OECD-Lob für Deutschland: Kinder von Einwanderern haben gute Jobchancen

Migrantenkinder in Deutschland haben oft niedrige Schulabschlüsse - trotzdem ist ihre Jobsituation besser als in vielen anderen Ländern. Das ist das Ergebnis einer Integrationsstudie der OECD. Große Defizite bescheinigt der Bericht Deutschland aber auf anderen Feldern.

OECD-Integrationsvergleich: Lob und Schelte für Deutschland Fotos
DPA

Berlin - Der Bericht verteilt Lob und beklagt zugleich Versäumnisse in der deutschen Integrationspolitik: Erstmals hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) den Stand der Integration in den 30 wichtigsten Industrieländern verglichen - in zentralen Feldern wie Bildung, Arbeitsmarkt, Gesundheit, Wohnungsmarkt, Einkommen, Diskriminierung. Es gibt vielschichtige Ergebnisse, die mehr oder weniger für alle Länder gelten: Einwanderer haben viel häufiger befristete Jobs oder sind häufiger überqualifiziert für ihre Arbeit.

Ein grundsätzliches Fazit ziehen die OECD-Forscher: In vielen Bereichen gelingt es den Mitgliedsländern besser als noch vor zehn Jahren, Zuwanderer zu integrieren - in fast allen OECD-Ländern ist zum Beispiel in den vergangenen zehn Jahren die Arbeitslosigkeit unter Migranten gesunken. In Deutschland ist diese Entwicklung besonders deutlich: Im Jahr 2000 waren nur 57 Prozent der Zuwanderer erwerbstätig, 2010 sind es 64 Prozent. (EU-Durchschnitt 65 Prozent).

Insgesamt erreicht Deutschland nach dem Bericht sehr unterschiedliche Ränge. Ein besonders positives Ergebnis:

  • Die Arbeitsmarktsituation von Einwandererkindern ist hierzulande verhältnismäßig gut - auch wenn sie häufiger schlechtere Bildungsabschlüsse haben als in den meisten anderen Ländern. So waren in Deutschland im Jahr 2008 nur 13 Prozent der Kinder von Einwanderern zwischen 15- und 34 Jahren arbeitslos oder ohne Ausbildung - im OECD-Schnitt beträgt die Zahl mehr als 16 Prozent. Am niedrigsten sind in diesem Bereich die Zahlen in Kanada, Dänemark, Luxemburg, Slowenien und der Schweiz. Am meisten Einwandererkinder waren 2008 in Spanien ohne Job oder Ausbildung (41 Prozent).

Als Grund dafür, dass Einwandererkinder in Deutschland einfacher einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz finden als in vielen anderen Industrieländern, nennen die Forscher auch das duale Ausbildungssystem. Außerdem würden niedrigqualifizierte Migranten bei vielen Chefs als Arbeitnehmer gelten, die bereit seien, viel zu arbeiten, erklärt OECD- Integrationsexperte Thomas Liebig. Migranten mit geringen Qualifikationen seien in Deutschland sogar besser in den Arbeitsmarkt integriert als die vergleichbare Gruppe in der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Die Kehrseite dieser Einschätzung sei allerdings: Migranten mit hoher Qualifikation würden bei Einstellungen kaum als hochqualifiziert wahrgenommen.

  • Und Hochqualifizierte strömen immer mehr nach Deutschland. Zwölf Prozent mehr Neuzuwanderer als noch vor zehn Jahren haben einen Hochschulabschluss - im OECD-Schnitt ist die Zahl hingegen nur um fünf Prozent gestiegen. Einen ähnlichen Zustrom von hochqualifizierten Neuzuwanderern konnten noch Australien, Dänemark und Luxemburg und Großbritannien verzeichnen.

Immer noch aber sind es zu wenige Einwanderer mit Uni-Abschluss, die in Deutschland ihr Glück suchen, um etwas an der Gesamtsituation zu ändern: Der Anteil der gering qualifizierten Migranten ist hier besonders hoch. "38 Prozent aller im Ausland geborenen und in Deutschland lebenden Menschen zwischen 15 und 64 Jahren haben maximal den Pflichtschulabschluss", heißt es in dem Bericht. Im Durchschnitt der OECD-Länder beträgt die Zahl 30 Prozent.

