Ende des Ehrenamt-Prinzips: NRW-Spitzenkandidat fordert Gehalt für Oberpiraten

Die Piraten in NRW sind im Wahlkampf auf jedes Mitglied angewiesen. Doch Spitzenkandidat Joachim Paul provoziert jetzt mit einem Vorstoß Unmut an der Basis: Der 53-Jährige fordert nach SPIEGEL-Informationen das Aus für die Ehrenamtkultur im Bundesvorstand. Er will feste Gehälter für Oberpiraten.

Biophysiker Joachim Paul: "Sorgenfrei um die Belange der Bürger kümmern" Zur Großansicht
dapd

Biophysiker Joachim Paul: "Sorgenfrei um die Belange der Bürger kümmern"

Berlin - Es ist ein feststehendes Piraten-Ideal, so wie das Streben nach maximaler Transparenz: Ämter in der Piratenpartei sollen von Ehrenamtlichen bekleidet werden. Doch ausgerechnet der Spitzenkandidat für die wichtige Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, Joachim Paul, will mit diesem Prinzip brechen.

Der Biophysiker, der die Piraten am 13. Mai in den Landtag bringen soll, sagte dem SPIEGEL, die Mitglieder des Bundesvorstands der Partei sollten für ihre Arbeit mit einem regelmäßigen Einkommen entlohnt werden. "Professionalisierung heißt auch: Ich muss mich sorgenfrei um die Belange der Bürger kümmern können", begründete der 53-Jährige seinen Vorstoß.

Angesichts der wachsenden Popularität der Piraten und mehrerer Wahlerfolge hält Paul das bisherige Prozedere offenbar für überholt. Ein Führungsamt in der Piratenpartei nur ehrenamtlich auszuüben, gehe gar nicht, so Paul weiter. "Wenn Piraten als Abgeordnete im Parlament sitzen und Diäten bekommen, kann es nicht sein, dass der Parteivorstand unbezahlt bleibt. Dann gibt es keine Balance mehr".

Abschied von der Ehrenamt-Kultur?

Paul, der Ende März auf dem Parteitag in Münster auf den obersten Listenplatz gewählt wurde, schneidet mit dem Vorschlag ein heikles Thema an. Denn laut Piratensatzung soll der Parteivorstand lediglich eine rein verwaltende Funktion innehaben. Die meisten Mitglieder lehnen bezahlte Posten zudem ab. Gehälter, so die vorherrschende Meinung, würden sich nicht mit dem Anspruch von flachen Hierarchien und Gleichberechtigung vertragen.

Vergangene Woche erst hatte sich der Bundesvorstand Kritik eingefangen, als es um die Neubesetzung eines Sprecherpostens ging. Der scheidende Bundespressesprecher sollte für die sechsmonatige Einarbeitungszeit seiner Nachfolgerin 5000 Euro als Pauschale bekommen - viele Piraten waren darüber nicht erfreut und schimpften über Kanäle wie Twitter offen über die eigene Führungsriege.

Der Abschied von der Ehrenamt-Kultur ist nicht der einzige Vorstoß des Spitzenkandidaten: Paul rief seine Partei im SPIEGEL dazu auf, das eigene Parteiprogramm inhaltlich stark zu erweitern. "Die Piraten müssen sich zu allen Themen positionieren, auch in der Wirtschafts- und Außenpolitik, und zwar bald", sagte er und fügte hinzu: "Wir wollen schließlich zur Bundestagswahl antreten, und die kann ja schneller kommen als 2013."

Auch mit einer anderen Piraten-Utopie ging er hart ins Gericht. Man könne das streng basisdemokratische Prinzip der Piraten nicht eins zu eins ins Parlament übertragen. "Wir werden nicht in allem immer sofort die Basis befragen können", erläuterte Paul. "Eine Fraktion braucht auch eine gewisse Autonomie."

Bis zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen sind es noch fünf Wochen. In Meinungsumfragen kommen SPD und Grüne derzeit zusammen auf eine stabile Mehrheit von mehr als 50 Prozent. Die Piraten, die in NRW 4000 Mitglieder haben, liegen in den Umfragen über der Fünfprozenthürde. Wie die FDP müssen auch die Linken um die Rückkehr in den Landtag bangen.

amz

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1.
Despair 07.04.2012
Zitat von sysopdapdDie Piraten in NRW sind im Wahlkampf auf jedes Mitglied angewiesen. Doch Spitzenkandidat Joachim Paul provoziert jetzt mit einem Vorstoß Unmut an der Basis: Der 53-Jährige fordert nach SPIEGEL-Informationen das Aus für die Ehrenamtkultur im Bundesvorstand. Er will feste Gehälter für Oberpiraten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,826014,00.html
Tja, vernünftige und realistische Ansätze. Bin mal gespannt,wie schnell ihn die Piraten mit ihren Shitstorms, Beleidigungen und Mobbing auseinandernehmen. Kann ja nich sein, dass auch noch einer der ihren, ihre Vorstellungen von Strukturen kritisiert ... wo kommen wir denn da hin, wenn einer auch noch Politik an der Realität ausrichten will.
2. Bezahlung
laluna3 07.04.2012
Zitat von sysopdapdDie Piraten in NRW sind im Wahlkampf auf jedes Mitglied angewiesen. Doch Spitzenkandidat Joachim Paul provoziert jetzt mit einem Vorstoß Unmut an der Basis: Der 53-Jährige fordert nach SPIEGEL-Informationen das Aus für die Ehrenamtkultur im Bundesvorstand. Er will feste Gehälter für Oberpiraten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,826014,00.html
Wer arbeitet, soll auch bezahlt werden.
3. alles andere wäre abwegig
berpoc 07.04.2012
Zitat von sysopdapdDie Piraten in NRW sind im Wahlkampf auf jedes Mitglied angewiesen. Doch Spitzenkandidat Joachim Paul provoziert jetzt mit einem Vorstoß Unmut an der Basis: Der 53-Jährige fordert nach SPIEGEL-Informationen das Aus für die Ehrenamtkultur im Bundesvorstand. Er will feste Gehälter für Oberpiraten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,826014,00.html
Ja Logo, was denn sonst? Nur von Luft und Liebe kann man bekanntlich nicht lange leben.
4. Theorie und Praxis
lemmy01 07.04.2012
Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis ist grundsätzlich in der Praxis größer als in der Theorie. Das merken die Piraten jetzt auch langsam.
5.
hierundjetzt59 07.04.2012
Zitat von sysopdapdDie Piraten in NRW sind im Wahlkampf auf jedes Mitglied angewiesen. Doch Spitzenkandidat Joachim Paul provoziert jetzt mit einem Vorstoß Unmut an der Basis: Der 53-Jährige fordert nach SPIEGEL-Informationen das Aus für die Ehrenamtkultur im Bundesvorstand. Er will feste Gehälter für Oberpiraten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,826014,00.html
Wer arbeitet soll auch gerecht entlohnt werden. gruss
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