NSA-Ruinen in Deutschland: Die Spione vom Teufelsberg

Von

NSA in Deutschland: Radarknollen und Antennenwald Fotos
REUTERS

Millionenfach fängt die NSA in Deutschland Internetdaten ab. Doch der mächtige US-Geheimdienst hat in der Bundesrepublik auch höchst sichtbare Spuren hinterlassen. Die Reste gigantischer Abhöranlagen stehen in tiefen Wäldern - und am Rand von Berlin.

Berlin/Hamburg - Wer sich in Deutschland auf die Spuren des US-Geheimdienstes NSA begeben will, braucht nicht weiter zu suchen als bis zum Südwestrand Berlins. 115 Meter ragt dort der Teufelsberg empor, es ist die höchste Erhebung der Hauptstadt. Im Winter treffen sich die Berliner an seinen Hängen zum Schlittenfahren, im Sommer lockt der Hügel Mountainbiker und Wanderer. Ganz oben auf der Spitze steht das wohl bekannteste NSA-Relikt der Bundesrepublik: Fünf gigantische Radarkugeln blicken in alle Himmelsrichtungen - bis zum Ende des Kalten Krieges spähten sie vor allem nach Osten.

Einst war der Teufelsberg Teil des weltumspannenden Spionagenetzes Echelon, mit dem die US-Geheimdienste vor allem den Feind in Moskau auszuhorchen versuchten. Von 1957 bis 1991 residierte auf dem Gipfel die NSA und lauschte satellitenbasierten Telefongesprächen, filterte Faxnachrichten und wertete Internetdaten aus. Das macht sie 2013 zwar auch noch, wie Recherchen unter anderem des SPIEGEL belegen. Die Radartürme braucht sie dafür aber nicht mehr.

Heute sieht es auf dem künstlichen Hügel trostlos aus. Mit dem Abzug der Amerikaner begann der Verfall. Die Bespannung der Radartürme liegt an vielen Stellen in Fetzen, im Inneren der Anlagen wuchert Unkraut aus dem Schutt.

Doch nicht nur Witterung und Alter setzen den Gebäuden zu. Kurz nach der Jahrtausendwende war dem Berliner Senat die Bewachung des leerstehenden Areals zu teuer geworden. Regelmäßige Einbrüche und Vandalismus waren die Folge. Rotraud von der Heide, Künstlerin und Kuratorin der Initiative Teufelsberg, erklärt: "Die Anlage ist völlig kaputt, weil die privaten Eigentümer ihre Bauvorhaben nicht durchführen konnten. Nun ist die Baugenehmigung verfallen. Seit etwa anderthalb Jahren haben zwei junge Leute die Anlage gepachtet."

Erst die Partys, dann die Kupferdiebe

Der Pächter sorgt auch für die Sicherheit der Anlage. Mit den Einnahmen aus den Führungen finanziert er die ständigen Reparaturen an den Zäunen um das Gelände. Rotraud von der Heide: "Jede Nacht werden dort neue Löcher geschnitten, illegale Eindringlinge werden der Polizei übergeben. Früher wurden in den Anlagen Partys gefeiert. Dazu kamen die Kupferdiebe, die die Leitungen aus den Wänden gerissen haben. Das ist jetzt nicht mehr möglich."

Die Initiative hat mit dem Berg Großes vor: Zum Tag des offenen Denkmals Anfang September öffnet sie den Teufelsberg für drei Tage der Öffentlichkeit.

Bis dahin will von der Heide das Areal in ein Gesamtkunstwerk verwandelt haben: "Der Berg wird immer phantastischer. Es ist ein magischer Kunstort, der sich dauernd verändert", so die Künstlerin. Das liegt auch an den anonymen Graffiti-Sprayern. Ihre Gemälde überziehen die riesigen Wandflächen und die Radarkuppel von innen.

"Hier ist nichts mehr übrig"

Das andere Extrem findet sich 200 Kilometer westlich, im Höhenzug des Elm. So exponiert die Teufelsberg-Radoms, so versteckt lag die Anlage bei Schöningen nahe Braunschweig. "Es gab im Waldgebiet des Elm eine amerikanische Anlage. Dort standen Container und große Antennen", erklärt Bürgermeister Henry Bäsecke. Doch von dem ehemaligen Sperrgebiet ist heute nur noch eine Brachfläche übrig, alle Anlagen sind komplett zurückgebaut. "Hier ist nichts mehr übrig. Die Natur holt sich das Gelände langsam wieder", so Bäsecke.

50 Kilometer von München entfernt steht in Bad Aibling die südlichste bekannte Ex-Abhöranlage der US-Geheimdienste. Sie bildet das Ende einer Kette mehr oder weniger gut versteckter Spionageeinrichtungen. 1989, kurz vor dem Ende des Kalten Krieges, zählte der SPIEGEL 17 solcher Knotenpunkte der Überwachung. Die Dunkelziffer dürfte noch höher liegen. Von Schleswig, nahe der dänischen Grenze, bis eben nach Bad Aibling, zieht sich die Schnur. Die meisten Anlagen liegen entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. So nah am früheren Feind wie möglich also.

