NPD-Hochburgen Triumph im toten Winkel der Republik

Menschenleere Dörfer ohne Perspektive, die Jugend flieht, die Verbitterten bleiben: Vor allem in Vorpommern fand die NPD den Nährboden für ihren Wahlsieg. In ihrer Hochburg Postlow schließt nicht einmal der Bürgermeister aus, aus Protest mal rechtsextrem zu wählen. Ein Besuch im NPD-Land.

Aus Postlow und Wilhelmsburg berichten und Jens Todt


Postlow/Wilhelmsburg - Die Wahlhelfer im Gemeindeamt von Postlow sind einiges gewohnt. Schon bei der Bundestagswahl vor einem Jahr war der Stapel mit NPD-Stimmzetteln bemerkenswert hoch: 15,2 Prozent. Doch an diesem Sonntag staunten selbst die Postlower Wahlhelfer. Geradezu mickrig muteten die Häufchen der demokratischen Parteien an - im Vergleich zum Haufen ganz rechts außen auf dem Tisch.

Postlow in Vorpommern: 400 Einwohner, 3 Ortsteile, 38 Prozent für die NPD
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Postlow in Vorpommern: 400 Einwohner, 3 Ortsteile, 38 Prozent für die NPD

Nur 45 Prozent der Bürger gingen am Sonntag in der Gemeinde in Ostvorpommern überhaupt wählen. Und dann das: 55 der 144 Wähler gaben ihre Zweitstimme der NPD. An den Landeswahlleiter wurde die Zahl übermittelt, die das Dorf schlagartig bekannt machte: 38,2 Prozent der Postlower wollen die NPD im Landtag. Rekord für die Partei, die mit landesweit 7,3 Prozent ins Parlament im Schweriner Schloss eingezogen ist.

In Postlow brüllen die Plakate von fast jedem Laternenmast in fast jedem Seitensträßchen: "Wehrt Euch", "Schnauze voll", den "Bonzen auf die Finger hauen"! Von CDU und SPD: keine Spur. Scheinbar kampflos haben die Demokraten den Rechten das Feld überlassen. "Unglaublich", sagt ein 19-Jähriger, der mit ein paar Jungs im viel zu hohen Gras auf dem Bolzplatz von Tramstow kickt, "was die hier für eine Werbung gemacht haben. Die sind sogar mit einem Flugzeug mit Transparent hinten dran hierdrüber geflogen."

Die 400-Einwohner-Gemeinde Postlow, das sind der Weiler gleichen Namens, dazu Tramstow und Görke. Verschlafene Dörfer, kaum ein Mensch ist auf der Straße. Arbeitslosigkeit weit über 20 Prozent, keine Schule, keine Kneipe, kein Jugendclub. Im Übrigen auch keine Ausländer. "Laden geschlossen", vermerkt ein vergilbter Zettel am einstigen "Konsum"-Markt schon seit kurz nach der Wende. Der Verkaufswagen kommt auch nicht mehr, einmal die Woche bringt ein Bäcker frische Ware. Wer etwas braucht, fährt nach Anklam, zehn Minuten mit dem Auto, der Bus fährt stündlich, bis 19 Uhr.

Wo sind die Rechten? Skinheads, herumlungernde Jugendliche, Hakenkreuz-Schmierereien - sichtbare Zeichen der Rechten sucht man in Postlow vergebens. "Eine rechte Szene gibt es hier nicht", sagt der parteilose Bürgermeister und Geflügelzüchter Norbert Mielke, 53. Leicht genervt ist er, steht am Tor zu seinem Hof und sagt "nur eines zu dem Ergebnis: Frust und Demokratie". Dann fügt er doch noch hinzu, er sei betroffen über das Ergebnis der NPD - sicher. Aber in einer Demokratie müsse man den Erfolg einer solchen Partei akzeptieren. Die Menschen seien enttäuscht, sagt er, und deswegen empfänglich für die platten Parolen.

"Ich tue gar nichts dagegen", sagt Bürgermeister Mielke

Will er aufklären, Flagge zeigen? "Ich tue gar nichts dagegen", sagt Mielke entschlossen. Die Leute würden schnell selbst merken, dass auch die NPD nichts ändern könne.

Dann redet er sich plötzlich in Rage, schimpft im braunen Vokabular über die "etablierten Parteien", wettert über "Scheinwahlen" und eine "Diktatur", die es hierzulande längst gebe. Und "ja, natürlich": Auch er kann sich vorstellen, einmal die NPD zu wählen.

Jene Bürger zu finden, die das schon getan, ist trotzdem nicht einfach. "Oh, 38 Prozent?" Ein Rentner am Fenster seines Geburtshauses in Postlow staunt und hat keine Erklärung: "So kann man sich in seinen Nachbarn täuschen", sagt er. Ein paar Meter weiter über die Straße mäht Detlef Kieske, 51, den Rasen vor seinem Haus. Auch er: scheinbar ratlos. Nie habe er von irgendjemandem die Ankündigung gehört, NPD wählen zu wollen. Und erst am Wahltag sei der Briefkasten mit rechtsextremem Material übergequollen. Auch ein NPD-Blättchen in unauffälliger, klassischer Zeitungsoptik sei dabei gewesen. "Das war alles ganz solide und vernünftig aufgeschrieben", sagt da plötzlich Kieske, der nach eigenem Bekunden immer links wählt.

