Obamas Großonkel in Buchenwald "Wie können Menschen in so eine Tiefe fallen?"

Erinnerung an das Grauen: Genau 65 Jahre ist es her, dass US-Soldaten das Konzentrationslager Buchenwald befreiten. Noch einmal haben sich überlebende Befreite und Befreier nun dorthin aufgemacht - unter den GIs von damals: der sichtlich bewegte Großonkel von US-Präsident Obama.

AP

Weimar - Die schrecklichen Erinnerungen und Alpträume an ihre Haft im Konzentrationslager Buchenwald sind sie in 65 Jahren nicht losgeworden. Trotzdem haben sich 87 hochbetagte Überlebende aus den USA, Israel, Australien, Ost- und Westeuropa noch einmal auf die beschwerliche Reise nach Weimar aufgemacht. Sie wollten ihrer Befreiung am 11. April 1945 gedenken - und der 56.000 Toten des Konzentrationslagers. Auch die Befreier von damals waren gekommen: 13 ehemalige Soldaten der 3. US-Armee, die im April 1945 als junge Männer in Buchenwald oder einem der Außenlager eingerückt waren.

Unter ihnen war auch der 85 Jahre alte Charles Thomas Payne, Großonkel von US-Präsident Barack Obama. "Wie können Menschen in so eine Tiefe fallen und anderen Menschen das antun?", sei sein erster, alles beherrschender Gedanke gewesen, als er mit seiner Einheit auf das Außenlager Ohrdruf im Thüringer Wald gestoßen sei. Obama, der die Gedenkstätte 2009 besuchte, hatte als Kind von seinem Großonkel von den Gräueltaten erfahren.

Er habe viele grauenvolle Dinge im Krieg gesehen, aber Ohrdruf sei bei weitem das Schlimmste gewesen, erzählt Payne bewegt. "Ausgehungerte Leichen in zerfetzter Kleidung, die die Deutschen mit Maschinengewehren erschossen hatten. Die Häftlinge hatten noch ihre Blechtassen in der Hand." Es ist das erste Mal, dass Payne wieder in diese Gegend kommt, wohin es ihn als 20-Jährigen in den letzten Kriegstagen verschlagen hatte. "Ich habe all die Jahre darüber nachgedacht."

Auch Rabbi David Kane aus den USA durchquert mit seinem jüngsten Sohn und seiner Frau an diesem kalten und regnerischen Sonntag das mit roten Nelken und weißen Rosen geschmückte eiserne Lagertor mit der zynischen Inschrift "Jedem das Seine". Kane wird im Sommer 80 Jahre alt und sitzt im Rollstuhl. "In meinem Kopf bin ich noch Achtzehneinhalb, aber meine Füße stimmen damit nicht überein", meint er mit Schalk.

Er ist einer der Jüngsten der Zeitzeugen, die wegen ihrer politischen Überzeugung, Herkunft, Religion oder sexuellen Orientierung die Hölle von Buchenwald durchlaufen mussten. Der älteste Buchenwalder bei der Gedenkfeier ist 104 Jahre alt - Leopold Engleitner aus Österreich. Die Angst, die Vergangenheit könnte in Vergessenheit geraten, hat sie alle noch mal nach Buchenwald geführt. Es ist wohl die letzte große Gedenkveranstaltung mit Zeitzeugen, meint Gedenkstättenleiter Volkhard Knigge. Viktor Karpus aus Ukraine ist in Häftlingskleidung mit der Nummer 31572 gekommen.

"Von 200 Menschen in unserer Familie haben nur zwei überlebt"

Auch an Kane, 1930 in Polen geboren, ziehen noch einmal die Erinnerungen vorbei: 14 Jahre ist er alt, als er im Sommer 1944 mit seinem Vater zu Fuß Hunderte Kilometer aus einem polnischen Lager nach Buchenwald marschiert, streng bewacht von der SS, die jeden erschießt, der fällt und nicht mehr aufsteht. "Vater hatte mit einem Strick unsere Handgelenke zusammengebunden, damit ich nicht falle."

Er überlebt Hunger, Kälte, Zwangsarbeit und Schikanen der SS mit dem Vater - und wird mit 21.000 anderen Häftlingen von den US-Soldaten befreit, als einer von 904 Kindern und Jugendlichen. "Von den 200 Menschen in unserer Familie haben nur wir zwei überlebt."

