NPD-Wahlkampf in Thüringen Braune Blender

In Thüringen versucht sich der mehrfach verurteilte NPD-Spitzenkandidat Wieschke vor der Landtagswahl als harmlos darzustellen. Doch die Strategie geht nicht auf.

Aus Eisenach berichtet

NPD-Landeschef Wieschke: Fragen zur Vergangenheit
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NPD-Landeschef Wieschke: Fragen zur Vergangenheit


Kinder springen auf einem Trampolin auf und ab, Würstchen brutzeln auf einem Grill. Aus Lautsprechern schallt Marianne Rosenberg mit "Er gehört zu mir". Wahlkampf der NPD im thüringischen Eisenach.

Patrick Wieschke, Spitzenkandidat und Landeschef der Rechtsextremisten, eröffnet die neue Parteizentrale. "Es wird mehr als eine Geschäftsstelle, es wird das nationale Zentrum", sagt der Funktionär, blaues Hemd, dunkles Jackett. Die NPD wolle in dem Haus künftig Kameradschaftsabende und Parteitage abhalten.

Wenige Tage vor der Landtagswahl ist Wieschke ein Erfolg gelungen. Er hat einen Hamburger Kameraden die Immobilie, zwei Geschosse, 240 Quadratmeter, für rund 120.000 Euro kaufen lassen. Als die Behörden davon erfuhren, war das Geschäft bereits abgeschlossen.

Proteste gegen das neue NPD-Haus in Eisenach
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Proteste gegen das neue NPD-Haus in Eisenach

Einfach hinnehmen wollen die Eisenacher das braune Haus aber nicht. 200 Demonstranten versammelten sich am vergangenen Wochenende vor dem Gebäude, darunter Raymond Walk. Er war lange Jahre Polizeichef in Eisenach, jetzt kandidiert er bei der Landtagswahl für die CDU. Das Image des Saubermanns, das sich der NPD-Funktionär zu geben versucht, nimmt Walk ihm nicht ab. Er war es, der Wieschke 2000 nach einem Sprengstoffanschlag auf einen Döner-Imbiss festnehmen ließ. Der Rechtsextremist musste deswegen ins Gefängnis - nicht seine einzige Verurteilung, ihm wurde auch Körperverletzung nachgewiesen.

"Er ist schon immer kriminell gewesen, seit frühester Jugendzeit, da haben wir alle irgendwie versagt", sagt Walk. "Wenn er aber als Erwachsener Straftaten begeht, dann kann er nicht mehr sagen, dass er mit diesen Dingen nichts zu tun hat." Wieschke musste sich im Juni wegen Volksverhetzung vor Gericht verantworten - er hatte Sinti und Roma verunglimpft.

Schwere Vorwürfe gegen Wieschke

Wieschke steht unter massivem Druck. Es gibt schon lange Gerüchte, dass Bundeschef Udo Pastörs den Mann in Thüringen wegen seiner Vorstrafen nicht für den richtigen Spitzenkandidaten hält. Im Wahlkampf tritt Pastörs kaum in Erscheinung. Als nun bekannt wurde, dass gegen Wieschke 2001 wegen des Verdachts des Kindesmissbrauchs ermittelt wurde, war die Überraschung in der Parteispitze groß.

Der Rechtsextremist weist die Beschuldigungen zwar zurück, aber in der Szene wird über sein Vorleben diskutiert.

So erinnert Christian Worch, Vorsitzender der Partei Die Rechte, auf einem Szeneportal an eine vor 15 Jahren geplante Demonstration in Thüringen. Diese sei kurzfristig verboten worden, da Wieschke laut Polizei als Anmelder und Versammlungsleiter mit 2,7 Promille seine Mutter verprügelt habe, so Worch. "Wenn ein Mann (...) so was tut, dann traue ich ihm auch noch jede Menge anderer charakterliche Entgleisungen zu", schreibt der Neonazi. "Blödsinn" nennt Wieschke diese Vorwürfe.

NPD-Landesgeschäftsstelle in Eisenach
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NPD-Landesgeschäftsstelle in Eisenach

Ungelegen kommen dem Funktionär auch Neonazis, die sich mit T-Shirts "Freiheit für Wolle" zeigen - eine Solidaritätsaktion für Ralf Wohlleben, der sich im NSU-Prozess verantworten muss. Anfang des Monats wurde die Linken-Politikerin Katharina König in Saalfeld von mehreren Rechtsextremisten bedrängt. Einige trugen "Wolle"-Shirts, einer war vermummt und hatte eine Eisenkette dabei. Ein Ex-NPD-Direktkandidat drohte laut König: "Das ist der falsche Kiez, verpisst euch!"

Das seien keine NPD-Leute gewesen, behauptet Wieschke. "Wir unterstützen Herrn Wohlleben nicht, ich habe keinen Kontakt zu ihm." Der 33-Jährige kennt Wohlleben aus der Zeit, als dieser noch als NPD-Funktionär als Verbindungsmann zwischen Partei und Freien Kameradschaften fungierte. Darunter war auch der "Thüringer Heimatschutz", dem die mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe angehörten und in dem Wieschke ebenfalls als Mitglied aktiv war.

Angst- und Neidwahlkampf

Schon lange versucht die NPD einen Spagat: Wieschke und sein 20-köpfiges Team geben die seriösen Politiker. Zugleich versuchen sie Mitglieder der Kameradschaftsszene einzubinden - so wie Thorsten Heise, der auf Platz zwei der Landesliste kandidiert. Er wurde wegen Körperverletzung und Volksverhetzung verurteilt, auch sein Name taucht im Umfeld des NSU auf.

"Die Schnittmenge zwischen den Freien Kameradschaften und der NPD ist groß", sagt Stefan Heerdegen, Berater bei der Mobilen Beratung in Thüringen. Allerdings gilt Wieschke vielen Neonazis als Karrierist - nicht jedem gefällt der weichgespülte Angst- und Neidwahlkampf, mit dem er Wähler locken will. Bei vier Prozent liegt die NPD in Umfragen, mit einem Einzug in den Landtag rechnet kaum einer in der Bundesspitze nach der Schlappe in Sachsen.

Im Spätherbst soll ein neuer Bundesvorstand gewählt werden. Pastörs will, so ist zu hören, nicht für den Vorsitz kandidieren. Bisher hat der moderat auftretende Sprecher Frank Franz sein Interesse bekundet. Ob Wieschke wieder dem Präsidium angehören wird, ist unklar. Nach dem Wahltag muss er seinen Kameraden sicher erst einmal einige Fragen zu seiner Vergangenheit beantworten.



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