S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Die heroische Nation

Es heißt immer, den Deutschen sei der Opfermut abhandengekommen. Was für ein Unsinn. Andere erweitern angesichts des islamistischen Terrors ihre Geheimdienste, bei uns sind die Politiker gerade dabei, sie abzuschaffen.

Eine Kolumne von


Wir Deutschen, heißt es immer, seien so gründlich pazifiziert, dass wir nicht einmal ein Gewehr in die Hand nehmen können, ohne Gewissensbisse zu bekommen. Wenn die anderen in den Kampf ziehen, um dem Gegner einen überzubraten, buddeln wir am liebsten Brunnen. Von der Tapferkeit, von der wir mal zu viel hatten, haben wir jetzt angeblich zu wenig. In meiner Morgenzeitung stand ein langer Artikel über Deutschland als postheroische Nation. Weil wir eine tiefe Aversion gegen den politisch eingeforderten Opfermut ausgebildet hätten, erfülle uns die demonstrative Todesbereitschaft muslimischer Attentäter mit solchem Schrecken.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 20/2015
Die Lüge von der Chancengleichheit - warum schon die Geburt über Bildung und Aufstieg entscheidet

Von wegen Postheroismus, kann ich nur sagen. Alles Unsinn, was über die Feigheit der Deutschen geschrieben wird, wie man in der NSA-Affäre sehen kann. Jeden Monat kommt zu den in Deutschland ansässigen Dschihadisten ein ganzer Schwung von Rückkehrern aus den Kampfgebieten des Kalifats, die darauf brennen, ihre Glaubenstreue auch hierzulande unter Beweis zu stellen. Gerade erst hat ein Sondereinsatzkommando ein Ehepaar aus Oberursel hochgenommen, das den Krieg gegen die Ungläubigen offenbar in den Taunus tragen wollte.

Und was machen wir? Sehen wir zu, dass wir mit amerikanischer Hilfe den Syrien-Heimkehrern beikommen, damit sie nicht irgendwo unbemerkt eine Höllenmaschine in Gang setzen? Bauen wir die Spionagetechnik aus und verschaffen unseren Geheimdiensten mehr Personal? Beknien wir unsere Politiker, endlich die Vorratsdatenspeicherung einzuführen? Ach, iwo. Wir schalten einen Teil der Überwachung aus, die uns helfen soll, den bösen Buben auf den Fersen zu bleiben. Seit vergangener Woche liefern die Amerikaner keine Suchbegriffe mehr für die Internetüberwachung über die Horchstation in Bad Aibling, von der gerade so viel die Rede ist. Wir haben uns entschieden, dass wir nicht mehr, sondern weniger wissen wollen, was draußen in der Welt gegen uns vor sich geht.

Bad Aibling ist nicht irgendeine Abhörstation. Von hier aus verfolgt der Bundesnachrichtendienst die satellitengestützte Kommunikation in Afrika und dem Nahen Osten. Was in den Zeitungen verschämt als Krisenregionen bezeichnet wird, ist tatsächlich eine Auswahl der gefährlichsten Plätze der Welt. Laut BND sind die Antennen in Bayern nicht nach Paris oder Brüssel ausgerichtet, sondern nach Somalia, Pakistan und Syrien.

Angeblich hat der BND geholfen, auch französische Regierungsbeamte und Vertreter europäischer Institutionen auszuhorchen. Die Frage, ob das wirklich ein Skandal ist, der das deutsche Volk nicht mehr ruhen lassen darf, ist gar nicht so einfach zu beantworten. So wie ich es verstehe, muss man, um in die BND-Überwachung zu geraten, von Mali oder Pakistan aus nach Hause telefoniert oder gemailt haben. Keine Ahnung, wie oft französische oder europäische Spitzenbeamte in afrikanische Krisengebiete reisen. Bei EU-Bürokraten ist die Wahrscheinlichkeit eher gering. Das Essen ist in Somalia für in Brüssel geschulte Mägen einfach zu schlecht. Außerdem muss man dort ständig Angst haben, dass einen beim Kaffee eine Granate vom Hocker holt.

