Emissionshandel: Rettet die Welt mit Verschmutzungsrechten!

Von Alexander Neubacher

Wer das Klima verbessern will und deshalb Ökostrom-Kunde wird, hat keine Ahnung vom Energiemarkt-Dschungel. Denn dadurch pusten die Kraftwerke kein Gramm weniger C02 aus ihren Schloten. Dann lieber den Feind an seiner empfindlichsten Stelle schlagen: Kauft Emissionszertifikate.

Braunkohlekraftwerk Jänschwalde: Den Emissionshandel zum Verbündeten machenZur Großansicht
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Braunkohlekraftwerk Jänschwalde: Den Emissionshandel zum Verbündeten machen

Vor gut einem Jahr bin ich zu einem Ökostromanbieter gewechselt. Nicht wegen des Atomkraftwerks in Fukushima. Sondern wegen des Braunkohlekraftwerks in Jänschwalde. Wenn man über die Autobahn von Berlin Richtung Cottbus fährt, sieht man es schon von weitem: neun gigantische Türme, jeder einzelne so groß, dass der Berliner Dom hineinpasste. Der Dampf, der aus den Schloten steigt, verfinstert den Himmel. Ich bin kein Hardcore-Öko. Aber das war zu viel. Ich kündigte.

Als Ökostrom-Kunde fühlte ich mich gleich viel besser. Es war auch ganz leicht. Karte ausfüllen, Zählerstand durchgeben, fertig. Sogar unser alter Zählerkasten neben der Kellertreppe blieb uns erhalten. "Je mehr sauber erzeugter Strom verlangt wird, umso größer wird der Anteil an regenerativen Energien", hieß es in der Broschüre, die mir mein neuer Stromanbieter zusammen mit unserem Willkommensgeschenk, einer Art Jutetasche, in die Post getan hatte. Mein Wechsel sei "ein persönlicher Beitrag zur CO2-Reduzierung".

Tatsächlich sollte man ja glauben, dass es für das Klima von Vorteil ist, wenn mein Strom jetzt in skandinavischen Wasserkraftwerken erzeugt wird, statt im Braunkohlekraftwerk Jänschwalde. Doch so ist es leider nicht. In Wahrheit wird durch meinen Wechsel nicht ein einziges Gramm CO2 eingespart. Das klingt verrückt. Und irgendwie ist es das auch. Aber es stimmt, leider.

Verantwortlich sind die Emissionszertifikate, die das Kraftwerk Jänschwalde bislang einsetzen musste, um mich mit Braunkohlestrom zu versorgen. Was passiert mit diesen Zertifikaten, jetzt, wo wegen meiner Kündigung in Jänschwalde etwas weniger Braunkohle verfeuert wird? Hat mein Ex-Stromversorger sie auf die Bank gebracht, als Reserve für schlechte Zeiten? Hat er sie in eine Schublade gelegt? Oder sie sich übers Bett gehängt, als Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit?

Verschmutzungsrechte werden in ganz Europa gebraucht

Natürlich nicht. Er hat sie verkauft; das geht ganz schnell. Ein Händler an der Energiebörse in Leipzig hat es mir gezeigt. Es brauchte genau zwei Mausklicks, schon hatte eine beträchtliche Anzahl Emissionszertifikate den Besitzer gewechselt. Verschmutzungsrechte werden in ganz Europa gebraucht, ob in der spanischen Zementindustrie oder in der polnischen Braunkohle. Niemand lässt sie verfallen, kein Zertifikat bleibt ungenutzt. Vor meinem geistigen Auge erscheint jetzt immer das Braunkohlekraftwerk Belchatów, ein paar Kilometer weiter östlich von Jänschwalde in Polen.

Das Zertifikatesystem der Europäischen Union sorgt auch dafür, dass viele gutgemeinte Ökotipps zur CO2-Vermeidung nicht den geringsten Nutzen haben. Die Energiesparbirne ist fürs Klima ebenso sinnlos wie das brave Ausschalten der Stand-by-Taste. Wir Stromverbraucher haben keinen Einfluss darauf, wie viel CO2 in Europa in die Luft geblasen wird. Darüber entscheidet ganz allein die Europäische Union, denn nur sie legt fest, wie viele CO2-Verschmutzungszertifikate insgesamt ausgeben werden.

Die traurige Wahrheit ist, dass ein Stromsparer wie ich dem Klima sogar schadet. Mein Verhalten führt dazu, dass der Börsenpreis für CO2-Zertifikate tendenziell sinkt. Die Verschmutzungsrechte werden billiger; das freut insbesondere die schmutzigsten Industrien. Durch Leute wie mich kommen die CO2-Schleudern günstiger an Zertifikate heran, als es sonst der Fall wäre. Je mehr öko ich bin, desto geringer ist für sie der Anreiz, in CO2-sparende Technik zu investieren.

Der einzige Ausweg aus diesem Dilemma besteht darin, CO2-Zertifikate vom Markt verschwinden zu lassen. Es kommt darauf an, den Emissionshandel zu seinem Verbündeten zu machen. Das klingt langweilig und unglamourös und erregt auch viel weniger Aufmerksamkeit, als sich von einem Kühlturm abzuseilen, ein Gleisbett zu schottern oder sich irgendwo anzuketten. Doch wenn es nicht um Selbstveredelung gehen soll, sondern um Weltverbesserung, ist es der richtige Weg.

