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Rechtsextremismus: NSU-Ausschuss fordert sofortigen Aktenvernichtungsstopp

Politiker von Koalition und Opposition sind empört: Die Vernichtung von Behördenakten mit Bezug zum Rechtsextremismus auf Anordnung des Innenministeriums sei "politisch unsensibel". Mitglieder des NSU-Untersuchungsausschusses verlangten einen sofortigen Stopp des Aktenschredderns.

Clemens Binninger, Obmann der Unionsfraktion im NSU-Ausschuss: "Politisch unsensibel" Zur Großansicht
dapd

Clemens Binninger, Obmann der Unionsfraktion im NSU-Ausschuss: "Politisch unsensibel"

Berlin - Die vom Bundesinnenministerium angeordnete Vernichtung von Behördenakten mit Bezug zum Rechtsextremismus alarmiert Vertreter von Koalition und Opposition. Mitglieder des NSU-Untersuchungsausschusses im Bundestag forderten am Donnerstag einen sofortigen Stopp der Vernichtungen.

Mehrere Bundestagsabgeordnete sagten am Donnerstag am Rande einer internen Sitzung des Gremiums in Berlin, sie seien "fassungslos" angesichts der bekannt gewordenen Akten-Affären in Bund und Ländern.

Die SPD-Obfrau im Untersuchungsausschuss, Eva Högl, sprach von einem "einzigen Skandal". Der CDU-Abgeordnete Clemens Binninger bezeichnete die Vernichtung als "politisch unsensibel". Sein FDP-Kollege Hartfrid Wolff zeigte sich "fassungslos, wie die Sicherheitsbehörden mit den Akten umgehen". Die Linken-Abgeordnete Petra Pau kritisierte insbesondere, dass das Innenministerium die Aktenvernichtung erst "nach Auffliegen der NSU" angeordnet hat.

Alle vier Politiker sprachen sich für ein Moratorium aus: Die Sicherheitsbehörden in Bund und Ländern sollten so lange keine Akten mit Bezug zum Rechtsextremismus vernichten, bis der NSU-Untersuchungsausschuss seine Arbeit beendet hat. "Wir wollen, dass sämtliche Akten zur Verfügung stehen", sagte Wolff. Ein solches Moratorium wäre schon von Anfang der Ausschussarbeit an "sinnvoll" gewesen, sagte Binninger. Högl kritisierte, die nun bekannt gewordene Aktenvernichtung "nährt die Spekulation, dass etwas vertuscht werden sollte".

Bei den auf Anordnung des Innenministeriums vernichteten Akten des Verfassungsschutzes handelt es sich laut Ausschussmitgliedern um Protokolle zur Telefonüberwachung von Rechtsextremisten. Der Ausschuss sei darüber bereits seit längerem informiert, hieß es.

Laut gleich drei Berichten des Dienstes, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, sollen sich in den vernichteten Akten keine Hinweise auf das rechte Killer-Trio der NSU finden. Vielmehr habe es sich um andere Recherchen im rechten Milieu gehandelt.

Das zuständige Innenministerium bezeichnete den Vorgang als Routinemaßnahme und rechtfertigte die Aktenvernichtung mit einer "fristgerechten Sammelanordnung für Löschungsfälle nach Ablauf der Speicherfrist".

Bis auf weiteres wird es im Bundesamt für Verfassungsschutz keine weiteren Löschaktionen von Akten zu sogenannten G-10-Abhörmaßnahmen geben. Der scheidende Verfassungsschutzpräsident Heinz Fromm schreibt in seiner Zusammenfassung der neuen Erkenntnisse, sein Amt habe "eigeninitiativ" am 4. Juli 2012 die Einstellung aller Vernichtungsaktionen von Dossiers aus dem rechten Milieu angeordnet.

Der Untersuchungsausschuss kam am Donnerstag eigentlich zusammen, um über einen anderen Fall von Aktenvernichtung zu beraten. Beim Bundesamt für Verfassungsschutz waren im November 2011 nach dem Auffliegen der Zwickauer Terrorzelle sieben Akten zur Neonazi-Szene in Thüringen vernichtet worden. Die Aktion soll in zwei Schritten erfolgt sein. Gegen drei Mitarbeiter des Amtes laufen deswegen disziplinarrechtliche Ermittlungen. Ob die Aktenvernichtung eine gezielte Vertuschungsaktion war, ist weiter unklar.

Der rechtsextremen Zelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) wird eine Serie von Morden an neun Migranten und einer Polizistin im vergangenen Jahrzehnt zugeschrieben. Wegen einer Reihe von Ermittlungspannen stehen seit Bekanntwerden der Mordserie im vergangenen Jahr die Verfassungsschützer bundesweit heftig in der Kritik. Verfassungsschutzpräsident Fromm geht zum Monatsende auf eigenen Antrag in den Ruhestand - als Konsequenz aus Aktenvernichtungen im Zuge der Ermittlungen zu den Neonazimorden.

