Aktivisten gegen Rechtsextreme Von der NPD bedroht und schikaniert

Der NPD droht ein Verbot. In der Hauptverhandlung in Karlsruhe wird es auch darum gehen, wie die Rechtsextremen ihre politischen Gegner verfolgen. Was das heißt, erlebt Karen Larisch jeden Tag.

Von , und (Videos), Güstrow


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Jeder Gang zum Briefkasten ist eine Qual. Karen Larisch weiß nie, was sie erwartet. Ist der Briefkasten gestohlen, beschädigt oder gar weggesprengt wie im vergangenen Mai - oder ist die Post zerfleddert?

"Das ist Briefkasten Nummer fünf", sagt Larisch. Die Linken-Politikerin in Güstrow, einer 29.000-Einwohner-Stadt mitten in Mecklenburg-Vorpommern, holt ein paar Briefe heraus, alle unversehrt. Heute ist ein guter Tag.

Es ist ja nicht nur der Briefkasten. Mit ruhiger Stimme zählt Larisch auf, was noch alles passiert ist: ein Buttersäure-Anschlag auf die Wohnung, NPD-Flyer im Hauseingang, Hakenkreuze an der Wand, das Büro verwüstet, Hassbotschaften im Internet, Telefonterror, Attacke mit einem Regenschirm, die Liste will nicht enden.

Larisch wird seit Monaten bedroht und verfolgt. Sie macht die Rechtsextremen in ihrer Stadt dafür verantwortlich, darunter den örtlichen NPD-Abgeordneten.

"Klima der Angst" nennt der Bundesrat in seinen NPD-Verbotsanträgen das, was Larisch täglich erlebt. Am Dienstag beginnt in Karlsruhe die Hauptverhandlung im Verfahren gegen die rechtsextreme Partei.

NPD-Mitglieder hetzen nicht nur gegen Flüchtlinge, sondern verfolgen auch ihre politischen Feinde. Seitenlang führen die Bundesländer dafür Beispiele auf. Ein Auszug: der Bürgermeister in Schneeberg, Sachsen, bedroht; der Bürgermeister in Tröglitz, Sachsen-Anhalt, bedroht; Lokalpolitiker in Berlin-Pankow bedrängt und eingeschüchtert; Überfall auf ein DGB-Treffen am 1. Mai in Weimar, Thüringen.

Video: Die NPD im Schweriner Landtag provoziert und bedrängt

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Die NPD-Oberen geben sich gern bürgerlich brav, distanzieren sich von Gewalt. Doch das ist Fassade. In keiner anderen Partei gibt es so viele Gewaltbereite und Gewalttäter wie in der NPD. Jedes vierte Vorstandsmitglied der NPD-Organisationen sei rechtskräftig strafrechtlich verurteilt, schreibt der Bundesrat. Er listet dabei auch Körperverletzungen, Sachbeschädigungen und Hausfriedensbruch als Delikte auf.

Im Schweriner Landtag wissen sie, was das heißt. Seit 2006 sitzt die NPD in dem Parlament. Um in das Gebäude zu gelangen, muss man eine Sicherheitsschleuse passieren. Bei NPD-Mitgliedern waren ein Schreckschuss-Revolver und ein Schlagstock gefunden worden.

Sylvia Bretschneider, SPD-Abgeordnete und Landtagspräsidentin, kennt die NPD-Einschüchterungsstrategie nur allzu gut. Sie ist es, die die NPD-Männer zur Ordnung ruft, wenn die wieder einmal provozieren. "Na, Frau Bretschneider, so alleine?", habe ein NPD-Funktionär gesagt, als sie nach einer Veranstaltung zum Parkplatz ging. Im Landtag sei sie vom NPD-Abgeordneten David Petereit im Fahrstuhl bedrängt worden, erzählt sie. Er sprach später davon, dass Bretschneider ihn "angetatscht" habe. Es sind Machtspiele, die Rechtsextremen versuchen es immer wieder.