Ein Geheimdienst, der alles gegenüber Abgeordneten offenlegen muss, die Geheimdienste ohnehin für verzichtbar halten, ist ein neuartiges Konzept. Die Amerikaner, die ansonsten dem Neuen aufgeschlossen gegenüberstehen, sind beim Thema nationale Sicherheit leider old fashioned. Sie halten stur an der Vorstellung fest, dass ein Geheimdienst im Geheimen operieren sollte, weil ja nicht nur friedliebende Bürger aufmerksam die Presse studieren. Die vergangenen Tage werden die Partner in Übersee in ihrer Meinung eher bestärkt haben. Was heute den Untersuchungsausschuss in Berlin erreicht, ist morgen Allgemeingut. Daraus darf man den Abgeordneten keinen Vorwurf machen: Der Politiker, der achtlos an einem Journalisten vorbeigeht, der ihm von Nutzen sein kann, muss erst noch geboren werden.

Wir Deutschen sind stolz darauf, die Dinge anders zu regeln als unsere Nachbarn. "Sonderweg" ist bei uns kein Schimpfwort, sondern in Wahrheit eine Auszeichnung. Das war schon in der Atomfrage so. In keinem anderen europäischen Land käme man auf die Idee, die Debatte über die nationale Sicherheit Leuten von der Linkspartei oder den Grünen zu überlassen. Ein Mann wie Snowden, der bei uns schon als neuer Jesus verklärt wurde, gilt dort eher als eine Art komischer Heiliger. Entsprechend verhalten sind in Paris und Brüssel die Reaktionen auf die Enthüllungen über die Lauschpraxis des deutschen Nachrichtendienstes. Wer sich ein wenig in der Geheimdienstgemeinde umhört, weiß, dass es kaum eine Nation beim Abhören so toll treibt wie die Franzosen.

Die CDU scheint drauf und dran, nach Mindestlohn und Rente mit 63 auch die innere Sicherheit den besonders fortschrittlich gesinnten Kräften in der SPD überlassen zu wollen. Es wird spannend sein zu sehen, wie ihre Wähler reagieren, wenn die Personalpolitik beim Bundesnachrichtendienst demnächst von Ralf Stegner und Yasmin Fahimi bestimmt wird. Es könnte durchaus sein, dass nicht nur den Anhängern der Union bei dem Gedanken unwohl wird.

Für viele Menschen macht es immer noch einen Unterschied, ob es um 8,50 Euro für den Friseur geht oder die Frage, wie sicher sie sich beim Einkauf oder in der S-Bahn fühlen können.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Der schwarze Kanal


insgesamt 267 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
c_c 12.05.2015
1. nur eine Frage...
bauen die Somalis Granaten? Oder machen wir das?
Bueckstueck 12.05.2015
2. Satire oder Unsinn?
Sollte das jetzt Satire oder mit Polemik durchsetzter, die Faktenlage verdrehender Unsinn sein? Man weiss es nicht. Vielleicht mal den BND oder besser noch die NSA fragen - die haben sicher eine Akte Fleischhauer. Mit Billigung des Herrn F.
vox veritas 12.05.2015
3.
Sehr guter und treffender Artikel. Ich befürchte nur, daß er für das hiesige Publikum vertane Zeit war.
DDM_Reaper20 12.05.2015
4. Weil die Vorratsdatenspeicherung ja auch tausende...
...von Anschlägen verhindert hat, nicht wahr? Ach, halt, quatsch, stimmt ja gar nicht. Nicht mal in Frankreich, die sie schon haben. Siehe Charlie Hebdo, und diese Attentäter waren ja immerhin sattsam bekannt. Im Übrigen würde ich mich nicht darauf verlassen, dass man nur ins Visier der NSA gerät, wenn man in diese Gebiete telefoniert -- wäre außerdem idiotisch, weil das Terroristen auch wissen und das umgehen können. Nicht jedes Risiko lässt sich komplett ausschließen, manche werden sträflichst vernachlässigt. Z.B. Krankenhauskeime. Waren doch pro Jahr weit über 15.000 oder so. Wird da was getan? Iwo. Wozu denn. Es gibt genügend Mittel, die ausgeschöpft werden KÖNNEN. Und ein Geheimdienst, der gar nichts offen legen muss, ist mir schlicht verdächtig.
BoomTschak 12.05.2015
5.
Ein ganzer Artikel bestehend aus naivem Halbwissen und Unwahrheiten. Herr Fleischhauer Sie wissen ebensowenig wie alle anderen Bürger, was der NSA/BND tatsächlich macht! Also was soll die Heiligsprechung der außer Kontrolle geratenen Überwachung in Deutschland? Wieso greifen Sie die berechtigten Sorgen der Bürger nicht auf, die Geschichte könne sich wiederholen, die Geheimdienste könnten einmal mehr im Desinteresse der Bevölkerung handeln.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.