Die Söhne sind gebildeter als die Väter

Allerdings gibt es auch hier Ermutigendes: Vor allem die männlichen Nachkommen von Zuwanderern erzielen im Bereich Bildung gegenüber ihren Vätern Fortschritte, heißt es in dem Bericht. Die Bildungsabschlüsse, die Einwandererkindern erlangen, seien besser, als es die Pisa-Studie bei unter 15-Jährigen vermuten ließe. Offizielle Zahlen hätten in den vergangenen Jahren die Lage düsterer erscheinen lassen, als sie ist, so Thomas Liebig. "Die Statistiken basieren meist auf der Nationalität der Befragten, deshalb sieht man häufig kaum Fortschritte." Bei den Deutsch-Türken etwa hätten allerdings besonders von den gut integrierten inzwischen viele die deutsche Staatsbürgerschaft. Auch Regierungsstudien hatten zuletzt eine Aufholjagd der Einwandererkinder konstatiert. Im letzten Ausländerbericht der Bundesregierung heißt es: "Schrittweise nähern sich die schulischen Leistungen von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund jenen ohne Migrationshintergrund an", heißt es in dem Bericht.

  • Nach dem OECD-Bericht ist Deutschland jedoch unter den Schlusslichtern bei der Integration auf dem Arbeitsmarkt in einem Feld, das nach Expertenmeinung viel über die Sicht auf Zuwanderer und den allgemeinen Stand der Integration sagt: Im Öffentlichen Dienst sind in Deutschland geborene Einwandererkinder selten beschäftigt. Von den 15 bis 34-Jährigen arbeiten die Nachkommen von Migranten nur halb so häufig in der öffentlichen Verwaltung, im Bildungsbereich, im Gesundheitssektor oder bei Sozialdienstleistern als Kinder von in Deutschland geborenen Eltern - nämlich nur 13,4 Prozent. In Großbritannien, Frankreich und Norwegen liegt diese Quote bei mehr als 20 Prozent. Schlechter als Deutschland schneiden hier noch Australien, Estland und Spanien ab. "In Deutschland wurde der Öffentlichen Dienst lange nicht als Motor der Integration gesehen", so OECD-Experte Leibig. "In der Nationalmannschaft zu spielen wie Mesut Özil ist für viele Kinder aus Zuwandererfamilien nicht möglich, aber Lehrer zu werden, sollte möglich sein. In diesem Bereich wird Integration messbar."