Für den Rabbi ist die Verantwortung der Überlebenden für die Zukunft die Motivation, noch einmal an den Ort zurückzukehren, wo er so viel gelitten hat. "Ich wollte nach dem 11. April 1945 leben und vergessen, aber man kann nicht vergessen. In Gedanken bin ich immer hier und in den anderen Lagern." Gott habe sie überleben lassen.

Aber wenn er und die anderen nicht mehr sind, "gibt es nur noch Bücher und Filme. Und ich will beweisen, ein lebendiger Mensch ist noch da und spricht". 65 Jahre nach Befreiung und Kriegsende gebe es wieder Stimmen, den Holocaust und die Ermordung von sechs Millionen Juden, darunter 1,5 Millionen Kindern, habe es nicht gegeben. Sein 45 Jahre alter Sohn solle dies hier sehen und weitergeben. Kane denkt dabei auch an seine Urenkelin. Sie ist einen Monat alt.

Antje Lauschner, dpa



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
freeword 11.04.2010
1. 65 Jahre nach Buchenwald
65 Jahre nach Buchenwald: GUANTANAMO! Die Vorstufe zur Hölle! Folter, Gehirnwäsche...usw. usw. Wie konnten die Befreier von Buchenwald "in so eine Tiefe fallen?"
albert schulz 11.04.2010
2. Unerledigt
Etwa elf Jahre war ich alt, als ich von dieser Vernichtungsaktion erfuhr, und es hat mich gewaltig verstört, trotz der Erklärungsversuche von Golo Mann. Hernach habe ich mich sehr intensiv um Geschichte und Macht gekümmert und gelesen, und hatte noch den Vorteil, eine Reihe von Zeitzeugen befragen zu können. Bis heute habe ich keinen Zugang zu diesem, keine Erklärung für dieses grauenvolle und sinnlose Gemetzel. Ich bin mir sicher, daß uns diese Vorgänge wenigstens noch hundert Jahre begleiten werden, und zwar innerlich. In der Geschichte gab es immer schon Grausamkeiten, aber diese planmäßige und perfekt organisierte Vernichtung eines Volkes dürfte absolut einmalig sein in seiner absoluten Sinnlosigkeit. Der größte Teil auch noch absolut arme Leute, bei denen so gar nichts zu holen war, die nicht den geringsten Einfluß hatten, an keiner Stelle Feinde, sie sprachen jiddisch, und das ist im Wesentlichen deutsch. Sie wurden aus reinem Haß hingeschlachtet, weil man Menschen brauchte, die man von Herzen verachten konnte. Man könnte am „christlichen“ Abendland verzweifeln, und auch am aufgeklärten. Alle Werte und Verhältnismäßigkeiten wurden auf den Kopf gestellt. „Wehret den Anfängen.“ Guantanamo ist ein Furz im Vergleich dazu.
Bongard, 11.04.2010
3. Buchenwald
Mein Großvater, an dessen Schreibtisch ich jetzt sitze, wurde im Jahr 1947 in Buchenwald getötet. Die Geschichte ging also weiter!
viceman 11.04.2010
4. nochmals, das kz buchenwald
Zitat von sysopErinnerung an das Grauen: Genau 65 Jahre ist es her, dass US-Soldaten das Konzentrationslager Buchenwald befreiten. Noch einmal haben sich überlebende Befreite und Befreier nun dorthin aufgemacht - unter den GIs von damals: der sichtlich bewegte Großonkel von US-Präsident Obama. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,688363,00.html
(weimar-ettersberg ) hat sich 1945 selbst befreit. das lagerkomitee hat den amerikanern das befreite kz förmlich übergeben!und natürlich waren es v.a. kommunisten, sozialdemokraten, politsche + jüdische häftlinge, die am aktivsten im widerstand waren. auch das spätere "nutzung" als gefängnis durch die befreier, relativiert in keiner weise die unmenschliche dimension des deutschen, faschistischen terror-und morgregimes!
nurEinGast 11.04.2010
5. 1
Ich erinnere mich noch heute, wie meine stramm-sozialistische Deutschlehrerin (i.d. DDR) inkl. meiner gesamten Klasse einen Ausflug nach Buchenwald machte. Für einen 14, 15 jährigen sind die Schrumpfköpfe, das Krematorium, die Erschiessungsstelle und die Schilderungen des Überlebenden schon echt heftig. Für mich und jeden aus meiner Klasse waren sie das jedenfalls. btw: russische Bücher hatten wir in "deutsch", eher weniger. Meine Lehrer kompensierten dass mit so blutrünstigem Stoff wie dem ollen "Werner Holt", Brecht, Heine u.ä. Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen.
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