NSU-Untersuchungsausschuss Die Spur des "Krokus"

Der Untersuchungsausschuss des Bundestages will überraschend weitere Zeugen zur NSU-Mordserie vernehmen. Grund ist eine neu aufgetauchte Akte über eine Geheimdienstquelle namens "Krokus".

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NSU-Untersuchungsausschuss: V-Mann-Führer wird vorgeladen
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NSU-Untersuchungsausschuss: V-Mann-Führer wird vorgeladen


Dem Mann mit dem Tarnnamen Rainer Öttinger steht in Kürze eine Dienstreise bevor. Öttinger ist Mitarbeiter des Stuttgarter Landesamtes für Verfassungsschutz, bis März 2011 schöpfte er dort eine Quelle namens "Krokus" ab. Für die Gespräche, die Öttinger und seine Vertrauensperson im Lauf der Jahre miteinander führten, interessiert sich nun auch der NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages. Am Donnerstagnachmittag beschloss das Gremium, das seine Beweisaufnahme eigentlich schon abgeschlossen hatte, den Zeugen Öttinger für den 24. Juni nach Berlin einzuladen.

Der Geheimdienstler soll dort erklären, ob er im Mai 2007, kurz nach Ermordung der Polizistin Michèle Kiesewetter, Hinweisen auf eine Verstrickung mehrerer Rechtsextremisten nicht nachgegangen ist. Das jedenfalls behauptet seine Ex-Quelle "Krokus".

Der Vorwurf wiegt schwer. So schwer, dass der Untersuchungsausschuss in Berlin sich nun selbst unter enormen Druck setzt. Mit der erneuten Zeugenbefragung schrumpft die Zeit, die dem Gremium bleibt, um bis zur Bundestagswahl einen Abschlussbericht zum NSU-Komplex zu verfassen. Der Schritt sei dennoch nötig, heißt es aus dem Ausschuss: "Wir haben rund um die V-Person 'Krokus' einigen Frage- und Vernehmungsbedarf."

Die Person mit dem blumigen Pseudonym hört im richtigen Leben auf den Namen Petra S. Seit einigen Monaten lebt sie in einem winzigen Häuschen irgendwo in der irischen Provinz, in direkter Nachbarschaft zu einer Schafweide. Sie versteckt sich nach eigenen Angaben vor gewaltbereiten Neonazis. Wer sie treffen will, muss sich zu einem festgesetzten Zeitpunkt an einer Tankstelle einfinden und wird dann abgeholt. Anschließend plaudert "Krokus" bei Kaffee und Keksen. Sie sagt, sie habe nichts mehr zu verbergen. Ihre und die amtliche Version jedoch unterscheiden sich in einigen wesentlichen Punkten.

Unstrittig ist, dass Petra S. - die selbst keine Rechtsextremistin ist - vor einigen Jahren durch Zufall Zugang zur braunen Szene rund um Schwäbisch Hall erhielt. Eine Freundin hatte sich in einen örtlichen NPD-Funktionär verliebt, besorgt wandte sich S. daraufhin an einen ihr bekannten Polizisten. Der, sagt S., habe sie gebeten, Informationen über die Szene zu sammeln und weiterzutragen. Und weil das offenbar gut funktionierte, reichte der Polizist die Informantin nach einigen Monaten an das Landesamt für Verfassungsschutz weiter. Dort wartete bereits der V-Mann-Führer Öttinger. Er gab S. den Decknamen "Krokus".

Das Verhältnis zwischen dem Amt und der Quelle entwickelte sich zwischen 2007 und 2011 exzellent. Aus Akten, die dem NSU-Untersuchungsausschuss Ende Mai geschickt wurden und die dem SPIEGEL vorliegen, geht hervor, dass "Krokus" eifrig und zuverlässig lieferte. "Dem Grunde nach handelt es sich bei Informant 'Krokus' um die 'geborene Quelle'. Sie ist zuverlässig, verschwiegen und überaus einsatzwillig (...)", heißt es in einem vertraulichen Papier.

