NS-Täter im Geheimdienst BND will eigene Nazi-Verstrickung aufarbeiten

Bereits vor Jahren kündigte der Bundesnachrichtendienst an, seine Vergangenheit erforschen zu lassen. Doch erst jetzt wird mit der Arbeit begonnen - eine externe Historikerkommission soll unter anderem nach früheren NS-Tätern in den Reihen des Geheimdienstes fahnden.

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BND-Präsident Uhrlau auf Neubaustelle in Berlin: Politik der Öffnung angestrebt
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BND-Präsident Uhrlau auf Neubaustelle in Berlin: Politik der Öffnung angestrebt


Berlin - Das Versprechen klang vollmundig. "Wir wollen die Geschichte des BND nicht für uns behalten, sondern jemanden hineinschauen lassen", erklärte der Präsident des Bundesnachrichtendienstes, Ernst Uhrlau.

Das war vor vier Jahren.

Doch dann tat sich lange nichts. Der Historiker Gregor Schöllgen, der dafür schon federführend ausgesucht worden war, gab vor zwei Jahren auf, nachdem Gespräche zwischen BND und Kanzleramt nicht vorankamen. Es ging um Geld, um den Zugang zu Akten.

Nun aber soll ein zweiter Anlauf gestartet werden. "Bis Ende dieses Jahres wird sich eine unabhängige Historikerkommission konstituieren", erklärt ein BND-Sprecher auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Ziel sei es unter anderem, die "personelle Kontinuität und Diskontinuität nach 1945 unter Berücksichtigung von NS-Bezügen" zu erforschen. Zudem soll auch die außen- und innenpolitische Wirkung der BND-Arbeit und seines Vorläufers, der Organisation Gehlen, bis 1968/69 untersucht werden.

Es dürfte für die Forscher ein heikles Unterfangen werden. Schließlich geht es um einen Geheimdienst - und da sind Akten sakral. Wie schwierig der Umgang mit sensiblen Materialien aus dem Regierungsapparat ist, zeigt sich an der Forschung im Auswärtigen Amt. Die Historikerkommission, die an diesem Donnerstag ihre Studie über die Mitwirkung des Auswärtigen Amtes an der Vernichtungspolitik der europäischen Juden und die personelle Kontinuität nach 1945 vorlegt, konnte zwar alles einsehen. "Wir wissen aber bis heute nicht, ob wir alles gesehen haben, was wir hätten sehen können. Die Standards im Archiv des Auswärtigen Amtes entsprechen nicht denen des Bundesarchivs", sagt im SPIEGEL Eckart Conze, Leiter der Historikerkommission.

Interne Arbeitsgruppe beim BND arbeitet bereits

Die Erforschung der NS-Zeit und früherer NS-Mitarbeiter ist in einigen Bundesministerien geschehen oder vorgesehen. Beim BND, der dem Chef des Kanzleramtes untersteht, dürfte die Frage spannend werden, was am Ende beleuchtet werden kann. In einem ersten Schritt wurde Anfang September eine interne Arbeitsgruppe unter Leitung eines hauseigenen Historikers eingerichtet, in einem zweiten Schritt soll dann die Historikerkommission folgen. Die interne Arbeitsgruppe ist dem Leitungsstab des BND-Präsidenten Uhrlau zugeordnet, sie sichtet bereits Unterlagen. Schließlich müsse entschieden werden, was deklassifiziert - also zu Forschungszwecken freigegeben - werden könne, so ein BND-Sprecher.

Das nährt den Verdacht, die Arbeitsgruppe solle Materialien filtern. Vehement wird diesem Eindruck beim BND widersprochen. Sie diene als "Schnittstelle" zur externen Kommission, "sie soll nicht eine Vorauswahl des Materials treffen", betont der Sprecher. Der BND sei für externe Forscher schließlich eine "Black-Box", da brauche es internen Sachverstand - wenn es etwa um die Erforschung der Personalbestände und Organisationsstruktur gehe. Auch sollten Zugänge zu noch lebenden Zeitzeugen geschaffen werden. Zu einem späteren Zeitpunkt sollen zudem noch externe Forschungsvorhaben in Auftrag gegeben werden.

