Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

NPD-Parteitag in Neuruppin: Neue Fassade, alter Kern

Von , Neuruppin

Rechte Terroristen morden quer durch die Republik - die Nachricht kommt just, als sich die NPD ein neues, harmloseres Image verpassen will. Der Parteitag könnte für die Nationalen nicht schlechter terminiert sein. In Neuruppin gibt man sich dünnhäutig - Ärger hat man auch so genug.

Parteitag der Nationalen: Die netten Onkel von der NPD Fotos
dapd

Es wird früh dunkel an diesem Samstag in Neuruppin. Doch ruhig wird es nicht. Vor dem Kulturhaus Stadtgarten mitten im Herzen der Fontane-Stadt plärrt "Wind of Change" aus riesigen Lautsprechern. Die Gegendemonstranten haben sich in Stellung gebracht - und beschallen das städtische Tagungszentrum in Dauerschleife. Drinnen hockt die NPD und entscheidet über ihre Zukunft.

Die Ultrarechten hätten sich wohl keinen schlechteren Zeitpunkt aussuchen können, um die angestrebte Imagekorrektur auf den Weg zu bringen. Die immer neuen Enthüllungen um die Neonazi-Zelle Zwickau, um tote Dönerverkäufer und eine Blutspur durch die ganze Republik haben die Gefahr aus dem rechten Lager in die Schlagzeilen zurückgebracht.

In Neuruppin will man davon jedoch so gar nichts wissen. Im Kulturhaus riecht es nach Bier und Bratwurst. Auf hastig gezimmerten Infoständen liegen die einschlägigen Flugblätter und Souvenir-Angebote vom Parteitag. Das T-Shirt, Pardon, T-Hemd mit dem Aufdruck "Minarettverbot" gibt es für nur zehn Euro. Wohin man blickt, versprühen adrett gekleidete Nationale angestrengt gute Laune.

Ein Versuch der Kontaktaufnahme: Vor dem Saal steht eine Gruppe junger Männer, raucht und plaudert. Wie sie denn die Vorgänge rund um die Rechtsterroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt bewerten würden? Mit der Redseeligkeit ist es schlagartig vorbei. Zu dem Thema habe man überhaupt gar keine Meinung und müsse nun auch schleunigst zurück in den Sitzungssaal.

Das Thema "Braune Zelle Zwickau" wird konsequent ausgeblendet

Nicht viel mehr hat Udo Voigt beizusteuern. Dem Noch-Parteivorsitzenden der NPD ist die Frage während der Pressekonferenz zum Auftakt des Treffens ganz offensichtlich unangenehm. Nein, eine klare Position könne er nicht beziehen. Dazu seien noch zu viele Fakten ungeklärt. Da sei wohl die Grenze zwischen radikal und kriminell verschwommen, sagt er. Und redet sich dann doch in Rage: Viel mehr Gefahr ginge doch eigentlich vom linken Lager aus, das wolle schließlich den Bürgerkrieg. Seine Partei dagegen strebe die "Volksgemeinschaft" an. Für Kriminelle sei in der NPD auf jeden Fall kein Platz.

Das war es dann. Während stundenlanger Debatten über Wahlkampfdebakel und klamme Parteikassen: Kein Wort über das Drama um Beate Zschäpe und die beiden Uwes. Das unbequeme Thema wird konsequent ausgeblendet.

Die Nationalen haben im Moment genug mit sich selbst zu tun. Neuruppin, der erste Wahlparteitag seit 2009, könnte der Partei einen Generationenwechsel bringen. Seit 15 Jahren führt Voigt die NPD, jetzt scheint er angezählt. Zu schlecht steht es um die Finanzen, zu mau waren die letzten Wahlergebnisse unter Voigts Leitung, zu wenig bewegt sich in der Partei.

Nun wittern die Nachwuchskräfte ihre Chance - und gehen den Chef vor versammelter Mannschaft hart an. In den vergangenen Wochen hatten sich die beiden Lager in den einschlägigen Publikationen eine Schlammschlacht geliefert. Hier Voigt und die alteingessenen Parteimitglieder, dort Holger Apfel und Udo Pastörs, zusammen mit dem NPD-Nachwuchs.

