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Neuer NPD-Chef Franz: Die Verlegenheitslösung

Von , Weinheim

Der neue und der alte NPD-Parteichef: Frank Franz (l.) und Udo Pastörs in Weinheim Zur Großansicht
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Der neue und der alte NPD-Parteichef: Frank Franz (l.) und Udo Pastörs in Weinheim

Die angeschlagene NPD setzt auf den jungen Parteichef Franz - aus Mangel an Alternativen. Hoffnung machen vielen Rechtsextremen die Hooligan-Proteste. Mit denen will der gemäßigte Funktionär aber lieber nichts zu tun haben.

Es war eine Warnung an mögliche Querulanten: "Sollten sich gewisse Entwicklungen Bahn brechen", sei er bereit einzuschreiten, rief Ex-NPD-Parteichef Udo Pastörs am Samstagabend auf dem Parteitag in Weinheim vor den Wahlen seines Nachfolgers. Dies gelte auch für seinen Kameraden Udo Voigt, den langjährigen ehemaligen Vorsitzenden und Europaabgeordneten. Wenig später ließen sich die beiden demonstrativ gemeinsam beim Handschlag ablichten. Dabei gelten die zwei als Intimfeinde.

Erst Anfang des Jahres hatte Voigt Pastörs eine empfindliche Niederlage eingebracht, als der den Kampf um die Spitzenkandidatur für die Europawahl überraschend verlor. Eine Schlappe, von der sich Pastörs in den vergangenen Monaten nie erholte, der als Vorsitzender schwach wirkte angesichts der zahlreichen Affären um eine Ex-Pornodarstellerin und einen thüringischen Spitzenkandidaten, der vor Jahren seine Mutter verprügelt haben soll.

Saarländisches Duell

Doch zumindest in seinen letzten Stunden an der NPD-Spitze konnte sich Pastörs nun durchsetzen: Sein Wunschnachfolger wurde der bisher eher blass wirkende Frank Franz (Lesen Sie hier den Überblick). 86 der 139 Delegierten wählten den Saarländer, ein ordentliches, aber kein überragendes Ergebnis. Es zeigt, dass der 35-Jährige vielen Rechtsextremen - trotz der Absprache von Pastörs und Voigt - eher eine Verlegenheitslösung ist.

Das hatte auch Voigt, Vertreter des radikaleren Flügels, immer deutlich gemacht. Er befürchtet, dass die NPD unter Franz allzu gemäßigt auftreten und "der AfD hinterherlaufen" wird. Doch Voigt konnte keinen eigenen mehrheitsfähigen Kandidaten präsentieren - und den saarländischen Landeschef Peter Marx, der gegen Franz wohl auch aus Trotz antrat, die beiden sind zerstritten, hält Voigt nicht zuletzt nach der Affäre um eine dubiose Geburtstagsfeier mit Peniskuchen-Fotos für noch weniger geeignet. Strippenzieher Marx wird nachgesagt, vor allem auf seinen Vorteil aus zu sein und es immer besser zu wissen.

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Franz, bisher als NPD-Sprecher Mann der zweiten Reihe, gilt dagegen als integer. Als "kontrolliert und auf der Höhe der Zeit" bezeichnete Pastörs den Vater dreier Kinder. Franz ist allerdings weitgehend unbekannt, er fiel bisher nur durch wohl inszenierte Fotos auf seiner Facebook-Seite auf.

Franz' Wahl stärkt den nach außen hin moderater auftretenden Flügel der NPD, der nach der Niederlage in Sachsen an Einfluss verloren hatte. Der Saarländer, stets in Anzug mit Einstecktuch gekleidet, will der NPD nun ein "sympathischeres und bürgerliches" Gesicht geben - eine Strategie, an der sich schon der gescheiterte Vorsitzende Holger Apfel versucht hatte, den Pastörs in Weinheim als "Vorsitzenden, der sich verirrt hat", bezeichnete.

Die Rechtsextremen werden ihren neuen gemäßigten Chef im anstehenden Verbotsverfahren zu nutzen wissen. Hatte Hardliner Pastörs den Bundesländern mit seinen Hetzreden viel Material für den Verbotsantrag geliefert, wird Franz dagegen nur einmal in der Belegliste aufgeführt - und das mit einem Zitat, in dem er appelliert, dass die NPD nicht nur provozieren dürfe, sondern grundlegende Arbeit in den Parlamenten leisten müsse.

Der Medienunternehmer aus Völklingen, der vor allem Internetprojekte in der rechtsextremen Szene betreuen soll, will die NPD zu einer Wahlpartei machen - so wie die in Umfragen zuletzt starke FPÖ in Österreich, allerdings dürfte das Modell auf die NPD mit ihrem Schmuddel-Nazi-Image und ihren migrantenfeindlichen Tönen kaum übertragbar sein. Franz grenzte sich vor einigen Wochen bereits klar von den radikaleren Kräften ab: Er werde nicht mehr "jeden Idioten mit seinem Krawallotheater" integrieren. Den Neonazis der Kameradschaften attestierte Franz ein "Sektenimage".

Hooligans: "Da ist Potenzial, was nutzbar wäre"

Mit diesen freien Kräften wird sich Franz nun rumschlagen müssen. Auf dem Parteitag wurden Stimmen laut, dass die Rechtsextremisten auf die Hooligans zugehen müssten. Die Proteste gegen Salafisten in Köln hätten gezeigt, dass die Zeit der Großdemonstrationen eben nicht zu Ende sei, sagt Voigt. "Die NPD muss wieder vordringlich raus auf die Straße. Es brodelt im Volk. Da ist Potenzial, was für uns nutzbar wäre."

Der neue Parteichef hält von solchen Ideen jedoch wenig, er spricht von einem "Gebräu an Leuten", das in Köln protestierte. Darunter waren allerdings auch Funktionäre der NPD, wie etwa der Frankfurter Stadtverordnete Jörg Krebs oder der thüringische Landeschef Patrick Wieschke. Das sei deren "Privatvergnügen", nicht Sache der Partei, wiegelt Franz ab, eine beliebte Argumentationslinie der NPD. Die Grenzen sind dabei fließend, zumal sich sein neuer Vize Ronny Zasowk vor dem Parteitag in einer Erklärung solidarisch mit der "Hooligans gegen Salafisten"-Bewegung zeigte. "Jetzt muss politisch nachgesetzt werden", heißt es in seinem Schreiben.

Es gebe keinen Kontakt zur Hooligan-Szene und den werde es unter seiner Führung auch nicht geben, betont dagegen der neue Vorsitzende Franz. Voigt dürfte das weniger gefallen - er macht bereits Druck: "Herr Franz hat genau 100 Tage, um zu zeigen, dass er den politischen Spagat zwischen den auseinanderstrebenden Fronten der NPD hinbekommt." Es ist eine Kampfansage.

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