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NPD in Sachsen: Rechtsextreme Nachhilfestunde

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Facebook/ JN Sachsen

Ein Plüsch-Hirsch der NPD-Jugendorganisation tourt durch sächsische Schulen, umarmt Schüler und Lehrer und verteilt Flyer. Offenbar wehrt sich kaum jemand, das Kultusministerium ist hilflos.

Es ist ein Video, das harmloser kaum wirken könnte: Zu Klavier- und Gitarrenmusik schlendert ein Plüsch-Hirsch mit überdimensionalem Kopf über eine Straße, die großen Augen schauen unschuldig in die Kamera. Dann sieht man den Hirsch in einem Klassenraum, er winkt den Schülern zu, schließlich schüttelt er der Lehrerin die Hand, umarmt sie herzlich.

Der Hirsch ist das Maskottchen der NPD-Jugendorganisation JN in Sachsen. Seit Anfang der Woche informiert er an Schulen vorgeblich über die Gefahren der Modedroge Crystal Meth - und macht nebenher rechtsextremen Wahlkampf. Ende August wählt der Freistaat einen neuen Landtag - und die NPD-Anhänger scheinen nun die heiße Wahlkampfphase einzuläuten.

Die Aktion ist offenbar gut geplant: Mit einer Gruppe von bis zu zehn Leuten seien seine Kameraden unterwegs, sagte JN-Landeschef Paul Rzehaczek SPIEGEL ONLINE. Auf den Videos ist zu sehen, wie der Hirsch freundlich in die Runde winkt - und gleichzeitig junge Männer in roten JN-T-Shirts Flyer und Broschüren an die Schüler verteilen. Allein am Montag dürften die Rechtsextremen mindestens vier Schulen besucht haben, Dienstag und Mittwoch folgten weitere. Offenbar schafften sie es mehrmals bis in die Flure und Klassenzimmer der Schulen, wie auf Videos der JN auf YouTube zu sehen ist. Auf Fotos posiert der Hirsch vor Schülern oder einer Tafel mit der Aufschrift "Euer Platzhirsch im Kampf gegen Drogen".

Die NPD soll "tageslichttauglich" werden

Der Rückendeckung seiner Mutterpartei kann sich der rechtsextreme Nachwuchs sicher sein. Auf Nachfrage bestätigte der sächsische NPD-Landtagsabgeordnete Arne Schimmer, er habe die Aktion am Montag unterstützt. Schimmer gibt sich besorgt: Jugendliche würden oft früh mit Crystal Meth anfangen. "Wir sind vor allem in Gebieten unterwegs, in denen die Droge besonders häufig konsumiert wird." Die Aktion komme bei den Jugendlichen "sehr gut" an, auch die Lehrer seien "sehr begeistert", sagt Schimmer. Erst, wenn herausgekomme, dass der "plüschige Zottel nicht von Peta oder Greenpeace geschickt wurde", würden die Schulen hektisch reagieren und Hausverbote erteilen, so Schimmer auf Facebook.

Die Landtagswahl im August ist für die NPD von großer Bedeutung. 2009 hatte die NPD 5,6 Prozent bekommen, nun wollen die Rechtsextremen zum dritten Mal ins Parlament einziehen. Lange hatte es schlecht ausgesehen: Nach der Affäre um den ehemaligen Partei- und Fraktionschef Holger Apfel kam die NPD auf gerade einmal ein Prozent Zustimmung. Apfel wird vorgeworfen, junge Männer sexuell belästigt zu haben. Mittlerweile verdingt sich Apfel als Wirt auf Mallorca, die Affäre wurde offiziell von der Parteispitze zum Tabu-Thema erklärt.

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Die Crystal-Meth-Aufklärungstour des rechten Nachwuchses passt perfekt in die Strategie der NPD in Sachsen. Die Partei versucht sich wenige Wochen vor der Landtagswahl fürsorglich zu geben. Sie will raus aus der braunen Schmuddelecke und "tageslichttauglich" zu werden, wie es jüngst der Sprecher der Bundespartei in einem Interview formulierte. Organisieren NPD-Anhänger sonst Kinderfeste oder Hartz-IV-Beratungen, setzt die Jugendorganisation in Sachsen nun auf das Thema Drogen.

Kultusministerium: Die Lehrer wurden überrumpelt

Im Kultusministerium verurteilt man die Kampagne scharf und bedauert, dass es die Rechtsextremen in die Schulen schaffen konnten. Die Lehrer seien teilweise überrumpelt worden, sagt Ministeriumssprecherin Manja Kelch. Dass eine Lehrerin dem Hirsch gar die Hand gereicht und ihn am Ende umarmt hat, entschuldigt sie: "Das ist eine landwirtschaftliche Schule, die Lehrerin hat offenbar den Zusammenhang nicht erkannt." An alle Parteien seien vor einiger Zeit Hinweise verschickt worden, dass politische Werbung an Schulen prinzipiell verboten ist und gerade kurz vor der Landtagswahl zu unterlassen sei, sagt Kelch. Die Parteien nun nochmals daran zu erinnern, halte sie nicht für nötig. Eine betroffene Schule habe den Vorfall aber der Polizei und dem Staatsschutz gemeldet.

Die Jungen Nationaldemokraten interessiert das alles offenbar wenig. Triumphierend posteten sie am Mittwoch auf ihrer Facebook-Seite ein Bild des Hirschen in einem Klassenzimmer, darüber der Kommentar: "'Dieser Platzhirsch bekommt Hausverbot an allen sächsischen Schulen!' Interessiert ihn aber offenbar nicht'". Und Landeschef Rzehaczek sagt: "Hausverbot? Das habe ich weder schriftlich noch telefonisch übermittelt bekommen. Wir werden schon noch die eine oder andere Schule besuchen - unsere Tour durch Sachsen dauert bis morgen nachmittag."

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