CDU-Wahlkampf mit Wolfgang Bosbach "80 Prozent halten Politiker für blöd, 90 Prozent wollen ein Foto"

Im Endspurt zur NRW-Wahl setzt die CDU auf einen Joker: Wolfgang Bosbach. Den kennt man immerhin. Der Polit-Promi befindet sich eigentlich auf politischer Abschiedstournee, nun soll er Prozente bringen.

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Aus Paderborn berichtet


"Sie waren doch bei den Geissens?", fragt eine ältere Frau Wolfgang Bosbach in der Paderborner Innenstadt. "Sie müssen mir unbedingt aufschreiben, dass Sie bei den Geissens waren", sagt sie aufgeregt. Ihre Freunde würden ihr das nicht glauben. Tatsächlich tauchte der CDU-Politiker in einer Folge der Trash-Sendung mit dem Millionärs-Ehepaar aus Köln auf. Bosbach lächelt. Er nimmt Zettel und Stift und schreibt: "Ich war bei den Geissens". Die Frau geht zufrieden davon.

Fernsehgesicht oder Politiker? Bei Bosbach ist häufig kaum noch zu unterscheiden, was die Menschen eigentlich mit ihm verbinden. Eines hat der CDU-Innenexperte aber gerade den Landespolitikern voraus: Er wird erkannt. Und davon will die CDU im Landtagswahlkampf in Nordrhein-Westfalen profitieren.

Bosbach wirkt müde. Seine Zeit im Bundestag geht zu Ende, der Rheinländer hat seinen Abschied aus der Politik angekündigt. "Die Kraft lässt nach", sagte er im vergangenen Jahr, die Krebserkrankung des 64-Jährigen ist schon länger bekannt.

Trotzdem ist er dauernd unterwegs. Termine im Wahlkreis in Bergisch Gladbach, Sitzungen im Parlament, Fernsehauftritte. Am Tag zuvor war er bei einer Aufzeichnung für die Promi-Version von "Wer wird Millionär".

In den vergangenen Wochen ist sein Terminplan noch voller geworden. Denn Bosbach ist in den Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen eingestiegen. Eingefädelt hat den Coup der CDU-Spitzenkandidat Armin Laschet. Er setzt darauf, dass ihm der prominente Unterstützer zum Wahlsieg verhilft.

Bosbach soll dem Herausforderer von Amtsinhaberin Hannelore Kraft ein härteres Profil verpassen. Die Silvester-Übergriffe von Köln, hohe Einbruchsraten, Salafisten oder der Fall Anis Amri: Sicherheit ist zu einem der wichtigsten Wahlkampfthemen geworden. Und Laschet gilt zwar als treuer Unterstützer Angela Merkels, ist in der Partei aber vielen nicht kernig genug.

Comeback als Innenminister?

Im Gegensatz zu Bosbach. In der Unionsfraktion gilt er als Rebell gegen den Kurs der Kanzlerin und CDU-Vorsitzenden. Ob die Milliardenhilfen für Griechenland in der Eurokrise oder die Flüchtlingspolitik, Bosbach war jahrelang auf Distanz zu Merkels Positionen gegangen.

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Wolfgang Bosbach: Der aus dem Fernsehen

Lange fehlte dem Laschet-Team der richtige Mann, das richtige Gesicht, um sicherheitspolitisch zu punkten. Bis vor einigen Wochen. Da ließ die CDU verlauten, Bosbach solle im Fall eines CDU-Wahlsieges eine Kommission leiten, die sich mit innerer Sicherheit beschäftigt.

Danach wurde viel spekuliert - wird Bosbach doch noch Innenminister? Der Posten, den Kanzlerin Merkel ihm 2005 auf Bundesebene verwehrt hatte?

Beim Straßenwahlkampf in Paderborn sagt Bosbach: "Nein, ich übernehme kein politisches Amt mehr." Auch wenn ihm die Gerüchte schmeicheln. "Es ist doch schön, wenn mir die Leute das zutrauen."

"Der Bursche nervt, aber er hat Ahnung"

Laschet und Bosbach kennen sich schon lange, zogen 1994 gemeinsam in den Bundestag ein. Schließlich hat er eingewilligt. "Der Bursche nervt zwar, aber er hat Ahnung von innerer Sicherheit" - so oder so ähnlich könnte die Überlegung von Laschet gewesen sein, glaubt Bosbach. Für ihn war entscheidend, dass die Aufgabe nichts mit dem tagesaktuellen politischen Geschäft zu tun hat.

Im Wahlkampf setzt die CDU auf mehr Personal, den Kampf gegen Cyber-Kriminalität und Prävention von Gewalt. Attacken auf SPD-Innenminister Ralf Jäger gehören zum Standardprogramm. "Ich kenne keinen erfolgloseren Innenminister", sagt Bosbach.

Am liebsten verbreitet er eine griffige Statistik: Die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Straftat zu werden, sei in NRW 70 Prozent höher als in Bayern. Doch auch die SPD zieht beim Thema Sicherheit nach, Ministerpräsidentin Kraft verspricht etwa mehr Polizisten.

Wahlkampf in Paderborn
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Wahlkampf in Paderborn

Neben der Fachpolitik soll Bosbachs Promi-Faktor im Wahlkampf helfen. Laschet kann durch ihn etwas Volksnähe absaugen. "Warum auch nicht? Wenn ich der CDU helfen kann, dann mache ich das", sagt Bosbach dazu. "80 Prozent der Bürger halten Politiker für blöd, 90 Prozent wollen ein Foto mit ihnen."

Und Fotos wollen viele mit Bosbach. Am CDU-Stand in der Innenstadt warten vornehmlich ältere Herrschaften mit ihren Smartphones auf eine Selfie-Chance. Der örtliche Landtagsabgeordnete muss die Fans nacheinander zu Bosbach führen, weil dieser umringt von Menschen ist.

Kann das Team Laschet/Bosbach am Sonntag punkten? Nach den SPD-Schlappen bei den Landtagswahlen im Saarland und in Schleswig-Holstein stehen die Chancen für einen Erfolg zumindest besser als noch vor wenigen Wochen. Umfragen sehen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen SPD und CDU. Bosbach ist sich sicher: "Den Schulz-Effekt gab es nie." Die Sozialdemokraten hätten überdreht.

Dann schiebt er einen typischen Bosbach-Satz hinterher: "Nach fest kommt ab, sagt der Handwerker."



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