Opfer des NSU Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru, Süleyman Tasköprü, Habil Kiliç, Mehmet Turgut, Ismail Yasar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubasik, Halit Yozgat, Michèle Kiesewetter

Beate Zschäpes heutige Aussage dominiert den NSU-Prozess - umso wichtiger ist die Erinnerung, worum es in diesem beispiellosen Verfahren geht: zehn getötete Menschen, Anschläge, Banküberfälle.


Im Münchner NSU-Prozess hat Beate Zschäpe an diesem Mittwoch erstmals ausgesagt, einer ihrer Anwälte verlas eine umfassende Erklärung. Darin äußert sich Zschäpe zu ihren Gefährten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, den Morden, Anschlägen und Banküberfällen des NSU (Minutenprotokoll hier, Zusammenfassung hier). Die Terrorzelle aus Zwickau schlug mit Gewalt zu und machte sich hinterher in einem Video auch noch über ihre Opfer lustig.

Ein Überblick über die Gewalttaten und ihre Opfer:

Banküberfälle

Polizei

Um ihr Leben im Untergrund zu finanzieren, begehen Böhnhardt und Mundlos am 18. Dezember 1998 erstmals einen Überfall. In einem Chemnitzer Supermarkt erbeuten sie 30.000 Mark. Es folgen sieben Banküberfälle in der Stadt, zwei davon im Oktober 1999. Insgesamt werden der Terrorzelle mehr als ein Dutzend Überfälle zugeschrieben.

Mord an Enver Simsek, Nürnberg

SPIEGEL TV

Der Blumenhändler Enver Simsek, 38, aus dem hessischen Schlüchtern ist das erste Opfer der Terrorzelle. Er steht mit seinem Verkaufswagen am Samstag, den 9. September 2000 an einer Ausfallstraße in Nürnberg-Langwasser. Simsek vertritt einen Kollegen, der an diesem Tag Urlaub hat. Am Nachmittag findet man Simsek im Transporter, von Kugeln durchsiebt. Zwei Tage später stirbt er. Simsek hinterlässt seine Frau und zwei Kinder.

Anschlag in der Probsteigasse, Köln

Peter Arnold Käsmacher

In einem deutsch-iranischen Lebensmittelladen in der Kölner Probsteigasse explodiert eine Bombe. Der Sprengsatz ist in einer Blechbüchse deponiert. Ein vermeintlicher Kunde hat sie zusammen mit Waren aus dem Geschäft in einen Korb gelegt. Der Mann verlässt den Laden mit dem Hinweis, er wolle rasch Geld holen, das er zu Hause vergessen habe. Der vermeintliche Kunde kommt nie wieder, der Korb bleibt im Laden. Die Tochter des Ladeninhabers will die nicht abgeholten Waren am Morgen des 19. Januar 2001 ins Regal zurücklegen. Als sie die Blechbüchse öffnet, detoniert der Sprengsatz. Die 19-Jährige erleidet schwere Verbrennungen und Schnittverletzungen; Ärzte müssen sie in ein künstliches Koma versetzen und mehr als einen Monat lang künstlich beatmen.

Mord an Abdurrahim Özüdogru, Nürnberg

DPA

Der Schneider Abdurrahim Özüdogru, Vater einer 19 Jahre alten Tochter, wohnt im Nürnberger Süden, lebt seit vielen Jahren in Deutschland. Tagsüber arbeitet der geschiedene 49-Jährige in der Fabrik, abends bessert er für ein paar Euro Kleider aus. Am Nachmittag des 13. Juni 2001 stirbt er in seinem kleinen Laden durch zwei Kopfschüsse.

Mord an Süleyman Tasköprü, Hamburg

DPA

Süleyman Tasköprü wird am 27. Juni 2001 von seinem Vater gefunden. Der 31-jährige Obst- und Gemüsehändler arbeitet im eigenen Laden in Hamburg-Bahrenfeld. Der Vater fährt kurz vor der Tat zum Einkaufen, als er nach rund einer halben Stunde zurückkommt, findet er seinen Sohn in einer Blutlache. Der Vater drückt Süleyman an seine Brust, der Sohn versucht noch, etwas zu sagen. Kurz danach stirbt er. Er hinterlässt eine Lebensgefährtin und eine dreijährige Tochter.