Über die Zusammensetzung der externen Historikerkommission hüllt sich der Auslandsgeheimdienst noch in Schweigen. Auch die genaue Summe für das auf vier Jahre angelegte Vorhaben wird bislang nicht genannt - es seien aber "erhebliche Ressourcen", heißt es.

Es dürfte für die Forscher eine interessante Aufgabe werden. Denn die Geschichte des BND ist, zumindest aus eigenen Aktenbeständen, weitgehend unerforscht. Der bundesdeutsche Auslandsdienst, der aus der Organisation Gehlen ihres späteren ersten Präsidenten Reinhard Gehlen hervorgegangen war, stand zunächst unter Obhut der US-Behörden. Erst 1956 wurde der BND von der Bundesregierung übernommen. Er stützte sich von Anbeginn auf zahlreiche Mitarbeiter aus der NS-Zeit, etwa des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) der SS. 1960 stammten rund 200 von insgesamt 2450 Mitarbeitern des BND aus dem Apparat des SS-Reichsführers Heinrich Himmler.

Der brisante Crome-Bericht lagerte 45 Jahre im Panzerschrank

Pikante Details blieben jahrzehntelang der Öffentlichkeit verborgen. Das markanteste Beispiel: Gehlen, der in der Wehrmacht die Abteilung "Fremde Heere Ost" geleitet hatte, ließ intern 1963 eine Untersuchung einleiten, um die Zahl von NS-Tätern im eigenen Apparat zu ermitteln. Anlass war der Prozess gegen den früheren BND-Topmann Heinz Felfe, der für den sowjetischen Geheimdienst KGB spioniert hatte. Im Verlaufe des Verfahrens kam heraus, dass Felfe während des Krieges beim Auslandsnachrichtendienst des Reichssicherheitshauptamtes der SS gearbeitet hatte. Mit der internen Untersuchung wurde Hans-Henning Crome beauftragt, ein junger, unbelasteter BND-Mann. Als dieser zwei Jahre später seinen Bericht an Gehlen übergab, kamen erschreckende Details zutage: Minutiös wurde darin die aktive Mittäterschaft zahlreicher BND-Mitarbeiter während des Dritten Reiches dokumentiert, viele waren aktiv an Massentötungen beteiligt. Von 146 Überprüften mussten 71 den Dienst verlassen. Der Bericht aber wurde nur an die engere BND-Führung versandt und verschwand anschließend im Panzerschrank - für 45 Jahre.

Erst unter dem heutigen BND-Präsidenten Uhrlau, Mitglied der SPD, wurde der sogenannte Crome-Bericht öffentlich gemacht. Heute ist er im Bundesarchiv einzusehen, für jedermann. Eine Politik der kontrollierten Öffnung, die offenbar weitergehen soll. "Neben der Arbeit der externen Historikerkommission", so ein BND-Sprecher, "haben wir vor, in den nächsten Jahren eine Vielzahl von Akten zu deklassifizieren und dem Bundesarchiv zu übergeben."