Der 19-Jährige vom Bolzplatz in Tramstow ist sicher: "Das waren ganz normale Erwachsene, die die gewählt haben." Klar gebe es in der Gemeinde auch ein paar Typen im klassischen Neonazi-Outfit, Anhänger der "Freien Kameradschaften", die in der Region stark sind. Fünf bis sechs vielleicht. "Aber früher war das alles viel schlimmer, mit prügelnden Skinheads auf Dorffesten und so. Das gibt's heute gar nicht mehr." Er wundert sich: "Und plötzlich ist die NPD hier so stark."

Postlow ist hier überall

Alle blicken an diesem Tag auf Postlow, aber in Wahrheit ist Postlow nur das krasseste Beispiel. Aus ganz Vorpommern werden hohe Ergebnisse für die NPD gemeldet, vor allem aus dem Osten, dort, wo die Grenze zu Polen nahe ist.

Und die Szenen ähneln sich auch in jenen Dörfern, die heute nicht so im Fokus stehen. 30 Kilometer südlich von Postlow liegt Wilhelmsburg-Eichhof. Die "Straße der Freundschaft" hat nach der Wende ein adrettes Kopfsteinpflaster bekommen, und trotzdem, der Ortsteil hatte schon bessere Tage. Auch hier ist niemand ist auf der Straße, der einstige "Konsum" mit nacktem Stein zugemauert. Die Grundschule steht leer. Im neuen hinteren Haus treffen sich immerhin einmal in der Woche Frauen zur Gymnastik. Einkaufen kann man provisorisch in einer Garage für ein paar Stunden am Tag; das machen vor allem Rentner. Wer jung ist, der ist am liebsten nicht mehr hier. Junge Gebildete sind der Arbeit nachgezogen - meist in den Westen. Hier im Landkreis Uecker-Randow wird immer alles weniger. Weniger Menschen, weniger Geschäfte, vor allem weniger Arbeit. Regelmäßig steht der Kreis an der Spitze der Arbeitslosenstatistik: Im August hatten 26,6 Prozent der Menschen keinen Job.

Auch der Wahlkreis Uecker-Randow I hat es am Sonntag auf Platz eins einer der Wahlstatistiken geschafft: 15 Prozent der Wähler haben hier für die NPD gestimmt. Das war der Rekord aller Wahlkreise. In Wilhelmsburg kam die NPD auf 27,9 Prozent. Zehnmal so viel wie vor vier Jahren.

Rentner Roland Tietze hat kein Verständnis für die NPD-Wähler. Aber er versucht zu erklären, warum man hier NPD wählt. "Hier gibt es doch nichts mehr. Jeder, der gehen kann, geht." Er steht an seinem Gartenzaun und beklagt, dass alle Schulkinder jetzt mit dem Bus ins Nachbardorf Ferdinandshof müssen. "Unsere Schule wurde ja dichtgemacht." Nicht mal einen Arzt gebe es noch. "Hier will ja keiner seine Praxis aufmachen." Von welcher Arbeit kann man hier leben? Der größte Betrieb, eine Rindermast im Ortsteil Friedrichshagen, beschäftigt rund 130 Leute - zu DDR-Zeiten waren es 300. Die paar Handwerker im Dorf schaffen keine Arbeitsplätze, "das sind doch alles Ein-Mann-Klitschen". Tietze glaubt: "Die Leute haben die NPD einfach aus allgemeinem Protest gewählt." Dabei sei die Partei "hier nicht präsent".

So viele Ursachen: die Abwanderung, die Armut, die DDR

Auch in Wilhelmsburg ist es so: Es gibt keine marodierenden Jugendbanden, keine organisierte rechte Szene - in Wilhelmsburg gibt es überhaupt nicht mehr viel. Die NPD-Wähler kommen aus der Mitte der Dorfgemeinschaft. Es sind Enttäuschte, Arbeitslose, Alte, Wendeverlierer. Eine Jugendliche sagt: "Dass so viele die gewählt haben, ist natürlich überhaupt nicht gut." Aus Langeweile geht die junge Frau auf den Straßen des Dorfes spazieren, ihren Namen will sie nicht nennen, "aber Glatzen haben wir hier eigentlich nicht".

Udo Wollenberg, der evangelische Pfarrer, misst der DDR ihren Anteil daran zu, dass Mecklenburg-Vorpommern so empfänglich für Rechtsextreme geworden ist. "Wer einmal in einer Diktatur indoktriniert wurde, ist viel gefährdeter als andere." Was tun? Eine Lösung hat er nicht, "es gibt bei Jugendprojekten ja auch immer finanzielle Zwänge". Gottesdienst findet in Wilhelmsburg nur alle zwei Wochen statt. Wollenberg und seine Frau betreuen ab Oktober mehrere Gemeinden gleichzeitig.

Bei der CDU sitzt am Tag nach dem NPD-Triumph Ulrich Poch, 67, Kreisgeschäftsführer, kratzt sich am Kopf und lächelt. "Wissen Sie, jeder gut Ausgebildete verlässt uns. Wer von den jungen Leuten bleibt, gehört oft zu den problematischen Kandidaten." Gegen die NPD habe die CDU im Wahlkampf kaum bestehen können, finanziell, "die hatten 400.000 Euro". Auch in Wilhelmsburg war es so: Die NPD war es, die mit ihren Plakaten am agressivsten, am populistischsten Reklame gemacht hat.

Ulrich Poch hat einen Malerbetrieb, den jetzt sein Sohn führt. "Früher haben wir 30 Leute beschäftigt, heute sind es drei", erzählt er. "Das sagt alles."



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