Von Fabian Reinbold
Wolgast - Ohne diese Szene wäre in Wolgast vielleicht alles ganz anders gekommen. Drei kleine Jungen hüpfen auf dem Rasen. Sie haben schwarze Haare, sind erst seit wenigen Wochen in Deutschland. Sie tanzen zu einem Lied, das laut aus einer Wohnung dröhnt. In einer Sprache, die sie noch nicht verstehen, schallt es: "Sie kommen, unser Land zu holen, das schöne deutsche Land, das einst der Führer Adolf Hitler hier geschaffen hat." Die Jungen haben Spaß, einer schlägt ein Rad.
Es sind Bilder, die man so schnell nicht vergisst. Flüchtlingskinder, die unbekümmert zu rechtsextremer Musik tanzen. Blind für die Gefahr von nebenan. Später dröhnt noch ein Lied mit der Zeile "Zick, zack, Kanakenpack, hau Türken auf den Sack" aus der Wohnung neben ihrem neuen Zuhause.
Diese Geschichte über das Städtchen Wolgast an der Ostseeküste beginnt mit einem Beitrag im NDR. In ihrem zehnminütigen Bericht fangen die Autorinnen gruselige Szenen ein. Sie lassen Menschen in Jogginganzügen sagen, sie wollten hier keine Ausländer. Manche scheinen alkoholisiert. Ein Jugendlicher sagt dann irgendwann: "Die wollen den Block anzünden."
Der Block - das ist ein Haus in einer Plattenbausiedlung in Wolgast-Nord, das erste Flüchtlingsheim der Stadt. Ende August kamen zunächst zwei Dutzend, aus dem Irak, aus Afghanistan und der Türkei. Mittlerweile sind es 180 Asylbewerber, auch aus Russland und Ghana. Wolgast - ein gefährliches Pflaster für sie, das ist der Tenor des Beitrags aus dem September. Seitdem kämpft das Städtchen gegen den braunen Stempel.
In Deutschland gibt es eine neue Asyldiskussion. Die Zahl derer, die einen Antrag stellen, ist zuletzt stark gestiegen. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) präsentiert sich als Hardliner gegen den Zustrom. Die Flüchtlinge werden nach einem Zahlenschlüssel über die Bundesländer verteilt. Quer durch die Republik müssen neue Unterkünfte geschaffen werden, nun eben auch im äußersten Nordosten, in Wolgast.
Fackelzug der Neonazis - ausgerechnet am 9. November
Für das Städtchen in Mecklenburg-Vorpommern eine neue Erfahrung. Spätaussiedler kamen mal hierher, aber mit Flüchtlingen kennt man sich nicht aus. Mit dem Asylbewerberheim wollte man alles richtig machen. Die Flüchtlinge sollten mitten in einem Wohngebiet leben, nicht wie so oft in Deutschland an den Rand gedrängt werden.
Doch seit dem NDR-Film sieht man sich zu Unrecht am Pranger. Und jetzt mischt auch noch die NPD mit. Am Freitag, ausgerechnet am 9. November, dem Tag, an dem im Jahr 1938 die Nazis jüdische Geschäfte und Synagogen in Brand setzten, wollen 100 Rechtsradikale mit Fackeln vor das Asylbewerberheim ziehen.
Noch beschäftigten sich die Gerichte mit der Demo. Das Verwaltungsgericht hat die Fackeln verboten und auf einen Sicherheitsabstand zum Heim gedrängt, der Fall liegt nun beim Oberverwaltungsgericht, vielleicht wandert er noch auf die Bundesebene. Doch der Schaden ist schon da.
Der Bürgermeister Stefan Weigler sagt: "Der NDR-Beitrag war unterste Schublade. Das ist nicht Wolgast, was die dort zeigen." Er hat einen Protestbrief an den NDR geschickt, warf den Reporterinnen vor, "Verlierer in Szene gesetzt zu haben", "Hetze statt Aufklärung zu betreiben". Auch der Bischof von Greifswald beschwerte sich.