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
Lebkuchenkiller 28.10.2010
1. wayne
Zitat von sysopBereits vor Jahren kündigte der Bundesnachrichtendienst an, seine Vergangenheit erforschen zu lassen. Doch erst jetzt wird mit der Arbeit begonnen - eine*externe Historikerkommission soll unter anderem nach früheren NS-Tätern in den Reihen des Geheimdienstes fahnden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,725689,00.html
Da braucht man wohl nicht besonders intensiv zu fahnden, es reicht, mal nach "Organisation Gehlen" zu googeln bzw den Wiki-Eintrag zu lesen http://de.wikipedia.org/wiki/Organisation_Gehlen , um festzustellen, dass der BND ursprünglich aus Kadern des SD, der SS, der Gestapo, der Wehrmacht usw bestand. Wer auch immer sich dafür interessieren mag, wird genug Infos finden. Mich persönlich interessiert das nicht die Bohne
lynx2 28.10.2010
2. Da wird's aber Zeit..
Zitat von sysopBereits vor Jahren kündigte der Bundesnachrichtendienst an, seine Vergangenheit erforschen zu lassen. Doch erst jetzt wird mit der Arbeit begonnen - eine*externe Historikerkommission soll unter anderem nach früheren NS-Tätern in den Reihen des Geheimdienstes fahnden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,725689,00.html
......... Hoffentlich bleibt diese Analyse nicht auf die Zeit bis 1945 beschränkt, sondern zeigt auf, wie diese Verbrecher zu den Stützen der Restauration in der Adenauerzeit wurden. Sollte diese Zeit ausgepart bleiben, um das Weltbild Konservativen (für die Adenauer der ewige Säulenheilige ist) nicht zu erschüttern, hat die Analyse wenig wert.
Lecturer 28.10.2010
3. belastete Mitarbeiter ...
Zitat von sysopBereits vor Jahren kündigte der Bundesnachrichtendienst an, seine Vergangenheit erforschen zu lassen. Doch erst jetzt wird mit der Arbeit begonnen - eine*externe Historikerkommission soll unter anderem nach früheren NS-Tätern in den Reihen des Geheimdienstes fahnden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,725689,00.html
Die Leute behaupten immer die Englaender waeren von Nazi-Deutschland fasziniert, aber im Vergleich mit der fast neurotischen Besessenheit die in Deutschland anscheined die Regel geworden ist, ist das hier eher so eine Art Hobby... Und: wenn man schon die OG anfuehrt, dann sollte man aber auch Wilhelm Canaris erwaehnen, der im Nachrichtendienst gearbeitet, den Widerstand gegen Hitler gefuehrt und dafuer mit seinem Leben bezahlt hat - er konnte natuerlich nicht uebernommen werden.. Ausserdem: wie jeder James Bond Fan weiss: Der Geheimdienst ein schmutziges Geschaeft, und warum sollte der deutsche Geheimdienst sauberer sein als andere? Schliesslich: man schaue sich mal die z.T. absurd laecherliche und absolut erfolglose Historie des deutschen Auslandsnachrichtendienstes besonders im Westen an; evtl. wollte man ja mit der Uebernahme der 'Belasteten' den neuen Nachrichtendienst der BRD laehmen? Die Geschichte des BND hat einige Ereignisse die diese Theorie unterstuetzen. Hierzu aus Wikipedia:" Zwischen 1948 und 1952 unterstützte die Organisation Gehlen eine Gruppierung in Polen (WIN), die sich für einen bewaffneten Umsturz des kommunistischen Regimes einzusetzen schien. 1952 wurde jedoch öffentlich, dass es sich hierbei um eine sowjetische Tarnorganisation handelte, welche mit dem Geld der „Organisation Gehlen“ aufgebaut worden war." usw usf. Ich bin auf die Aufarbeitung nicht gespannt, wuerde aber noch lieber wissen warum der BND so oft so erfolglos agiert (mir sind meine Steuergelder auch wichtig, und ich moechte sie sinnvoll ausgegeben sehen...)..
jaein 28.10.2010
4. schneckentempo
wenn man damit fertig ist kommen hoffentlich auch die sozialistischen stasiverbrecher im bundestag und öffentlichen dienst drann, da könnte man ja auch noch einen täter lebend antreffen. oder geht das immer erst ca.65 jahre später?
suum.cuique 28.10.2010
5. Wieso erst jetzt?
Ganz einfach: Es ist politische Saure-Gurken-Zeit. So kann man prima die Starre bei Wichtigem vertuschen, indem man bei unnoetigen Nebenschauplaetzen eine neue Nazisau durchs Dorf treibt.
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