonstration genehmigt hätten, säßen jetzt schön in ihrer Datscha. "Kameradinnen und Kameraden, wir nehmen dann die Formation wieder auf", sagt der NPD-Sprecher, "drei nebeneinander und ganz viele hinterher".

Kurz danach wird die Formation von der Polizei gestoppt. Linke haben sich in einer engen Kurve auf die Straße gesetzt und gehen nicht mehr weg. Es folgt das, was immer folgt. Die Polizei fordert sie auf, die Straße zu räumen. Dann erteilt sie Platzverweise. Nach anderthalb Stunden räumt sie die Straße selbst. Die NPD muss so lange warten. Eine Demonstration kann sehr langweilig sein. Einen "rechtsfreien Raum" meint der genervte Redner zu erkennen. Dann ziehen sie weiter.

Um halb fünf ist das Spiel aus. Fast wie der Junge aus dem Zug vorausgesagt hatte. Erst bringt die Polizei die Rechtsextremisten zu den Zügen. Dann dürfen die Linken abreisen. Und dann ist wieder Ruhe in Neubrandenburg.

Bis zum nächsten Mal.



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