NS-Verbrechen Zug der Erinnerung erreicht Berlin

Medizinische Experimente mit Jugendlichen, vergaste Kinder: Der "Zug der Erinnerung" entführt den Besucher in ein grausames Kapitel deutscher Geschichte. Der Bahn-Konzern hat seine Reise nach Berlin lange boykottiert. Am Mittag erreichte die rollende Ausstellung den Ostbahnhof der Hauptstadt.

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Berlin - Die Fenster sind mit sepiafarbenen Bildern von Kindern und Jugendlichen verklebt. Überlebensgroß lächeln sie ihr Unschuldslächeln. Viele von ihnen haben Deutschland nie aus einer anderen Perspektive gesehen als durch die Ritzen stickiger Viehwaggons. In diesen zusammengepfercht reisten sie nach Auschwitz oder Theresienstadt, dort wurden sie vergast.

Gegen 11:46 Uhr trifft am Ostbahnhof zischend die Erinnerung ein. Langsam zieht die schwarze Lok, Werksnummer 2455, Baujahr 1919, die weinroten Waggons über das letzte Schienenstück auf Gleis 1. An den zerschrammten Flanken des Zugs leuchten Tulpen, Rosen und Sonnenblumen.

Der "Zug der Erinnerung" ist eine fahrende Ausstellung der besonderen Art. Sie erzählt die schockierenden Geschichten jener, die sterben mussten, bevor ihr Leben je richtig begann; von Kindern und Jugendlichen, die die Nazis töten ließen, weil sie von Herkunft oder Körperstatur her nicht ins Konzept passten. Über 5000 Kilometer hat der Zug inzwischen zurückgelegt, an 48 Stationen erinnerte die Ausstellung bislang an die Verbrechen des Holocausts. 160.000 Menschen sahen sich die Ausstellung nach Angaben der Initiatoren an.

Dass die Erinnerung nun endlich auch nach Berlin kommt, grenzt nach den Streits der vergangenen Wochen fast an ein Wunder.

Ursprünglich sollte der Zug im Herzen der Hauptstadt halten, am Hauptbahnhof, dem Prestigebau der Deutschen Bahn AG. Doch Bahn-Chef Hartmut Mehdorn sperrte sich dagegen, verbot die Einreise, aus technischen Gründen, wie er sagt: Der Betrieb einer Dampflok erfordere die Abschaltung der Rauchmelder, dadurch entstünden untragbare Risiken für die Öffentlichkeit. Am Hauptbahnhof gebe es zudem nicht genug Gleise, um den regulären Personenverkehr umzuleiten.

Um zu beweisen, dass sie rechtlich einwandfrei handelt, ließ sich die Bahn AG ihre Absage von der Bundesnetzagentur bestätigen. Die tat dies auch, ihr Präsident Matthias Kurth appellierte allerdings an Mehdorn, die Einfahrt zum Hauptbahnhof zu erlauben. Das Eisenbahnrecht sei in diesem Fall "nicht geeignet", den Konflikt zu lösen.

Politiker und Verbände kritisierten die Absage der Bahn scharf: "Dass der Zug der Erinnerung ausgerechnet in Berlin aufs Abstellgleis geschoben werden soll, ist nicht hinnehmbar", ätzte Kultursenator André Schmitz vergangene Woche. Mehrdorn habe "politisch und menschlich versagt", schimpfte Berlins Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) gestern auf einer Protestkundgebung vor dem Brandenburger Tor. Michael Szentei-Heise, der Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, nannte Mehdorn vor einiger Zeit sogar einen "inneren Nazi". Der Bahn-Chef erstattete Anzeige.

Vergast mit 14 Jahren

Im "Zug der Erinnerung" riecht es nach Holz und schwerem Parfüm. Das Geräusch von Bahnhofsansagen und vorbeidonnernder ICEs dringt gedämpft durch die Waggonwände. Fährt draußen gerade kein Zug vorbei, ist es fast völlig still. Schweigend durchmessen Besucher die Abteile, jedes erzählt die Geschichte eines anderen Toten.

Ursula W., geboren 1926, war ein blasses Mädchen mit Topfhaarschnitt. Die Schultüte auf dem Foto reicht ihr bis zur Brust. Im Alter von 14 Jahren wurde sie vergast, weil die Nazis sie nach einer Mittelohrvereiterung als "lebensunwert" einstuften.

Jacqueline Morgenstern war ein pummeliges Mädchen im Prinzessinenkleid. Auf dem Boden vor ihrem Bild liegt eine welke, gelbe Tulpe. Als sie im KZ Neuengamme starb, muss sie etwa zehn gewesen sein. Ehe sie umgebracht wurde, führten die Nazis mit ihr allerlei grausame medizinische Experimente durch.

Für die Benutzung der Gleise und das Abstellen an Bahnhöfen erhebt die Deutsche Bahn AG saftige Gebühren auf den "Zug der Erinnerung". Die Initiatoren taxieren die Kosten auf gut 100.000 Euro. Die Verkehrsexperten aller im Bundestag vertretenen Parteien forderten die Bahn inzwischen in einem Schreiben auf, die horrende Summe über Spenden zurückzuzahlen.

Doch das Präsidium des Bahn-Aufsichtsrats weigert sich. Man sei bereit, 100.000 Euro an jüdische Organisationen zu spenden - für den "Zug der Erinnerung" aber auf keinen Fall, heißt es. Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) sagte am Nachmittag im RBB-Inforadio, ihn ärgere das.

Für den Hans-Rüdiger Minow, den Sprecher der Zug-Initiative, ist die Verweigerungshaltung der Bahn ein Affront. "Die Verbrechen des Holocaust wurden seinerzeit möglich, weil Millionen Menschen weggeschaut haben", sagt er. "Aber eben auch, weil die Deutsche Reichsbahn funktioniert hat." Die Deutsche Bahn AG sei deren direkter Nachfolger, das dürfe "Herr Mehdorn" nicht vergessen.

Vom Vergessen - und vom Erinnern - handelt auch ein Gedicht von Elie Wiesel, das im Zuginneren zwischen Fotos hängt. Es lautet: "Niemals werde ich die kleinen Gesichter der Kinder vergessen, deren Körper ich aufgehen sah in Spiralen von Rauch unter einem stummen Himmel."

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