In Güstrow verkörpert Nils Matischent die NPD. Er ist einer von 360 kommunalen Vertretern der rechtsextremen Partei. Der 26-Jährige war an einem brutalen Überfall auf einen Jugendklub beteiligt, ist wegen gefährlicher Körperverletzung vorbestraft.

Die braune Macht - NPD-Mandate in Gemeinderäten
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Quelle: Statistische Landesämter (Stand z.T. unmittelbar nach den letzten Kommunalwahlen), Verfassungsschutzberichte, eigene Recherche;
Stand: Februar 2016

Matischent und Larisch sitzen im Stadtrat. Für die Rechtsextremen ist sie so etwas wie das Lieblingsziel in der Region. Larisch ist eine zierliche Frau, 1,52 Meter groß. Sie sagt, sie könne den Mund nicht halten. Seit Jahren engagiert sie sich gegen Rechtsextremismus. Als die NPD Kundgebungen gegen ein Flüchtlingsheim anmeldet, organisiert sie die Gegenproteste. Die einen nennen Larisch mutig. Die anderen finden, sie solle das lassen, das sei dumm, sich so einzumischen. Larisch sagt, sie könne nicht anders.

Hass im Netz

Die Sozialarbeiterin leitet in Güstrow die Begegnungsstätte "Villa Kunterbündnis". Bei Larisch treffen sich Selbsthilfegruppen, um sich auszutauschen, Kinder zum Spielen oder Flüchtlinge, die Deutsch lernen. Als "Güstrower Asylanten-Mutti" wird Larisch dafür auf rechtsextremen Internetseiten verunglimpft.

Das ist noch harmlos. In Foren einer rechtextremen Seite heißt es, es sei angebracht, dass die Sozialarbeiterin von einer Gruppe "Testosteron geladener Neger beglückt" wird. Anderswo wird Larisch zum Selbstmord aufgefordert, sie solle sich "einen Kanister Sprit und ein Einwegfeuerzeug" besorgen und "gut isses" (Anm. d. Redaktion: Schreibweise im Original).

Karen Larisch zeigt alles an, "die wollen uns mundtot machen", sagt sie. Mühsam ist das, die Verfahren werden oft eingestellt. Die Täter gehen geschickt vor, können nicht zweifelsfrei festgestellt werden. Sie sagt, sie könne nicht mehr richtig schlafen. Immer wieder schwirre ihr die Frage im Kopf herum, was noch?

Eingangstür zu Hause aufgebrochen

Und der Hass richtet sich längst nicht mehr nur gegen sie, sondern trifft auch ihre Familie. Als sie im April 2015 in einem Lokal mit "Stern"-Reportern sitzt, bauen sich vor dem Fenster Männer auf, darunter erkennt sie NPD-Mann Matischent. Sie fordert ihn auf, zu gehen. Es kommen noch mehr Männer, einige verschwinden. Dann ruft ihre Tochter von zu Hause an, "die Nazis stehen vor unserem Haus", sagt sie. Das Mädchen hört, wie Unbekannte die Eingangstür zu dem Mehrfamilienhaus aufbrechen. Jemand klopft gegen die Wohnungstür. Die Angreifer flüchten unerkannt, hinterlassen Aufkleber mit Nazi-Parolen.

Die 16-jährige Tochter geht seitdem nicht mehr allein zur Schule. Larisch steht unter Polizeischutz.

NPD-Mann Matischent will sich zu alledem nicht äußern. Er habe kein Interesse an einem Gespräch, sagt er SPIEGEL ONLINE am Telefon. Bei der Polizei heißt es, man habe Matischent im Blick. Er und seine Leute seien bekannt. Die Rede ist von einer Gruppe von bis zu 20 jungen Männern um Matischent. Sie sind auch schon als selbsternannte Bürgerwehr durch Güstrow marschiert.

Karen Larisch will sich nicht verjagen lassen. "Wegziehen? Nein, das tue ich auf gar keinen Fall. Dann haben die ja gewonnen."

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