NPD in Sachsen Die Krawall-Kampagneros

In Sachsen kämpft die NPD um ihren Wiedereinzug in den Landtag - und gegen ihren Angstgegner, die AfD. Scheitern die Rechtsextremisten im Land, dürften sie auch auf Bundesebene erledigt sein.

Aus Radeberg/Bischofswerda berichtet

SPIEGEL ONLINE

"Ihr Spinner", ruft Sven Scheidemantel, "Nazis!" Der Linken-Kreisrat ist genervt von NPD-Spitzenkandidat Holger Szymanski und seinen Leuten. Sie haben ihren Stand genau neben seinem aufgebaut, auf dem Marktplatz von Radeberg, der Kreisstadt, die über die sächsischen Grenzen hinaus für ihr Bier bekannt ist. Scheidemantel will "nicht den Mund halten" - eine Anspielung auch auf die CDU- und SPD-Wahlkämpfer, die versuchen, den NPD-Auftritt zu ignorieren.

"Ihr armen Würstchen", "bezahlte Linkspropagandisten", schallt es von rechts zurück. Einer der Rechtsextremisten baut sich besonders nah vor Scheidemantel und seinem Zwillingsbruder Kay auf: Julian Monaco, Vizechef der NPD-Jugendorganisation, Hände in den Taschen, Sonnenbrille, Knopf im Ohr. Er soll für Ordnung im braunen Wahlkampf sorgen. Sein Kamerad Michael Schäfer zückt einen Fotoapparat und macht Nahaufnahmen von den beiden Linken-Politikern: "Bitte lächeln."

Willkommen im sächsischen Landtagswahlkampf. Die NPD führt eine bösartig-dreiste Kampagne: Mal besucht ein Trupp unter Führung von Bundesparteichef Udo Pastörs ein Grünen-Wahlkreisbüro im Erzgebirge, um sich "nur mal zu informieren", wie sie behaupten; mal hängen NPD-Anhänger Plakate von DGB, SPD, Grünen und Linken ab, die die Aufschrift tragen: "Für braune Flaschen - NP... Nee!".

Wichtigstes Machtzentrum

Wenige Tage vor der Abstimmung liegen die Rechtsextremisten bei fünf Prozent. Das bedeutet noch keinen sicheren Einzug, aber diesen Wert hätte Anfang des Jahres kaum einer für möglich gehalten. Damals lagen die Rechtsextremisten bei einem Prozent. Holger Apfel, bis Ende 2013 Bundesparteivorsitzender und sächsischer Fraktionschef, war nach Vorwürfen, junge Männer belästigt zu haben, zurückgetreten. Er verdingt sich jetzt als Kneipier auf Mallorca.

Seit zehn Jahren sitzen die Rechtsextremisten im Landtag in Dresden - die Fraktion ist das wichtigste Machtzentrum der angeschlagenen NPD, gegen die bald ein Verbotsverfahren beginnen soll. Insgesamt arbeiten dort nach eigenen Angaben 40 Anhänger, auch Monaco und Schäfer. 1,4 Millionen Euro bekommt die Fraktion an Steuergeldern inklusive Diäten pro Jahr. Dabei entstünden "Synergieeffekte", freut sich Szymanski.

Er weiß, in Sachsen geht es um die Existenz der ganzen Partei. Und die hängt am Ende an wenigen tausend Stimmen. 2009 war der Wiedereinzug mit 5,6 Prozent schon knapp - und das im Vorzeigeland der NPD. Damals gab es noch keine AfD, die in Umfragen bei sieben Prozent liegt.

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Nein, Angst habe er nicht, sagt Szymanski, er versucht Gelassenheit zu demonstrieren, spricht sogar von sechs Prozent, die möglich seien. Wahlhelfer aus Mecklenburg-Vorpommern und Bayern sprechen Bürger an und verteilen NPD-Zollstöcke. Szymanski steht daneben oder telefoniert. Der 41-Jährige - dunkelbraunes Tweed-Jackett, sorgfältig gescheiteltes Haar - war lange Mann der zweiten Reihe, arbeitete unter anderem als Pressesprecher. Jetzt ist Szymanski nicht nur Spitzenkandidat und Wahlkampfleiter, sondern auch Landes- und Fraktionschef der sächsischen NPD. 60.000 Plakate hat er im Freistaat aufhängen lassen. 1,5 Millionen Flyer und Parteiblättchen sollen angeblich noch bis zum Wahltag dazukommen.

Jagd auf AfD-Leute

Die Bedeutung der Konkurrenz am rechten Rand versucht Szymanski runterzuspielen. Die AfD nehme der NPD nur zum Teil Stimmen weg - rund ein Prozent habe seine Partei bei der Kommunalwahl im Mai dort verloren, wo die erzkonservativen Eurokritiker antraten. "Um das eine Prozent kämpfen wir", sagt Szymanski. Doch es geht um mehr als um das eine Prozent, es geht darum, welche der beiden Parteien im Freistaat an den Stammtischen die Hoheit behält. Laut einer Studie der Universität Leipzig hat die AfD neben den rechtsextremistischen Parteien die stärkste Anziehungskraft bei Wählern mit ausländerfeindlicher Einstellung.

Am Donnerstag versuchten Szymanski, Pastörs und andere NPD-Anhänger der AfD in Grimma einen Schlag zu versetzen - sie setzten das eigene Schmuddel-Image gegen die Erzkonservativen ein. AfD-Chef Bernd Lucke, Spitzenkandidatin Frauke Petry und andere AfD-Mitglieder wollten in der Kleinstadt eine CDU-Veranstaltung mit Kanzlerin Angela Merkel stören - doch stattdessen wurden sie von den Rechtsextremisten verfolgt. Die wollten "nur mal so reden", aber vor allem gemeinsame Bilder mit den Erzkonservativen machen. Die AfD-Leute konnten wegrennen, die Aktion misslang.

Trillerpfeifen auf dem Marktplatz

Also müssen sich die NPD-Funktionäre weiter über die Märkte des Freistaats mühen, auch wenn dort, wie in Bischofswerda, einem rund 12.000-Einwohner-Ort rund 37 Kilometer nordöstlich von Dresden, nicht viel los ist um die Mittagszeit. Nur wenige Bewohner kaufen Gemüse, Wurst und Eier, es ist Ferienzeit in Sachsen.

Szymanski greift zum Mikrofon, er gibt den freundlichen NPD-Mann. Seine Feindbilder sind schnell klar: "Wir wollen, dass Sachsen deutsch bleibt." Dass er einen polnischen Nachnamen hat, stört offenbar niemanden. Szymanski fährt fort: "Wir wollen unsere Heimat Sachsen bewahren, die in vielerlei Hinsicht bedroht ist. Durch Asylbewerber, die hier ein Leben auf unsere Kosten führen." Was Szymanski nicht sagt, ist, dass der Ausländeranteil im Freistaat gerade einmal bei 2,2 Prozent liegt. Die Rechtsextremisten warnen vor osteuropäischen Diebesbanden. Dabei ist die Kriminalität an der Grenze zu Tschechien und Polen im Vergleich zu 2012 um 4,3 Prozent gesunken.

Trillerpfeifen ertönen, hinter Szymanski tauchen einige Jusos mit "Storch Heinar"-Plakaten, "Kreuze machen ohne Haken", auf. Auch die beiden Linken-Politiker aus Radeberg sind wieder da. Sie halten ein Schild hoch: "Nazis raus".

"Wir ducken uns nicht weg", sagt Kreisrat Scheidemantel: "Wir wollen hier keine braune Ecke sein."

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