anr

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insgesamt 12 Beiträge
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1. Paradies
APPEASEMENT 03.12.2012
Zitat von sysopMigrantenkinder in Deutschland haben oft niedrige Schulabschlüsse - trotzdem ist ihre Jobsituation besser als in vielen anderen Ländern. Das ist das Ergebnis einer Integrations-Studie der OECD. Große Defizite bescheinigt der Bericht Deutschland aber auf anderen Feldern. OECD-Studie: Einwandererkinder finden in Deutschland leichter Jobs - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/oecd-studie-einwandererkinder-finden-in-deutschland-leichter-jobs-a-870572.html)
Deutschland ist ein Paradies für Einwanderer! Warum stellen bevorzugt hier einen Asylantrag. Deutschland hat auch die Ressourcen um viele Menschen aus den dritte Welt Ländern aufzunehmen. Man kann nicht einfach die Schotten dicht machen und die Leute in Arabien ihrem Schicksal überlassen. Wer sich anstrengt kommt auch zu etwas. Ich hoffe die Botschaft wird auch in den Hauptschulen einmal verbreite und nicht immer nur Fatalismus.
2. Aw:
Moxie 03.12.2012
Zitat von APPEASEMENTDeutschland ist ein Paradies für Einwanderer! Warum stellen bevorzugt hier einen Asylantrag. Deutschland hat auch die Ressourcen um viele Menschen aus den dritte Welt Ländern aufzunehmen. Man kann nicht einfach die Schotten dicht machen und die Leute in Arabien ihrem Schicksal überlassen. Wer sich anstrengt kommt auch zu etwas. Ich hoffe die Botschaft wird auch in den Hauptschulen einmal verbreite und nicht immer nur Fatalismus.
Sie sollten Ihre Ironie deutlicher als solche kenntlich machen. Sonst nimmt das noch jemand für bare Münze.
3. Das wollen die bestimmt nicht
carolane 03.12.2012
Na, also ich finde das doch äußerst positiv dass Einwanderer nicht unbedingt im öffentlichen Dienst arbeiten wollen. Die sind ja noch nicht so satt und verschlafen und haben noch Energie und den Ehrgeiz etwas zu werden. Ein Maßstab für eine gelungene Migrationspolitik ist die Rate im ÖD für mich nicht, im Gegenteil. Da haben die sich auf oft abenteuerlichen und teils lebensgefährlichen Wegen zu uns durchgeschlagen und dann? In einer Behörde auf dem Amt versauern, mit Dienstplan, automatischer Beförderung und Gefahrenzulage fürs Fenster aufmachen.
4.
Fantail 03.12.2012
Zitat von sysop12 Prozent mehr Neuzuwanderer als noch vor zehn Jahren haben einen Hochschulabschluss
Das klingt nach "vor zehn Jahren wanderten 1000 Leute mit Hochschulabschluss nach D ein, heute sind es hingegen 1120". Das muss man sich einmal vorstellen: nur 1/2 bis 2/3 der Einwanderer sind beschaeftigt? In NZ koennten die Joblosen gleich wieder die Koffer packen, und Unterstuetzung vom Staat gibt es auch nicht. Du meine Guete... was erwarten denn Einwanderer von ihrem Einreiseland? Milch & Honig etwa?
5.
20099 03.12.2012
Besonders besser und lukrativer als in den meisten Herkunftsländern! Insbesonders auch ganz ohne Job! In Anatolien müßte man schon sehr viele Ziegen hüten um 374,-- in bar plus Wohnung, Wasser, Heizung, kostenlose Krankenversicherung und freie Schulausbildung zu erhalten! Der alltägliche Integrationswahnsinn läßt grüßen!
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Die deutschen Zuwanderungsregeln
Die Regelungen für die Zuwanderung von Fachkräften nach Deutschland sind zuletzt am 1. Januar 2009 reformiert worden. Vor allem für Akademiker wurde der Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtert. 2011 will die EU die Hürden mit der Einführung der "Blue Card" weiter senken. Für Nicht- und Geringqualifizierte gilt weiterhin ein Anwerbestopp.
Einkommensschwelle
Keine Probleme haben Forscher und leitende Angestellte, die so viel verdienen, dass sie die Beitragsbemessungsgrenze der allgemeinen Rentenversicherung erreichen. Sie liegt in diesem Jahr bei 66.000 Euro. Diese Hochqualifizierten erhalten sofort eine sogenannte Niederlassungserlaubnis, die ihnen die gleichen Rechte zugesteht wie deutschen Arbeitnehmern. Auch ihre Familienangehörigen dürfen arbeiten.
Vorrangsprinzip
Fachkräfte mit weniger lukrativen Stellen müssen sich weiterhin dem "Vorrangsprinzip" unterwerfen. Sie bekommen den Job nur, wenn die Bundesarbeitsagentur feststellt, dass es keinen deutschen Bewerber dafür gibt. Ihr Aufenthalt wird befristet. Erst nach drei bis fünf Jahren können sie mit einer Niederlassungserlaubnis rechnen.
Selbständige
Selbständige können ohne Probleme zuwandern, wenn sie mindestens 250.000 Euro investieren und fünf Arbeitsplätze schaffen. Wer dies nicht leisten kann, muss darauf setzen, dass seinem Projekt ein "übergeordnetes wirtschaftliches Interesse" attestiert wird.
Studenten
Ausländische Studenten dürfen 90 ganze oder 180 halbe Tage arbeiten. Nach ihrem Studium können sie ihre Aufenthaltserlaubnis um ein Jahr verlängern, um einen qualifizierten Arbeitsplatz zu finden.
Blue Card
Mit der europäischen "Blue Card" werden ab 2011 die Anforderungen nochmals gesenkt. Fachkräfte aus Drittstaaten müssen einen mindestens ein Jahr geltenden Arbeitsvertrag vorlegen. Darin sollte ein Bruttogehalt vorsehen sein, das 1,5 mal höher liegt als das Durchschnittseinkommen des Mitgliedstaates. In Deutschland wären das nach aktuellem Stand 42.000 Euro.