Trotz Verbotsverfahren Holocaust-Leugnerin sprach bei NPD-Veranstaltung

Der Antrag auf das Verbot der rechtsextremen NPD läuft - das hält Funktionäre in Sachsen-Anhalt nicht davon ab, die einschlägig bekannte Ursula Haverbeck zu einem Vortrag einzuladen. Sie hat jüngst verkündet, der Holocaust sei "die nachhaltigste Lüge der Geschichte".

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Haverbeck (r.) mit NPD-Funktionären Püschel und Thiel (l.) in Naumburg: Neujahrsempfang mit der Holocaust-Leugnerin
NDR/ Panorama

Haverbeck (r.) mit NPD-Funktionären Püschel und Thiel (l.) in Naumburg: Neujahrsempfang mit der Holocaust-Leugnerin


Ursula Haverbeck versteht sich als "Stimme für Wahrheit und Gerechtigkeit". In dieser Mission zieht die 86-Jährige aus dem nordrhein-westfälischen Vlotho durch Deutschland und erklärt 70 Jahre nach Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, dass es den Holocaust nicht gegeben habe. Das ist unerträglich, aber auch dank Vertretern der rechtsextremen NPD möglich - jener Partei, der derzeit ein Verbotsverfahren vor dem Bundesverfassungsgericht droht.

Ende Januar dieses Jahres, Haverbeck hat in der Gaststätte "Burgblick" in Saaleck in Sachsen-Anhalt die Veranstaltung "Befreiung von Auschwitz" angekündigt. Die Behörden verbieten die Versammlung. Haverbeck wurde bereits mehrfach wegen Volksverhetzung verurteilt. Sie war Vorsitzende des "Collegium Humanum" und Vizevorsitzende des "Vereins zur Rehabilitierung der wegen Bestreitens des Holocaust Verfolgten". Beide Organisationen wurden 2008 als rechtsextremistisch verboten. Gegen Haverbeck wird derzeit wieder ermittelt, weil sie in einem Video auf ihrer Homepage verkündet: "Betrachten wir nun die Weltpolitik nach 1945, und so zeigt es sich, dass der Holocaust die größte und nachhaltigste Lüge der Geschichte ist."

Dass die Holocaust-Leugnerin Ende Januar in Saaleck nahe Naumburg doch sprechen kann, verdankt sie der NPD-Fraktion des Burgendlandkreises. Die setzt einen Neujahrsempfang der Partei an: gleicher Ort, gleiche Uhrzeit, Gast: Haverbeck. Vorneweg Fraktionschef Hans Püschel, der sich selbst als "Nazi" bezeichnet (Lesen Sie hier mehr über den Mann, der einst in der SPD war). Anwesend ist auch Steffen Thiel, Kreistagsabgeordneter und Landesvorstandsmitglied der NPD. Er hat über Wochen Demonstrationen gegen die künftige Asylbewerberunterkunft in Tröglitz organisiert, die Ostersamstag dann angezündet wurde (Lesen Sie hier mehr).

Rund 30 Gäste sind gekommen, Polizei und Staatsschutz - und ein Team der ARD-Sendung "Panorama". Es dokumentiert Haverbecks unsäglichen Auftritt bei der NPD. Einige wenige Auszüge: Bisher habe sie nie eine Antwort bekommen, behauptet Haverbeck, "obwohl ja überall auch davon gesprochen wird, dass sechs Millionen (Juden - Anm. d. Redaktion) umgebracht worden sind. Offenbar niemand, aber auch niemand mir darauf antworten kann wo. Und ich sage eine Untat, ein Verbrechen ohne einen Tatort, kann keine Tatsache sein."

