NS-Zeit im Auswärtigen Amt Fischer beruft Historiker-Kommission

Joschka Fischer zieht die Konsequenz aus der Nachrufdebatte des Frühjahrs. Der Außenminister hat eine Kommission damit beauftragt, die NS-Vergangenheit des Auswärtigen Amtes aufzuarbeiten. Die Historiker sollen klären, in welchem Umfang Diplomaten mit Nazi-Vergangenheit nach 1945 wieder eingestellt wurden.


Berlin - Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes bestätigte heute Abend einen entsprechenden Vorabbericht des "Handelsblatts". Der Kommission, die auch die Rolle des Amtes im Dritten Reich untersuchen wird, sollen demnach drei deutsche, ein amerikanischer und ein israelischer Historiker angehören: Klaus Hildebrand (Universität Bonn), Eckart Conze (Uni Marburg). Norbert Frei (Uni Jena), Henry A. Turner (Yale University) und Mosche Zimmermann (University of Jerusalem) kämen erstmals im September zusammen, um einen konkreten Arbeitsplan zu verabschieden.

Die fünf Historiker sollen eine unabhängig und wissenschaftlich fundierte Aufarbeitung des Themas garantieren. Hildebrand hat ein Standardwerk zur Geschichte des "Dritten Reiches" geschrieben. Frei hat sich intensiv mit der Frage beschäftigt, wie in der Bundesrepublik die NS-Vergangenheit aufgearbeitet wurde. Turner hat gerade die Kontakte des Automobilkonzern General Motors zum nationalsozialistischen Regime untersucht.

Der Start des Projektes werde vom Auswärtigen Amt finanziert, meldet das "Handelsblatt" weiter. Es werde aber auch eine Finanzierung durch wissenschaftliche Stiftungen erwogen. Der Untersuchungszeitraum dürfte bis mindestens in die sechziger Jahre reichen. Am Ende der auf drei bis fünf Jahre geschätzten Untersuchung werde wahrscheinlich ein mehrbändiges wissenschaftliches Werk stehen.

Anstoß für die Einsetzung der Kommission war die Nachrufdebatte im Auswärtigen Amt im Frühjahr dieses Jahres. 2003 war in der Hauszeitung "internAA" ein Nachruf für einen früheren Generalkonsul erschienen, der vor 1945 als Oberstaatsanwalt und NSDAP-Mitglied im besetzten Böhmen und Mähren an zahlreichen Verfahren beteiligt war. Fischer änderte danach die Gedenkpraxis und legte fest, dass Nachrufe für einstige NSDAP-Mitglieder gestrichen wurden.

Nach Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern und Gegnern der neuen Praxis entschied Fischer, es solle generell keine Nachrufe mehr geben, sondern nur noch kurze Todesnachrichten in der Zeitschrift des Ministeriums. Dagegen hatten eine Reihe von Mitarbeitern des Auswärtigen Amtes protestiert.



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