Mord an Habil Kiliç, München

DPA

Am 29. August 2001 stirbt der 38-jährige Habil Kiliç durch zwei Kopfschüsse in seinem Gemüsegeschäft in München-Ramersdorf. Zeugen meinen, sie hätten zwei Männer in der Nähe des Tatorts auf Fahrrädern wegfahren sehen. Kiliç hinterlässt eine Frau und eine Tochter.

Mord an Mehmet Turgut, Rostock

DPA

Der 25-jährige Mehmet Turgut bekommt am Vormittag des 25. Februar 2004 in einem Rostocker Dönerstand Besuch. Er stirbt durch Kopfschüsse, abgegeben aus einer Pistole des Herstellers Ceska, mit der schon vorige Taten begangen worden waren. Bis heute ist unklar, ob Turgut verwechselt wurde. Er lebt zum Zeitpunkt seines Todes erst seit ein paar Tagen in Rostock und hilft an diesem Tag in dem Imbiss nur aus.

Anschlag in der Keupstraße, Köln

DPA

Auf der belebten Keupstraße in Köln-Mülheim detoniert am 9. Juni 2004 eine Nagelbombe. 22 Menschen werden verletzt. Der ferngezündete Sprengsatz ist auf dem Gepäckträger eines Fahrrads deponiert, das die Täter vor einem türkischen Friseursalon abstellen. In der Bombe sind mindestens 800 Zimmermannsnägel, um möglichst viele Menschen zu treffen. Nachdem ihre Bombe gegen 15.56 Uhr explodiert, schießen die Nägel wie tödliche Pfeile durch die Luft.

Mord an Ismail Yasar, Nürnberg

DPA

Am 9. Juni 2005 wurde Ismail Yasar, 50, mit gezielten Schüssen in seinem Dönerstand an der Scharrerstraße in Nürnberg getötet. Zeugen sehen zwei Männer: Sie stellen ihre Fahrräder direkt vor Yasars Stand ab, gehen hinein, kommen rasch zurück und stecken eilig einen Gegenstand in den Rucksack. Yasar, geschiedener Vater eines Sohnes, hat erst Tage zuvor seiner Mutter gesagt, dass er bald zu ihr zurückkehren wolle.

Mord an Theodoros Boulgarides, München

imago

Am 15. Juni 2005 wird im Münchner Westend der Grieche Theodoros Boulgarides erschossen. Der 41-jährige ehemalige Bahnangestellte hat kurz zuvor einen Schlüsseldienst eröffnet. Er hinterlässt zwei Töchter.

Mord an Mehmet Kubasik, Dortmund

DPA

Mehmet Kubasik hört an der belebten Mallinckrodtstraße in der Dortmunder Nordstadt wohl noch die Türglocke seines Kiosks. Dann fallen Schüsse - der 39-Jährige stirbt am 4. April 2006. Kubasik hinterlässt eine Frau und drei Kinder.

Mord an Halit Yozgat, Kassel

DPA

In Kassel gehen die Mörder am 6. April 2006 ein hohes Risiko ein: Am Tatort, einem Internetcafé an der Holländischen Straße, halten sich mindestens vier Gäste auf. Um etwa 17 Uhr treffen zwei Schüsse den 21-jährigen Betreiber des Cafés: Halit Yozgat stirbt in den Armen seines Vaters – im gleichen Haus, in dem er geboren wurde.

Mord an Michèle Kiesewetter, Heilbronn

Getty Images

Die Polizistin Michèle Kiesewetter wird am 25. April 2007 in ihrem Streifenwagen auf der Heilbronner Theresienwiese mit einem Kopfschuss getötet. Ihr Kollege Martin A. wird schwer verwundet und liegt mehrere Wochen im Koma. Um 14.14 Uhr funkt ein Streifenwagen der Polizei an die Zentrale in Heilbronn, dass eine Kollegin tot und ein Kollege schwer verletzt sei. Sofort läuft eine Großfahndung an. Vergeblich. Die Täter entkommen.

Im Video: Zschäpes Aussage im NSU-Prozess

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