Voigt will sein Amt nicht kampflos hergeben

Doch einfach so will Voigt seinen Posten nicht hergeben. Er ist zwar geschwächt, nicht zuletzt durch den Tod seines Förderers und Mäzens Jürgen Rieger, aber knapp dürfte die Wahl zum neuen Vorsitzenden trotzdem allemal werden. Das weiß Voigt - und holt in seinem Bericht zur Lage der Partei weit aus. Punkt für Punkt geht er die Landtagswahlen durch, lobt Erfolge und sucht Ausreden für Niederlagen.

Bei der Erklärung der Berlin-Wahl, die NPD kam auf gerade einmal 2,1 Prozent, greift Voigt seinen Konkurrenten Pastörs direkt an. Ob dieser mit der harschen Kritik an seiner Person nicht noch "eine Woche hätte warten können"? "Daran wird es ja wohl kaum gelegen haben", schallt es aus dem Saal zurück. Der Zwischenrufer erntet mehr Gelächter als Voigt für die meisten seiner ungelenken Anekdoten. Er ist kein guter Redner, aber ein ausdauernder. Eine gute Stunde steht er am Pult. Fesseln kann er mit seinen Ausführungen niemanden: Viele der rund 400 Mitglieder und Gäste rutschen unruhig auf ihren Stühlen herum.

Holger Apfel schreitet derweil durch die Reihen der Delegierten, schüttelt Hände und netzwerkt. Immer wieder verschwindet er ins Foyer, manchmal bespricht er sich mit seinem Mitstreiter Pastörs. Durch die offene Außentür wabert Cat Stevens' "Father and Son", die Protestler vor dem eisernen Eingangstor haben sich warm gesungen. Streng bewacht werden sie von zwei Hundertschaften der Polizei in schwerer Montur. Eingreifen müssen die Beamten jedoch nicht, die Gegendemo an diesem Tag bleibt friedlich.

Apfels Konzept von der "seriösen Radikalität"

Ans Mikrofon treten Apfel und Pastörs, zumindest in Gegenwart der Presse, nur kurz. Aber beide Ansprachen haben es in sich. Pastörs, Mecklenburg-Vorpommerns Spitzenmann der Rechten, fordert die Mitglieder dringend auf, doch in Zukunft noch mehr "radikale Ideen sympathisch in die Bevölkerung zu tragen". Apfel, sein Gegenpart aus Sachsen, führt diesen Ansatz weiter und umreißt seine Idee von den "seriösen Radikalität". Nett nach außen, im Inneren so hart und kalt wie eh und je - das soll der Kurs der NPD in der Post-Voigt-Ära sein. Ab in die Mitte, Wähler ködern. Als Kapitän ist Apfel vorgesehen, der sich vor allem der Unterstützung der Jungen Nationaldemokraten sicher sein kann.