Musik-Festival in der Fliegerhalle

Auch in Bad Aibling stehen die Radarkugeln wie überdimensionierte Golfbälle in der Landschaft herum. 2004 sind die Amerikaner abgerückt, in der Nachbarschaft residiert allerdings noch der Bundesnachrichtendienst. In der 17.000-Einwohner-Stadt geht man die Nutzung der 134 Hektar großen Liegenschaften offensiv an. Einen kleinen Teil des Geländes hat die Gemeinde in Sportanlagen umgewandelt, so Peter Schmid von der Stadtverwaltung. Dort kicken die Vereine nun im Schatten der Radoms (zur Fotostrecke geht es hier).

Der weitaus größere Teil wird von dem Wohnungsbau-Riesen B&O bewirtschaftet. Auf dem Areal soll unter anderem eine Null-Energie-Stadt entstehen, so der Plan. Angedacht sind außerdem Holz-Hochhäuser, bis zu achtstöckige Gebäude aus dem nachwachsenden Rohstoff.

Ganz vergessen ist die bewegte Geschichte des Areals aber nicht. Seit 2009 steigt dort jedes Jahr ein Electro- und House-Festival. Im vergangenen Jahr feierten rund 17.000 zwischen Radartürmen und in der ehemaligen Fliegerhalle. Der Name der eintägigen Sause, in Erinnerung an das amerikanische Spionagenetz: Echelon-Festival.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 87 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. denglisch
peters2000 05.07.2013
Könnte man bitte endlich whistleblower auf deutsch übersetzen? Das Wort gibt es immernoch und wurde bis vor einigen Jahren ganz normal benutzt. Auch andere Sachen werden einfach nicht übersetzt, unabhängig von englischen Begriffen. Ist wohl einfach cooler ge?
2.
ewspapst 05.07.2013
Zitat von sysopREUTERSMillionenfach fängt die NSA in Deutschland Internetdaten ab. Doch der mächtige US-Geheimdienst hat in der Bundesrepublik auch höchst sichtbare Spuren hinterlassen. Die Reste gigantischer Abhöranlagen stehen in tiefen Wäldern - und am Rand von Berlin. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/nsa-ruinen-in-deutschland-was-von-der-spionage-uebrig-blieb-a-909504.html
Hallo ihr lieben Journalisten an Euch eine Frage: Warum sagt ihr uns nichts über die NSA Station Griesheim bei DArmstadt?
3. Denkmalschutz
noalk 05.07.2013
Die Anlage hat offensichtlich eine historische Bedeutung. Dem gemäß verdient sie eine Instandhaltung und sogar Restaurierung. Sie sollte unter Denkmalschutz gestellt werden, so wie es mit anderen Hinterlassenschaften der US-Besatzung in Berlin auch geschehen ist. Man könnte sie z.B. als Museum und Bildungsstätte, als Mahnmal gegen staatliches Aushorchen und Überwachen - für Informationsfreiheit - nutzen.
4. Unterschiedlich
frundsberg45 05.07.2013
Zitat von sysopREUTERSMillionenfach fängt die NSA in Deutschland Internetdaten ab. Doch der mächtige US-Geheimdienst hat in der Bundesrepublik auch höchst sichtbare Spuren hinterlassen. Die Reste gigantischer Abhöranlagen stehen in tiefen Wäldern - und am Rand von Berlin. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/nsa-ruinen-in-deutschland-was-von-der-spionage-uebrig-blieb-a-909504.html
In der Nähe von Franfurt am Main befindet sich eine höchst muntere Abhör- und Lauschanlage die in den letzten Jahren beständig ausgebaut wurde. Und was viele nicht wissen, die Grundstücke sind im Eigentum der USA. Hier gilt absolut kein deutsches Recht. Irgendwelche Schnarchnasen von einem privaten Wachdienst verpesten mit ihren Rundfahrten um das Gelände die Luft. Das lustigtigste die wollen prüfen ob Fotoaufnahmen gemacht werden von der Lauschanlage, dabei ist die überall bekannt, sicherlich auch beim Genossen Towarisch Putin. Jetzt weiß man auch, warum Schröder Putin einen lupenreinen Demokraten nannte, Herr Schröder wußte sicherlich von den Abhörmaßnahmen der NSA.
5. Link?
anders_denker 05.07.2013
Hallo Spiegel, wenn Ihr schon über die Anlage in Berlin berichtet - wie wäre es, auch einen Link anzugeben, mit dem man Kontakt aufnehmen kann, um die Anlage legal zu besuchen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema NSA-Programm Prism
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 87 Kommentare

VIDEO

Fläche: 9.632.000 km²

Bevölkerung: 310,384 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | USA-Reiseseite