hen/mgb/dpa/dapd

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insgesamt 9 Beiträge
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1. in einem Rechtsstaat
katerramus 19.07.2012
Zitat von sysopdapdPolitiker von Koalition und Opposition sind empört: Die Vernichtung von Behördenakten mit Bezug zum Rechtsextremismus auf Anordnung des Innenministeriums sei "politisch unsensibel". Mitglieder des NSU-Untersuchungsausschusses verlangten einen sofortigen Stopp des Aktenschredderns. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,845295,00.html
wäre es selbstverständlich, nach Bekanntwerden solch einer politisch motivierten Mordserie in allen beteiligten Diensten nach Belegen zu suchen und zu S I C H E R N
2. Ob nun Rechts-
waldemar28 19.07.2012
oder Unrechtsstaat. In jedem Fall ist es im Interesse der Mächtigen, alles zu vertuschen, was auf eine Mittäterschaft bei Verbrechen hinweist. Die Naivität der Ausschußmitglieder in dieser Beziehung verwundert mich immer wieder...
3. Natürlich ist dieser Staat rechts.
prontissimo 19.07.2012
Zitat von katerramuswäre es selbstverständlich, nach Bekanntwerden solch einer politisch motivierten Mordserie in allen beteiligten Diensten nach Belegen zu suchen und zu S I C H E R N
Schließlich werden vom Verfassungsschutz nur linke Parlamentarier überwacht. Rechte gibt es ja garkeine in D.
4. Hier fehlt es einfach an einem echten Verfassungsschutz
Dr. Kilad 19.07.2012
Beispielsweise an einen, der auch die Aktivitäten des Innenminsteriums überwacht. Allerdings sollte mit der Auswahl von Herrn Maaßen eigentlich allen klarsein, dass damit nicht ein Mann dem VS vorsteht, der die Verfassung gegen rechts wirklich verteidigen kann.
5. Datenschutz
Querspass 19.07.2012
Zitat von katerramuswäre es selbstverständlich, nach Bekanntwerden solch einer politisch motivierten Mordserie in allen beteiligten Diensten nach Belegen zu suchen und zu S I C H E R N
Das ist Datenschutz! Ähem, es sind aber die selben Leute, die hinter unserem Rücken Daten auf Vorrat speichern - bei den Anderen.
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Neonazi-Mordserie
9. September 2000 - Enver S.
Das erste Opfer war der Blumenhändler Enver S., 38, aus dem hessischen Schlüchtern. Er stand mit seinem Verkaufswagen am Vormittag des 9. September 2000 an einer Ausfallstraße in Nürnberg-Langwasser. S. vertrat einen Kollegen, der an diesem Tag Urlaub genommen hatte. Am Nachmittag fand man S. im Transporter, von Kugeln durchsiebt.
13. Juni 2001 - Abdurrahim Ö.
Neun Monate später starb Abdurrahim Ö. Der geschiedene 49-Jährige, der in Nürnberg-Steinbühl wohnte, war Schneider, seit vielen Jahren in Deutschland. Tagsüber stand er bei Siemens am Band, abends besserte er für ein paar Euro Kleider aus. Am Nachmittag des 13. Juni 2001 hörten Nachbarn einen Streit, angeblich waren zwei osteuropäisch wirkende Männer bei Ö. Wenig später lag dieser tot auf dem fleckigen PVC-Boden hinter dem Schaufenster, mit zwei Kugeln im Kopf.
27. Juni 2001 - Süleyman T.
Süleyman T., 31, wurde nur wenige Tage später, am 27. Juni 2001, von seinem Vater gefunden. Der Obst- und Gemüsehändler arbeitete im eigenen Laden in Hamburg-Bahrenfeld. Kurz hintereinander hatte man ihm mit zwei Waffen - eine war die Ceska - dreimal in den Kopf geschossen.
29. August 2001 - Habil K.
Am 29. August 2001 starb Habil K. durch zwei Kopfschüsse in seinem Gemüsegeschäft in München-Ramersdorf. Passanten glauben, sie hätten einen ausländisch aussehenden Mann mit Schnurrbart weglaufen und in ein dunkles Auto steigen sehen. Er wurde nie gefunden.
25. Februar 2004 - Yunus T.
Am Morgen des 25. Februar 2004 bekam der 25-jährige Yunus T. in einem Rostocker Dönerstand Besuch. Wieder war es ein Kopfschuss, wieder aus der Ceska. Bis heute ist unklar, ob T. verwechselt wurde. Er lebte erst seit ein paar Tagen in Rostock und war an diesem Morgen zufällig als Erster an der Bude.
9. Juni 2005 - Ismail Y.
Am 9. Juni 2005 wurde Ismail Y., 50, mit gezielten Schüssen in seinem Dönerstand an der Scharrerstraße in Nürnberg getötet. Bauarbeiter sahen zwei Männer: Sie stellten ihre Fahrräder direkt vor Y.s Stand ab, gingen hinein, kamen rasch zurück und steckten eilig einen Gegenstand in den Rucksack. Das Duo wurde nie gefunden.
15. Juni 2005 - Theodorus B.
Am 15. Juni 2005 erschoss ein Unbekannter im Münchner Westend den Griechen Theodorus B., 41, der gerade einen Schlüsseldienst eröffnet hatte.
4. April 2006 - Mehmet K.
Mehmet K., 39, hörte am 4. April 2006 wohl noch die Türglocke seines Kiosks an der belebten Dortmunder Mallinckrodtstraße bimmeln, dann fielen die Schüsse.
6. April 2006 - Halit Y.
Bei der vorerst letzten Bluttat in Kassel am 6. April 2006 ging der Killer ein hohes Risiko ein: Er betrat das Internetcafé an der Holländischen Straße, obwohl sich dort mindestens drei Gäste aufhielten. Kurz nach 17 Uhr starb der 21-jährige Halit Y. durch zwei Schüsse aus der Ceska, beide in den Kopf.


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