Die V-Frau wurde intern stetig besser beurteilt, von Glaubwürdigkeitsstufe F bis hinauf zur zweitbesten Bewertung B. Insbesonders interessierte sich der Geheimdienst für die Informationen, die "Krokus" von ihrem zweiwöchentlichen Friseurbesuch mitbrachte. Denn bei der Friseurin handelte es sich um Nelly R., eine in Baden-Württemberg gut vernetzte Rechtsextremistin, die 2011 für die NPD in den Landtag einziehen wollte. Von ihr will "Krokus" im Mai 2007 Ungeheuerliches erfahren haben.

Versuchten Rechtsextreme, Polizist Martin A. auszuspähen?

Am 25. April 2007 wurde auf der Heilbronner Theresienwiese die Polizistin Michèle Kiesewetter durch einen Kopfschuss ermordet. Ihr Kollege Martin A. überlebte schwer verletzt. Zu den Taten bekannte sich Jahre später die Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU). Wenige Tage nach dem Mord hielt sich "Krokus" erneut im Salon von Nelly R. auf. Die Friseurin habe ihr dabei berichtet, ihre Leute würden über eine Krankenschwester den schwer verletzten Polizisten ausspähen, versuchten herauszubekommen, wann er aufwache und ob er sich an etwas erinnere. Wenn dem so sei, werde unter den Rechtsextremisten überlegt, "ob etwas zu tun sei".

Die Information, sagte "Krokus" dem SPIEGEL, habe sie unmittelbar an Rainer Öttinger weitergegeben und später noch einmal nachgefragt, wie er darauf zu reagieren gedenke. Mehrere Namen bekannter Neonazis will sie dabei genannt haben. Öttinger jedoch habe sie aufgefordert, sich aus der Sache herauszuhalten, und sie eindringlich daran erinnert, dass sie eine Geheimhaltungsverpflichtung unterschrieben habe. Sollte das stimmen, dann hätten Baden-Württembergs Behörden fast vier Jahre vor Aufdeckung der NSU-Morde konkrete Hinweise auf rechtsextremistische Hintergründe erhalten - und diese verheimlicht.

Seltsam nur: In den umfangreichen "Krokus"-Akten findet sich zum fraglichen Zeitpunkt kein Hinweis auf eine entsprechende Quellen-Information. Folgt man dem Dossier, wäre das auch unmöglich. Nach Aktenlage nämlich wurde "Krokus" erst von Juni oder Juli 2007 an als Quelle des Landesamts geführt - mithin zwei oder drei Monate nach dem Mordanschlag auf die beiden Polizisten. "Krokus" dagegen schwört, seit Herbst 2006 regelmäßig an Rainer Öttinger berichtet zu haben, und wirft dem Geheimdienst Vertuschung vor.

In unzähligen Mails und Kurznachrichten an den Verfassungsschutz, das Landeskriminalamt und Mitglieder des NSU-Untersuchungsausschusses hat sie ihre Version seit Aufdeckung der NSU-Morde verbreitet und um etliche Details angereichert. Und weil der Vorwurf, der Verfassungsschutz könnte Hinweise auf rechtsextremistische Täter oder Unterstützer ignoriert haben, brisant ist, tritt der Ausschuss nun doch noch einmal in die Beweisaufnahme ein.

Untersuchungsausschuss will V-Mann-Führer Öttinger vernehmen

Am Donnerstag mühten sich Ermittler des Bundeskriminalamts und des Landeskriminalamts (LKA) Baden-Württemberg vergeblich, das Gremium davon abzubringen. Zu widersprüchlich erscheint dem Ausschuss die Aktenlage. Stutzig macht die Parlamentarier zudem ein LKA-Vermerk, der besagt, es sei aus rechtlichen Gründen nicht möglich gewesen, den V-Mann-Führer Öttinger zu vernehmen. Am Donnerstag stellte das Stuttgarter Innenministerium dem Ausschuss zwar kurzfristig noch eine "dienstliche Erklärung" Öttingers zu. Das aber reicht dem Untersuchungsausschuss nicht. Er will den Geheimdienstler nun persönlich vernehmen.

Die entscheidende Frage bleibt: Versuchten tatsächlich Rechtsextremisten, den schwer verletzten Polizisten Martin A. im Krankenhaus auszuspähen? Und wenn ja: warum? Sicher ist: Nach Aufdeckung der NSU-Morde gingen die Behörden den Hinweisen nach. Am 16. Juli 2012 allerdings gab das Landesamt für Verfassungsschutz in einem Schreiben an das Bundeskriminalamt Entwarnung: Über die "Krokus"-Behauptungen lägen dem Amt "keinerlei Erkenntnisse" vor.

Es findet sich jedoch noch ein weiteres, rätselhaftes Schreiben in den Akten. Es entstand zwei Monate vorher, am 15. Mai 2012, im Landeskriminalamt Baden-Württemberg, und ist ans dortige Innenministerium gerichtet. Ein gezieltes Interesse der Neonazi-Szene an dem verletzten Polizisten oder gar Mordpläne "können aus den hier vorliegenden Informationen nicht untermauert werden", heißt es darin.

Gleichwohl scheint die braune Friseurin Nelly R. mehr gewusst zu haben, als den Behörden lieb sein kann. Denn bereits im Folgesatz des LKA-Schreibens heißt es: "Es trifft jedoch zu, dass die im rechtsradikalen Milieu verkehrende Frau R. über den Gesundheitszustand von (Martin A.) informiert war." Wie und von wem, bleibt bis auf weiteres unklar.



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Neinsowas 13.06.2013
1. ich hoffe nur....
...dass der Untersuchungsausschuss dran bleibt - bis auch das letzte Eckchen hinterfragt ist! Wir wollen und können uns nicht leisten, in D nationalistisch unterwanderte Behörden zu haben!
ApuMichael 13.06.2013
2. Abkürzungswege
Lieber Untersuchungsausschuß, fragt doch einfach mal die braune Friseuse oder ist die nun auch schon wieder abgetaucht und unauffindbar. Oder lasst sie von einer vertrauenswürdigen Polizeiperson vernehmen. - Wenn sich einer schon freiwillig Öttinger nennt, braucht es viel Phantasie und guten Willen, um auf Erkenntnisgewinne zu hoffen
aueronline.eu 13.06.2013
3. gruselig...
... Was da passiert. Petra S. sollte um ihre Gesundheit besorgt sein. Es scheint von hohem Interesse, ihren v-frau-eintritt auf später zu datieren. Womöglich ist es doch war, dass CIA Leute in der nähe des tatortes waren und der Polizist sich hätte erinnern können...
Izmi 13.06.2013
4. Friseuse
Zitat von sysopDPADer Untersuchungsausschuss des Bundestages will überraschend weitere Zeugen zur NSU-Mordserie vernehmen. Grund ist eine neu aufgetauchte Akte über eine Geheimdienstquelle namens "Krokus". Der Mord an der Polizistin Michele Kieswetter erscheint dadurch noch rätselhafter. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/nsu-untersuchungsausschuss-laedt-v-mann-fuehrer-vor-a-904018.html
Und was ist mit der Friseurin Nelly R.? Wenn sie die eigentliche Quelle für alle Angaben ist, warum wird Frau R. nicht verhört? Oder wurde sie? Was waren dann die Ergebnisse? Frage ich mich das ganz allein?
derandersdenkende 13.06.2013
5. Jede noch so kleine Blamage,
Zitat von sysopDPADer Untersuchungsausschuss des Bundestages will überraschend weitere Zeugen zur NSU-Mordserie vernehmen. Grund ist eine neu aufgetauchte Akte über eine Geheimdienstquelle namens "Krokus". Der Mord an der Polizistin Michele Kieswetter erscheint dadurch noch rätselhafter. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/nsu-untersuchungsausschuss-laedt-v-mann-fuehrer-vor-a-904018.html
jedes entlarvende Wort in der Öffentlichkeit, jedes Vordringen des Zusammenwirkens staatlicher Institutionen mit Rechtsradikalen an die Öffentlichkeit könnten zur Reformation unserer Geheimdienste und deren künftiger unabhängiger Kontrolle beitragen. Wir bedürfen dringend vertrauenswürdiger Sicherheitsorgane um eine noch stärkere Bräunung unseres Landes zu verhindern. Und wir brauchen Meinungsfreiheit, die es erst mal zuläßt, daß die rechtsradikalen Tendenzen überhaupt angesprochen werden dürfen und nicht von deren Gesinnungsgenossen kontrolliert (zensiert) werden dürfen!
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