Aufklärung der Neonazi-Morde: Zwickauer Terrortrio arbeitete nicht für Verfassungsschutz

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Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik durften Bundestagsabgeordnete ungeschwärzte Akten des Verfassungsschutzes lesen. Dabei kam nun heraus: Die drei NSU-Terroristen waren wohl nicht als V-Leute für den Geheimdienst tätig. Doch es bleiben Fragen.

Untersuchungsausschuss-Vorsitzender Edathy: Ein bisschen Entlastung Zur Großansicht
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Untersuchungsausschuss-Vorsitzender Edathy: Ein bisschen Entlastung

Berlin - Es war eine ungewöhnliche Aktion: Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik durften Bundestagsabgeordnete ungeschwärzte Akten des Verfassungsschutzes einsehen - inklusive der Klarnamen sogenannter V-Leute. In der Berliner Außenstelle des Inlandsgeheimdienstes wälzten die Obleute des Untersuchungsausschusses insgesamt 45 Aktenordner zur rechtsextremen Organisation Thüringer Heimatschutz und zur "Operation Rennsteig", mit der die Dienste zwischen 1996 und 2003 Vertrauenspersonen in der rechten Szene angesprochen und angeworben hatten.

Vor allem eine heikle Frage interessierte die Abgeordneten: Wie nah war der Verfassungsschutz am rechtsterroristischen Trio des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU), das jahrelang unerkannt Morde in der gesamten Republik verübte?

Wenigstens die schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten sich nicht. Zwar hätten sich die Namen der drei Mitglieder der Zwickauer Neonazi-Zelle, Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, in den Akten gefunden, etwa auf Teilnahmelisten von rechtsextremen Veranstaltungen. Klar sei nun jedoch, dass sie nicht als V-Leute für den Verfassungsschutz gearbeitet hätten. Zu den zur Einsicht bereit gestellten Akten zählten auch acht Akten zu V-Leuten rund um die "Operation Rennsteig. "Keiner der acht geführten V-Leute ist einer der Beschuldigten", sagte der Ausschussvorsitzende Sebastian Edathy (SPD) nach der ersten Lektüre.

"Vollständige Entwarnung kann ich noch nicht geben"

Mit der Transparenzoffensive versucht der Verfassungsschutz seinem dramatischen Ansehensverlust zumindest teilweise entgegenzuwirken. Seit kürzlich bekannt wurde, dass kurz nachdem das NSU-Trio im November 2011 aufflog, ein Teil der Akten der "Operation Rennsteig" vernichtet wurde, ist die Behörde in Erklärungsnot. Die Aktion Reißwolf hatte parteiübergreifend für Entsetzen gesorgt. Zu Wochenbeginn war Verfassungsschutzpräsident Heinz Fromm über die Affäre gestolpert.

Die Parlamentarier sahen am Mittwoch auch Teile der vernichteten Akten ein, die aus anderen Quellen weitgehend rekonstruiert werden konnten. Die Obleute des Untersuchungsausschusses gaben sich nach der Einsicht erleichtert. Dass nun klar sei, dass der Verfassungsschutz das Trio um Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt nicht als V-Leute geführt habe, sei eine gute Nachricht, die das Vertrauen wiederherstelle, sagte Unionsobmann Clemens Binninger. "Es war ein wichtiger Beitrag, um Verschwörungstheorien den Boden zu entziehen", sagte auch SPD-Obfrau Eva Högl.

Doch offene Fragen bleiben. "Vollständige Entwarnung kann ich noch nicht geben", sagte der Grünen-Obmann Wolfgang Wieland. Zu klären sei etwa, ob der Verfassungsschutz möglicherweise Quellen im Umfeld der NSU geführt habe, die nie in Akten dokumentiert worden seien.

Referatsleiter tritt vor Untersuchungsausschuss auf

Hintergrund der Sorge ist auch ein SPIEGEL-Bericht. Demnach geht aus einer internen Untersuchung, die der Verfassungsschutz wohl Ende 2011 erstellte, hervor, dass die Werbungsdatei "nicht alle tatsächlich durchgeführten Werbungsfälle" enthielt. "Einige Fälle", so heißt es in dem Untersuchungsbericht, seien schlicht "nicht in die Datei eingetragen worden", während andere "aus operativen Gründen" herausgehalten worden seien.

Der FDP-Obmann Hartfrid Wolff sagte, er habe nach der eintägigen Akteneinsicht "noch kein vernünftiges Gesamtbild". Für eine "vertiefte Beschäftigung" mit dem Material in den rund 45 Aktenordnern habe die Zeit gefehlt. Die Mitglieder des Ausschusses wollten deshalb erneut Einsicht nehmen.

Ob die Parlamentarier wirklich noch mehrere Male in die ungeschwärzten Akten schauen dürfen, war am Mittwoch unklar. Aus dem Innenministerium hieß es, bei der Transparenzaktion habe es sich um einen einmaligen Vorgang gehandelt, um die Verschwörungstheorie, der Verfassungsschutz habe möglicherweise doch die Mitglieder der NSU als V-Leute geführt, auszuräumen.

Unklar bleibt zudem, was den Referatsleiter "Forschung und Werbung" am 11. November 2011 dazu veranlasste, die Schredder-Aktion anzuordnen. Erklärungen erhoffen sich die Parlamentarier von seinem Auftritt am Donnerstag vor dem Untersuchungsausschuss. Ab neun Uhr morgens soll der Mann, der in der Kölner Behörde inzwischen versetzt wurde, als Zeuge zur Aktenvernichtung vernommen werden - höchst vertraulich. Über einen verdeckten Zugang werde er an der Öffentlichkeit vorbei in einen geheimen Saal des Bundestags geführt, heißt es.

Mit Material von dpa und AFP

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1. Vor Strafverfolgung abgeschirmt
Dumpfmuff3000 04.07.2012
Zitat von sysopErstmals in der Geschichte der Bundesrepublik durften Bundestagsabgeordnete ungeschwärzte Akten des Verfassungsschutzes lesen. Dabei kam nun heraus: Die drei NSU-Terroristen waren wohl nicht als V-Leute für den Geheimdienst tätig. Doch es bleiben Fragen. NSU: Zwickauer Terrorzelle arbeitete nicht für Verfassungsschutz - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,842645,00.html)
Das ist ja total großzügig, wenn Parlamentarier das erste mal ungeschwärzte Akten lesen dürfen. Das spricht wirklich für unsere Demokratie. Als wenn der VS irgendwelche Akten rausgeben würde, die eigene Mitarbeiter belasten. Nachdem bereits mehrfach bei VS und BKA Akten vernichtet wurden. Natürlich nur aus Datenschutzgründen: Weil ja Behörden wie VS und BKA berühmt dafür sind, Datenschutz und Bürgerrechte zu achten. Ich meine, man muß doch echt ein bißchen debil sein, um nicht aus dem, was über die Sache mittlerweile alleine über die MAssenmedien bekannt wurde, erkennen zu können, daß der VS diese Leute ganz offensichtlich seit spätestens 1998 vor Strafverfolgung abgeschirmt hat.
2. Das ist doch alles Humbug
peat53 04.07.2012
Wer hat denn dann in letzter Sekunde die Verhaftung abgeblasen, als die GSG 9 schon das Haus umstellt hatte ? Wer hat ihnen denn neue Pässe und Papiere besorgt ? Die müssen doch massiv von den Behörden unterstützt worden sein vonwg. lückenloser Aufklärung wie uns versprochen wurde ist bis heute nichts zu hören. Die Geschichte stinkt doch gewaltig zum Himmel, schon alleine wg. dem Umstand des scheinbaren Selbstmords der beiden Täter, wieso sollen sich Bankräuber die genug Kies hatten umbringen ? Das ist ein einziger Sumpf in Thüringen.
3. Was ist schon Wahrheit?
hubertrudnick1 04.07.2012
Zitat von sysopErstmals in der Geschichte der Bundesrepublik durften Bundestagsabgeordnete ungeschwärzte Akten des Verfassungsschutzes lesen. Dabei kam nun heraus: Die drei NSU-Terroristen waren wohl nicht als V-Leute für den Geheimdienst tätig. Doch es bleiben Fragen. NSU: Zwickauer Terrorzelle arbeitete nicht für Verfassungsschutz - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,842645,00.html)
Ich habe in mir ein komisches Gefühl, warum kann ich diese Erkenntnisse nicht mehr so richtig wahr nehmen und warum ist in mir noch dazu so ein Misstrauen gegenüber solchen Aussagen? HR
4. Verfassungsschutz
spon-facebook-10000214971 04.07.2012
Was im Zusammenhang mit der NSU und anderer rechtsgerichteter Vereinigungen mit Hilfe!!!!!! des Verfassungsschutzes abgegangen ist, ist nicht mit Panne oder anderen schönen Worten zju umschreiben. Hier handelt es sich offenbar um einen derartig tiefen Sumpf, in dem sich Verfassungsschützer- ha-ha-ha. suhlen. Das erinnert mehr als stark an alte Stasi- Seilschaften. Es gilt doch auch hier zu prüfen, inwieweit ehemalige Mitarbeiter der "Firma" Unterschlupf im Verfassungsschutz gefunden haben, denn die vielen -Millionen- Stasi- Mitarbeiter können ja nicht alle verschwunden sein. Man weiß ja inzwischen, wie sowas geht- Polizei Brandenburg läßt grüßen, wenn man den Berichten folgt. Ich bin entsetzt, daß Steuergelder für derartig unkontrollierbare Vereinigungen, von Behörde will ich nicht reden, verschwendet werden, damit einige wenige James Bond spielen können. Wenn man denen zu nahe kommt, werden halt Akten geschreddert. Hatten natürlich nichts mit der Sache zu tun. Das ich nicht laut lache. Hatten wir sowas in der Stasi- Zentrale nicht schon einmal? Man sollte sich erinnern. Hier scheint sich etwas unkontrollierbar verselbständigt zu haben. Diesem munteren Treiben- Finanzierung krimineller Handlungen durch sog. V- Leute muß schnellstens Einhalt geboten werden. Es eilt!!!!!!!!!!!!!!!
5.
Fistload 04.07.2012
Halten wir fest: Der Untersuchungsausschuss (Mitgliederanzahl leider unbekannt) bekommen wahrscheinlich einige Stunden um 45 Aktenordner zu wälzen. Ein Aktenordner fasst ca. 500 Seiten. Macht insgesamt vermutlich ungefähr 22.500 Seiten. Eine Sitzung für einen derartigen Papierberg ist ja wohl ein schlechter Witz. Dazu kommt noch folgende Frage: Wer garantiert dafür, dass diese Akten nicht vor der Veröffentlichung manipuliert wurden? Etwa die selben, die hier versuchen, sich von Schuld reinzuwaschen? Was eine Farce.
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Neonazi-Mordserie
9. September 2000 - Enver S.
Das erste Opfer war der Blumenhändler Enver S., 38, aus dem hessischen Schlüchtern. Er stand mit seinem Verkaufswagen am Vormittag des 9. September 2000 an einer Ausfallstraße in Nürnberg-Langwasser. S. vertrat einen Kollegen, der an diesem Tag Urlaub genommen hatte. Am Nachmittag fand man S. im Transporter, von Kugeln durchsiebt.
13. Juni 2001 - Abdurrahim Ö.
Neun Monate später starb Abdurrahim Ö. Der geschiedene 49-Jährige, der in Nürnberg-Steinbühl wohnte, war Schneider, seit vielen Jahren in Deutschland. Tagsüber stand er bei Siemens am Band, abends besserte er für ein paar Euro Kleider aus. Am Nachmittag des 13. Juni 2001 hörten Nachbarn einen Streit, angeblich waren zwei osteuropäisch wirkende Männer bei Ö. Wenig später lag dieser tot auf dem fleckigen PVC-Boden hinter dem Schaufenster, mit zwei Kugeln im Kopf.
27. Juni 2001 - Süleyman T.
Süleyman T., 31, wurde nur wenige Tage später, am 27. Juni 2001, von seinem Vater gefunden. Der Obst- und Gemüsehändler arbeitete im eigenen Laden in Hamburg-Bahrenfeld. Kurz hintereinander hatte man ihm mit zwei Waffen - eine war die Ceska - dreimal in den Kopf geschossen.
29. August 2001 - Habil K.
Am 29. August 2001 starb Habil K. durch zwei Kopfschüsse in seinem Gemüsegeschäft in München-Ramersdorf. Passanten glauben, sie hätten einen ausländisch aussehenden Mann mit Schnurrbart weglaufen und in ein dunkles Auto steigen sehen. Er wurde nie gefunden.
25. Februar 2004 - Yunus T.
Am Morgen des 25. Februar 2004 bekam der 25-jährige Yunus T. in einem Rostocker Dönerstand Besuch. Wieder war es ein Kopfschuss, wieder aus der Ceska. Bis heute ist unklar, ob T. verwechselt wurde. Er lebte erst seit ein paar Tagen in Rostock und war an diesem Morgen zufällig als Erster an der Bude.
9. Juni 2005 - Ismail Y.
Am 9. Juni 2005 wurde Ismail Y., 50, mit gezielten Schüssen in seinem Dönerstand an der Scharrerstraße in Nürnberg getötet. Bauarbeiter sahen zwei Männer: Sie stellten ihre Fahrräder direkt vor Y.s Stand ab, gingen hinein, kamen rasch zurück und steckten eilig einen Gegenstand in den Rucksack. Das Duo wurde nie gefunden.
15. Juni 2005 - Theodorus B.
Am 15. Juni 2005 erschoss ein Unbekannter im Münchner Westend den Griechen Theodorus B., 41, der gerade einen Schlüsseldienst eröffnet hatte.
4. April 2006 - Mehmet K.
Mehmet K., 39, hörte am 4. April 2006 wohl noch die Türglocke seines Kiosks an der belebten Dortmunder Mallinckrodtstraße bimmeln, dann fielen die Schüsse.
6. April 2006 - Halit Y.
Bei der vorerst letzten Bluttat in Kassel am 6. April 2006 ging der Killer ein hohes Risiko ein: Er betrat das Internetcafé an der Holländischen Straße, obwohl sich dort mindestens drei Gäste aufhielten. Kurz nach 17 Uhr starb der 21-jährige Halit Y. durch zwei Schüsse aus der Ceska, beide in den Kopf.