NRW-Wahl Swing oder Blues?

Wahlforscher beobachten ein merkwürdiges Phänomen: Seit drei Tagen schrumpft der Abstand zwischen der SPD und dem sicher geglaubten Sieger CDU rapide. Nach Meinung von Experten kommt es zum Fotofinish.


Peer Steinbrück: Swing vor der Wahl am Sonntag?
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Peer Steinbrück: Swing vor der Wahl am Sonntag?

Berlin - Die Pläne für den Abend dieses Wahlsonntags sind gemacht: Im Lager der CDU liegt der Schaumwein auf Eis, um den Sieg von Jürgen Rüttgers zu begießen während die Sozialdemokraten um Peer Steinbrück entschlossen sind, sich mit größeren Mengen Bier zu betäuben. Sieger und Verlierer der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen scheinen seit Monaten festzustehen, so stabil waren die Zahlen aus den Umfragen.

Doch seit einigen Tagen registrieren die Meinungsforscher ein merkwürdiges Auf und Ab der Prozente: Ganz plötzlich, seit dem zweiten der beiden TV-Duelle am vergangenen Dienstag, sinken die Werte der CDU während sich die SPD-Zahlen verbessern, und zwar "deutlich", wie ein für seine sonst eher zurückhaltenden Bewertungen bekannter Wahlforscher im kleinen Kreis erklärte.

Kommt es für die seit 39 Jahren regierende SPD zum lang ersehnten Swing, dem rapiden Umschwung in der Wählergunst in letzter Sekunde? Ob es für Ministerpräsident Steinbrück doch noch eine Überraschung gibt, könne man anhand der Daten zwar nicht sagen, so der Experte, aber knapp werde es. Das Phänomen der sich rapide annähernden Zahlen haben dem Vernehmen nach mehrere Institute unabhängig voneinander festgestellt, besonders in den Tagen nach der letzten veröffentlichten Umfrage.

Seriöse Umfragelieferanten wie die Forschungsgruppe Wahlen oder Infratest/Dimap befragen die Bürger, wenn auch in kleineren Stichproben, bis zum letzten Tag vor der Wahl. Diese Zahlen werden aber traditionell nicht mehr veröffentlicht, um nicht den Verdacht der Wahlmanipulation aufkommen zu lassen. Sie dienen vor allem dazu, die Lücke zwischen der letzten großen Umfrage und den Befragungen am Sonntag vor dem Wahllokal, den sogenannten "exit polls", zu schließen. Aus diesen Daten werden die Trends und Hochrechnungen am Wahlabend komponiert.

Die Institute sind wie nie um Zuverlässigkeit bemüht, denn in den letzten Jahren klafften Umfragen und tatsächliches Ergebnis oftmals weit auseinander. Weder den dramatischen Verlust der CDU in Sachsen noch die Große Koalition in Brandenburg, weder den überwältigenden Sieg von Ole von Beust in Hamburg noch die Niederlage von Heide Simonis waren von den Demoskopen vorhergesagt worden. Immer war es in den Tagen vor der Wahl zu gewaltigen Stimmenverschiebungen gekommen.

"Mich überrascht diese Entwicklung nicht", sagt der Politik-Professor Karl-Rudolf Korte von der Universität Duisburg-Essen. "Die CDU hat ihr Potential weitgehend mobilisiert, zugleich gibt es noch 30 Prozent unentschiedene Wähler. Die scheinen nun mehrheitlich der SPD zuzuneigen." Eine Erklärung könnte sein, dass eigentlich verstimmte SPD-Wähler am Ende doch zur Wahl gehen, weil sie bei allem Groll über die eigene Partei einen konservativen Ministerpräsidenten doch nicht wollen, Nach Kortes Informationen haben sich die Lager, Rotgrün gegen Schwarzgelb, in NRW von 12 Prozent Abstand vor drei Wochen auf drei Prozent angenähert, was in etwa dem Messfehler der Demoskopen entspricht. "Entschieden ist noch gar nichts", so Professor Korte, "es ist wie ein Marathon mit Fotofinish."



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