Am Ende eines langen Samstags müssen die Delegierten entscheiden. Vorher reden beide Lager noch einmal Klartext, davor werden die Journalisten von lächelnden Ordnern vom Gelände geführt. Das Ergebnis der Wahl wird am Sonntagvormittag erwartet. Die Polizei hat die Gegendemo vor den Tor inzwischen beendet, die Bürger von Neuruppin sollen schließlich ihre Nachtruhe genießen können. Es friert in der Fontane-Stadt.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Zur rechten Zeit zehn rechte Morde...
bau_leiter 13.11.2011
Trotz aller "Mobilmachung" haben die Gegner der NPD für die Anti-Parteitags-Proteste lt. dortiger Regionalreporter nur ca. 50 Protestanten zusammenbekommen - größtenteils Bundes-, Landes- und Kommunalpolitiker. Wahrscheinlich hat man schon gemerkt, daß die Zustimmung für die NPD zunimmt... Also wird in ein, lt. ARD von einem V-Mann des Thüringer Staatsschutzes geführtes, "rechtes" Wespennest gestochen und Schlagzeilen produziert, die im Umfang fast 9/11 erreichen. Natürlich schlußfolgert man aus den mutmaßlichen und etwas unlogischen Vorgängen um den "Thüringer Heimatschutz", daß es nun dringend geboten ist, die NPD zu verbieten! Schon schlimm, wie man diese Partei diffamiert, ohne sich sachlich mit ihren Thesen auseinanderzusetzen! Oder fehlt es an vernünftigen Argumenten?
2. Man wird sich...
horstma 13.11.2011
Bisher konnte man diesen braunen Sumpf ignorieren, man wird sich mit diesen Leute in Zukunft aber leider befassen müssen. Da alle "normalen" Parteien sich auf eine desaströse, ruinöse Euro- und Europapolitik eingeschworen haben und die Linke mit Lötzsch als Gallionsfigur für das Programm "DDR 2.0" steht und für viele damit nicht wählbar ist, wird es viele, die den derzeitigen Europakurs zurecht nicht mittragen möchten, in die Arme der NPD treiben. Denn es ist leider die einzige Partei, die gegen den derzeitigen Ausverkaufs-Wahnwitz ist, und bei der man den Marxismus-Leninismus nicht als Dreingabe bekommt. Die etablierten Parteien, von den Grünen bis zur CSU, werden noch mit den Augen rollen, wenn sie bei zukünftigen Wahlen sehen, was sie angerichtet haben.
3. keine
andynm 13.11.2011
Zitat von horstmaBisher konnte man diesen braunen Sumpf ignorieren, man wird sich mit diesen Leute in Zukunft aber leider befassen müssen. Da alle "normalen" Parteien sich auf eine desaströse, ruinöse Euro- und Europapolitik eingeschworen haben und die Linke mit Lötzsch als Gallionsfigur für das Programm "DDR 2.0" steht und für viele damit nicht wählbar ist, wird es viele, die den derzeitigen Europakurs zurecht nicht mittragen möchten, in die Arme der NPD treiben. Denn es ist leider die einzige Partei, die gegen den derzeitigen Ausverkaufs-Wahnwitz ist, und bei der man den Marxismus-Leninismus nicht als Dreingabe bekommt. Die etablierten Parteien, von den Grünen bis zur CSU, werden noch mit den Augen rollen, wenn sie bei zukünftigen Wahlen sehen, was sie angerichtet haben.
Meine Güte, zwei Beiträge und beide sind absolute NPD-Verharmlosung..Diese Partei ist eine rassistische und nationalistische Partei, die null(!) Rezepte für die drängenden Probleme des Landes oder Europas hat.
4. Reality check
Americanet 13.11.2011
Zitat von andynmMeine Güte, zwei Beiträge und beide sind absolute NPD-Verharmlosung..Diese Partei ist eine rassistische und nationalistische Partei, die null(!) Rezepte für die drängenden Probleme des Landes oder Europas hat.
Der zitierte Beitrag des Foristen beschriebt die Notwendigkeit, sich mit solchen unliebsamen politischen Gruppierungen auseinander setzen zu müssen, weil die Mainstream-Parteienlandschaft nämlich genauso wenig Rezepte hat. Im Gegensatz zu üblichen "Verbieten!"- Geschrei fordert der Beitrag einen demokratischen Weg der Auseinandersetzung. Das ist in linken Kreisen unbeliebt, aber deswegen nicht weniger richtig.
5. Naja
Wolfes74 13.11.2011
Zitat von bau_leiterTrotz aller "Mobilmachung" haben die Gegner der NPD für die Anti-Parteitags-Proteste lt. dortiger Regionalreporter nur ca. 50 Protestanten zusammenbekommen - größtenteils Bundes-, Landes- und Kommunalpolitiker. Wahrscheinlich hat man schon gemerkt, daß die Zustimmung für die NPD zunimmt... Also wird in ein, lt. ARD von einem V-Mann des Thüringer Staatsschutzes geführtes, "rechtes" Wespennest gestochen und Schlagzeilen produziert, die im Umfang fast 9/11 erreichen. Natürlich schlußfolgert man aus den mutmaßlichen und etwas unlogischen Vorgängen um den "Thüringer Heimatschutz", daß es nun dringend geboten ist, die NPD zu verbieten! Schon schlimm, wie man diese Partei diffamiert, ohne sich sachlich mit ihren Thesen auseinanderzusetzen! Oder fehlt es an vernünftigen Argumenten?
Nichts aber auch nichts ist bei denen logisch, menschlich bzw. vernünftig nachvollziehbar. Alles was sie zu bieten hat ist Gewalt, Lösungen die bestimmte nicht unrelevante Volkschichten von der allgm. Gesellschaft ausschließen würden usw. Die NPD hat keinerlei politische Lösungen oder Alternativen parat - alle ihre Ziele sind nur mit Gewalt (physischer und psychischer) umsetzbar und haben mit dem derzeitigen GG nichts gemein. Wer diese Partei als seine Wahlheimat betrachtet ist ein Besuch eines Geschichtsmuseum (Thema 3. Reich usw.) und allgm. ärztl. Betreuung angeraten. Bzw. sollte man sich mal ein bissl über Humanismus informieren.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
NPD-Parteitag: Aufstand der jungen Rechten


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: