Obama in Berlin: Mr. Sunshine

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DPA

Brütende Sommerhitze, freundliche Worte: Bei seinem Deutschland-Besuch hat Barack Obama schöne Bilder für sich selbst und Wahlkämpferin Angela Merkel produziert. Aber was bleibt von dem Spektakel?

Diese Hitze! Niemand stöhnt darüber wohl mehr an diesem Tag als die Menschen auf dem Pariser Platz in Berlin. Einige der geladenen Gäste sind wegen der Temperaturen weit über 30 Grad erst gar nicht gekommen, US-Präsident hin oder her. Ein paar tausend aber harren stundenlang in der prallen Sonne aus, bis Barack Obama endlich spricht. Ihm rinnt hinter dem Panzerglas auf der Bühne der Schweiß über die Stirn, also zieht er sein Jackett aus, wirft es hinter sich, krempelt die Hemdsärmel hoch. "Unter Freunden können wir auch ein bisschen lockerer sein", ruft der Präsident.

Sicher, der Verzicht auf die protokollarisch korrekte Kleiderordnung ist in erster Linie dem Backofenklima am Mittwochnachmittag geschuldet. Aber es ist in diesem Moment auch eine symbolische Geste. Man kennt sich, man mag sich, und eigentlich brauchen wir keine feinen Klamotten, wenn wir uns treffen. Das Gerede vom abgekühlten transatlantischen Verhältnis - alles Unsinn, das ist die Botschaft des Tages.

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US-Präsident in Berlin: Obama winkt, Obama spricht, Obama schwitzt
Barack Obama geht bei seinem ersten offiziellen Besuch als Präsident in der deutschen Hauptstadt in die Charmeoffensive. Der amerikanische Gast weiß: Die Erwartungen in Deutschland waren riesig, als er vor viereinhalb Jahren ins Weiße Haus gewählt wurde. Und er weiß, dass er so manche Hoffnung enttäuscht hat. Er ist eben nicht der Heilsbringer, der der ganzen Welt Frieden gebracht hat. Das Gefangenenlager auf Guantanamo ist noch immer nicht geschlossen. Und zuletzt haben die Nachrichten über das Ausspähprogramm Prism den Glauben an Obama erschüttert. Jetzt will der Präsident etwas gutmachen - in seinen Gesten, in seinen Worten.

Seine Rede ist von reichlich Pathos getragen. Freiheit, Sicherheit, Solidarität - immer wieder kommt Obama auf die Werte zu sprechen, die aus seiner Sicht die transatlantische Partnerschaft so festigen. "Unsere Allianz ist das Fundament der globalen Sicherheit." Obama streift so viele Themen, dass man sich am Ende fragt, was er eigentlich nicht angesprochen hat. Er fordert neue Anstrengungen im Klimawandel, verteidigt sein Drohnenprogramm und verspricht, Guantanamo irgendwann doch noch zuzumachen. Er lobt die Erfolge im Kampf gegen den Terrorismus, fordert gleiche Chancen für seine "schwulen und lesbischen Freunde".

Vorstoß zur atomaren Abrüstung

Wirklich konkret wird er nur bei seiner Initiative zur atomaren Abrüstung. Das passt zum historischen Ort, schließlich verlief hier einst noch die Frontlinie des Kalten Krieges. Zugleich ist es eine wohlklingende Ankündigung, die einen schulterzuckend zurücklässt. Denn von den Atomwaffen Russlands und der USA geht heute wahrlich nicht die größte Gefahr aus. Und womöglich verpufft der Vorstoß ohne Wirkung - die Russen jedenfalls winken schon mal ab. Obama wird es in diesem Moment egal sein. Er hat einen Punkt gesetzt - davon abgesehen geht es an diesem Tag vor allem um die Atmosphäre.

Am Morgen beim ersten offiziellen Termin im Schloss Bellevue legt er kumpelhaft den Arm um die Schultern von Bundespräsident Joachim Gauck. Die Schüler des John.-F.-Kennedy-Gymnasiums sind begeistert vom US-Präsidenten, als der zu ihnen zum Smalltalk kommt. "Hey guys", grüßt er sie, "how are you" und "good to see you". "Einfach Wahnsinn", findet es der zwölfjährige Sean, sein gleichaltriger Freund Harun hört gar nicht mehr auf zu strahlen. Auch im Gauck-Lager ist man nach dem Treffen angetan. Sehr offen sei das Gespräch gewesen, engagiert habe er das Prism-Programm erläutert, Bedenken nicht einfach beiseite gewischt.

So ist es später auch bei der Kanzlerin. Als Obama gemeinsam mit Angela Merkel am Mittag vor die Journalisten tritt, hört er fast nicht mehr auf zu reden. Minutenlang referiert er, warum sich die Menschen keine Sorgen machen müssten, dass ihre E-Mails anlasslos durchwühlt würden. Er verteidigt, er beschwichtigt, nickt aber auch artig, wenn Merkel neben ihm "Verhältnismäßigkeit und Balance" anmahnt.

Erschöpfung am Abend

Die CDU-Chefin wirkt da noch etwas angespannt, vielleicht sind auch die Themen zu ernst: Afghanistan, Syrien, Drohnenkrieg. Dennoch gibt es kleine Demonstrationen der Vertrautheit: Man duzt sich. Die zweifellos vorhandenen Dissonanzen sollen die Harmonie nicht nachhaltig stören. Anschließend, beim gemeinsamen Mittagessen unter vier Augen in der Regierungszentrale, hellt sich die Stimmung weiter auf. Zum großen Auftritt am Brandenburger Tor strahlt Merkel mehr Lockerheit aus. "Ich heiße dich willkommen bei Freunden", sagt sie und lächelt. Selbst Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die Obama in den vergangenen Tagen wegen Prism recht hart angegangen hatte, schwenkt da ein US-Fähnchen.

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Obama in Berlin: 28-Minuten-Rede am Brandenburger Tor
In der Regierung weiß man: Die schönen Bilder mit dem US-Präsidenten machen sich gut im Wahlkampf der Kanzlerin. Dass der sich auch noch Zeit für ihren Herausforderer nimmt, kann sie verschmerzen. Immerhin 40 Minuten spricht Obama mit Peer Steinbrück in der Repräsentanz einer Bank am Rande des Pariser Platzes. Auch hier sei es locker zugegangen, verbreitet das Umfeld des SPD-Kanzlerkandidaten im Anschluss zufrieden. Obama sei bestens vorbereitet gewesen.

Steinbrück ist auch am Abend dabei, als zumindest der Rahmen noch einmal formaler wird. Vor dem Schloss Charlottenburg ist der rote Teppich ausgerollt, drinnen gibt die Kanzlerin ein Bankett zu Ehren des Präsidenten. Mehr als 200 geladene Gäste kommen, die Cellisten der Berliner Philharmoniker spielen auf, Sternekoch Tim Raue kredenzt Beelitzer Spargel, Königsberger Klopse, Rote-Beete-Apfelsalat, Kabeljau mit Schmorgurken und Bienenstich zum Dessert.

Während Merkel ihre Tischrede hält, tupft sich Obama schon wieder den Schweiß von der Stirn. Bei der Begrüßung vor der Tür hat er der Kanzlerin erzählt, dass er während des Tages sein Hemd wechseln musste. Nun bedankt er sich für den "warmen Empfang - im übertragenen und auch im buchstäblichen Sinn". Ihm ist die Erleichterung anzusehen, wie gut der Tag gelaufen ist, genauso aber die Erschöpfung des straffen 25-Stunden-Programms. Jetzt ist es gut: Auf dem Flughafen Tegel wartet die Air Force One, um die Präsidentenfamilie nach dem Dinner wieder Richtung Heimat zu bringen - in der wohltemperierten Suite.

Obamas Rede vor dem Brandenburger Tor als Word Cloud:

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Zum Vergleich: Obamas Berliner Rede von 2008 als Word Cloud:
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insgesamt 145 Beiträge
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1. Die SPD und die Ironie.....
dongerdo 19.06.2013
Oh mei - bin ich der einzige der bei dem Satz ---Zitat--- Immerhin 40 Minuten spricht Obama mit Peer Steinbrück *in der Repräsentanz einer Bank* am Rande des Pariser Platzes ---Zitatende--- mit einem seufzenden "Och Peer...." langsam den Kopf schüttelt?
2. Wenn Mr. Sunshine derart...
ich_bin_der_martin 19.06.2013
glänzt... wie bitteschön ist dann der Glanz eines Loosers?
3. Schwätzer
penthalon 19.06.2013
Für mich ist Obama ein Schwätzer, ein Blender. Er hat in seiner Rede mit viel Pathos über Freiheit, Sicherheit, Solidarität geschwafelt, wie er es immer tut, und viele glauben er sei ein guter Redner, aber er ist nur ein guter Schwätzer mit Terror-phobie. Obama streift so viele Themen, dass man sich am Ende fragt, was er eigentlich nicht angesprochen hat. Viele, auch ich setzten beim Amtsantritt viel zu viel Hoffnung auf ihn. Herausgekommen ist für mich: Obama ist bisher der beste Schwätzer als Präsident und wenn er so weiter macht wird er der zweit schlechteste Präsident aller Zeiten nach George W. Bush. Nach den Reden müssten auch Taten folgen.
4. Yes, we Scan
Philsten 19.06.2013
2008 hab ich Obama live als Student vor der Siegessäule gesehen und war voller Enthusiasmus. Leider hat er nur wenige Versprechen eingehalten (Finazmärkte regulieren, Guantanamo etc.) ...und nun auch noch dieser fade Beigeschmack: YES, WE SCAN!
5. An Hitze gewöhnt
dunnhaupt 19.06.2013
Familie Obamas nächstes Reiseziel in der kommenden Woche ist Senegal.
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