Die Anlagen und Baracken in Auschwitz, die Zeugenaussagen der KZ-Überlebenden (Lesen Sie hier die wichtigsten Beiträge über Auschwitz) , sie gelten nicht für Haverbeck. Sie schwadroniert weiter: "Es gibt also eine unendliche Vielzahl von Überlebenden des Holocaust, vor allen Dingen in Auschwitz, die nie dort waren. Und deswegen, wir haben nicht zufällig ein deutsches Sprichwort: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht." Ein Polizist unterbricht kurz die Veranstaltung, weist Haverbeck zurecht. Sie darf dann weitersprechen und ihre kruden Thesen zu Auschwitz unter Beifall der Anwesenden verkünden, das für sie "kein Vernichtungs-, sondern ein Arbeitslager" war, wie sie dem ARD-Team später in einem Interview sagt.

Püschel tritt als "Co-Referent" in Naumburg auf
NDR/ Panorama

Püschel tritt als "Co-Referent" in Naumburg auf

Als Beleg dafür muss nun das Buch "Standort- und Kommandanturbefehle des Konzentrationslagers Auschwitz" herhalten, dessen Herausgeber der renommierte Historiker Norbert Frei ist. Wo gearbeitet wurde, wurde nicht getötet - so die krude Schlussfolgerung der Holocaust-Leugnerin. Schließlich herrschte deutsche Ordnung und Gründlichkeit in Auschwitz.

Dieser Auffassung ist auch NPD-Fraktionschef Püschel, den Haverbeck als "Co-Referenten" bezeichnet. Er zitiert minutenlang auf der Versammlung aus Befehlen für die SS-Wachmannschaften, nach denen diese etwa den Zustand der Bekleidung und Füße der Häftlinge überwachen mussten. "Die Häftlinge haben also die Füße vorzuzeigen, dass sie sauber und gesund sind, weil es viele von sich aus nie gemacht hätten wahrscheinlich, sonst wäre so eine Anordnung nicht notwendig gewesen", sagt Püschel. Er erwähnt nicht, dass der Herausgeber, aus dessen Buch er da zitiert, zu einem anderen Schluss kommt.

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Die Befehle seien "natürlich kein Beweis" für Haverbecks Ausführungen, sagt Historiker Frei der ARD: "Ganz im Gegenteil enthalten sie eine Fülle von mehr oder weniger verdeckten, aber leicht zu entschlüsselnden Hinweisen darauf, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt aus dem Auschwitz-Komplex das Vernichtungslager geworden ist." Frei forscht seit Jahrzehnten zum Thema Holocaust.

Doch das scheint Haverbeck und Püschel nicht zu interessieren. Frührere Äußerungen Püschels werden auch im NPD-Verbotsantrag der Bundesländer aufgeführt. In dem Schriftsatz attestieren die Bundesländer der NPD unter anderem eine Wesensverwandtschaft mit der NSDAP: Die NPD-Ideologie sei weitgehend identisch mit den Lehren des Nationalsozialismus. "Anhänger der Partei gehen bis zur Relativierung und Leugnung der Ermordung der europäischen Juden durch die Gewaltherrschaft des NS", heißt es in dem Antrag. Dass Püschel formal nicht Mitglied der NPD ist, wie in der Partei betont wird, ist unerheblich: Er repräsentiert die Partei im Kreistag.

Frank Franz, seit Herbst als Parteivorsitzender im Amt, will die NPD wieder vorzeig- und wählbar machen. Vorbild ist der Front National in Frankreich. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE distanziert er sich: "Es gibt unsererseits keine Zusammenarbeit und Kooperation mit Frau Haverbeck." Die Parteiführung habe keine Kenntnisse von der Veranstaltung in Naumburg gehabt, diese sei zunächst eine "Angelegenheit der Kreistagsfraktion".

Es klingt nicht so, als würden deren Angelegenheiten unbedingt mit denen der NPD-Bundesführung übereinstimmen.


Die Holocaust-Leugner - "Panorama", ARD, heute Donnerstag, 21.45 Uhr

Weitere Informationen und Dokumenten finden Sie hier, ein ausführliches Interview mit Haverbeck auch hier.

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