Da rollte die Lawine bereits. Die "FAZ" schickte einen Reporter, die "Süddeutsche" schrieb von einem "Labyrinth der Angst", selbst der Ministerpräsident schaute vorbei. Es wurden Parallelen gezogen zu dem Pogrom von Rostock-Lichtenhagen, wo vor 20 Jahren ein Heim in Brand gesteckt wurde. In Wolgast flog ein Böller auf einen Balkon. Der Staatsschutz ermittelte, ohne Ergebnis.
Wolgast stemmt sich gegen das braune Image
Weigler, 33 Jahre alt und parteilos, sagt: "Wir sind als 'Ort der Vielfalt' ausgezeichnet. Hier ist noch niemandem etwas passiert." Jetzt wolle man zeigen, dass man in die falsche Schublade gesteckt worden sei. Der Mann etwa, der die rechtsextreme Musik gespielt habe, sei längst festgenommen worden. Dieser stamme übrigens aus dem Saarland, betont er. Ein pensionierter Deutschlehrer gibt nun Sprachkurse, eine Frührentnerin malt mit den Flüchtlingskindern, der Pastor widmete den Erntedankgottesdienst den Asylbewerbern. Für den Freitag haben sich elf Gegendemonstrationen angekündigt. Auch das Aktionsbündnis "Vorpommern. Weltoffen, demokratisch, bunt" ist dabei, das sich kürzlich im nahen Pasewalk gründete, als dort ein großes Nazi-Fest stattfinden sollte.
Beide Orte treibt die Angst um ihren Ruf. Wolgast hat ohnehin schon genug Sorgen. Die große Peene-Werft, die die Wirtschaft prägt, ist insolvent.
Und jetzt der Ärger um das Heim. "Seit Wochen komme ich zu nichts anderem mehr", klagt der Bürgermeister. Mehrfach sagt er, man habe mit diesen Dingen einfach keine Erfahrung gehabt. "Vielleicht hätte man drei Einwohnerversammlungen mehr machen sollen."
Die NPD sagt, die Deutschen seien rausgedrängt worden
Die NPD verbreitet die Geschichte, dass Deutsche ihre Wohnungen für die Flüchtlinge hätten räumen müssen. Im sechsstöckigen Plattenbau waren noch 40 Wohnungen von Wolgastern bewohnt. Die hat man über die künftigen Nachbarn informiert, alle sind dann umgezogen, der Landkreis hat den Umzug bezahlt, andere Wohnungen zur Verfügung gestellt. "Jeder ist freiwillig umgezogen, wenn auch nicht gern", betont der Bürgermeister.
Weigler wollte so gern Vorreiter mit dem Heim sein. Er sagt: "Die Einrichtung setzt Maßstäbe, das sind richtige Wohnungen, mit eigener Küche, eigenem Bad." Vertreter anderer Landkreise, die nun auch Flüchtlinge aufnehmen müssen, kämen vorbei, um sich alles anzuschauen. Doch im NDR-Beitrag sieht man Weigler, wie er die Einrichtung schlechtmacht. "Das ist mehr als spartanisch", sagt er da. Er wolle den Bürgern keine Angriffsfläche bieten, es gebe eine Neiddebatte. Es ergibt ein schiefes Bild.
Über den Bericht aus dem September ärgert er sich immer noch. Die Berge von Sperrmüll, die dort gezeigt wurden? "Gibt es doch in jeder Stadt." Der Böller auf dem Balkon? "Ich verurteile das, aber ich kann es nicht ändern."
Und die Frau in Joggingklamotten und rotgefärbten Haaren, die auf einer Haustreppe über "Kanaken" ätzt, die sie hier nicht wolle? Bürgermeister Weigler kennt sie. Er nennt sie eine "absolute Verliererin" und berichtet, sie würde da immer noch jeden Tag auf der Treppe sitzen, ihr Bier trinken. Nur eben jetzt mit zwei Ghanaern, ihren neuen Nachbarn.
Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels wurde Bürgermeister Stefan Weigler versehentlich als Stefan Weigert bezeichnet. Wir haben die entsprechenden Textstellen geändert und bitten, den Fehler zu entschuldigen.
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