Etwa 17 Prozent des in Deutschland verbrauchten Stroms stammen inzwischen aus erneuerbaren Energien, sind also CO2-frei. Mal angenommen, 17 Prozent der deutschen Stromverbraucher, das sind 6,8 Millionen Haushalte, würden sich spontan entscheiden, die ihrem Stromverbrauch entsprechenden Verschmutzungsrechte zu kaufen und zu löschen: Mehr als zwölf Millionen Zertifikate wären auf einen Schlag vom Markt verschwunden.

Eine der größten CO2-Schleudern der Welt für ein halbes Jahr stilllegen

Das entspricht etwa der Menge an Zertifikaten, die das Kraftwerk Jänschwalde derzeit jährlich hinzukaufen muss. Rein rechnerisch wäre es mit einer solchen Aktion also möglich, eine der größten CO2-Schleudern der Welt für fast ein halbes Jahr zwangsweise stillzulegen.

In der Realität würde die Aktion natürlich nicht konzentriert Jänschwalde treffen, sondern alle Fabriken und Kraftwerke, die auf Zertifikate angewiesen sind. Der Börsenpreis für Verschmutzungsrechte würde tendenziell steigen.

Die Suche der europäischen Kraftwerksbetreiber nach Einsparpotentialen bekäme neuen Schwung. Es wäre auch interessant zu sehen, welche politischen Debatten über den - stark verbesserungswürdigen - Emissionshandel eine solche Aktion auslösen würde.

Ein spannendes Experiment, oder? Ich bin dabei!

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insgesamt 75 Beiträge
Olaf 09.05.2012
Warten wir's ab. Wäre nicht das erste Mal, dass es die Idealisten mit ihren spannenden Experimenten sind, die den größten Schaden anrichten. Oder, um es politisch unkorrekt auszudrücken: Ver*schen kann ich mich selber!
Zitat von sysopWer das Klima verbessern will und deshalb Ökostrom-Kunde wird, hat keine Ahnung vom Energiemarkt-Dschungel. Denn dadurch pusten die Kraftwerke kein Gramm weniger C02 aus ihren Schloten. Dann lieber den Feind an seiner empfindlichsten Stelle schlagen: Kauft Emissionszertifikate. Öko-Fimmel: Kauf von Emissionszertifikaten hilft der Umwelt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,828760,00.html)
Warten wir's ab. Wäre nicht das erste Mal, dass es die Idealisten mit ihren spannenden Experimenten sind, die den größten Schaden anrichten. Oder, um es politisch unkorrekt auszudrücken: Ver*schen kann ich mich selber!
Tostan 09.05.2012
Schon bevor ich den Artikel gelsen habe der erste Lacher... Das Bild zeigt Kühltürme, die kein Gramm CO2, sondern reinen Wasserdampf "in die Atmosphäre pusten". Natürlich gehoren zu einem Braunkohlekraftwerk auch [...]
Schon bevor ich den Artikel gelsen habe der erste Lacher... Das Bild zeigt Kühltürme, die kein Gramm CO2, sondern reinen Wasserdampf "in die Atmosphäre pusten". Natürlich gehoren zu einem Braunkohlekraftwerk auch Schornsteine, aber die haben halt keine so effektvolle "Wolke" wie eben die Kühltürme..... wieso nicht gleich ein Bild von normalen Wolken nehmen?
Erich91 09.05.2012
wird leider auch nichts zur Klimaverbesserung beitragen, die Konzerne sitzen immer am längeren Hebel und die Politik ist auf dreen Seite. Wenn die dann für die Zertifikate mehr bezahlen müssen, werden einfach die Preise [...]
Zitat von sysopWer das Klima verbessern will und deshalb Ökostrom-Kunde wird, hat keine Ahnung vom Energiemarkt-Dschungel. Denn dadurch pusten die Kraftwerke kein Gramm weniger C02 aus ihren Schloten. Dann lieber den Feind an seiner empfindlichsten Stelle schlagen: Kauft Emissionszertifikate. Öko-Fimmel: Kauf von Emissionszertifikaten hilft der Umwelt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,828760,00.html)
wird leider auch nichts zur Klimaverbesserung beitragen, die Konzerne sitzen immer am längeren Hebel und die Politik ist auf dreen Seite. Wenn die dann für die Zertifikate mehr bezahlen müssen, werden einfach die Preise erhöht. So einfach ist das.
Ischi 09.05.2012
Als Pionier nachhaltiger Energieversorgung beschränkt sich naturstrom nicht nur auf die Belieferung seiner Kunden mit Strom aus 100% Erneuerbaren Energien. Wir bauen auch selbst Kraftwerke, damit immer mehr umweltschonender und [...]
Als Pionier nachhaltiger Energieversorgung beschränkt sich naturstrom nicht nur auf die Belieferung seiner Kunden mit Strom aus 100% Erneuerbaren Energien. Wir bauen auch selbst Kraftwerke, damit immer mehr umweltschonender und sauber erzeugter Strom ins deutsche Stromnetz eingespeist wird. https://www.naturstrom.de/ueberuns/unsere-kraftwerke/ Recherche? Hallo?
Olaf 09.05.2012
Es ist wirklich unglaublich mit wie wenig Ahnung man in Deutschland ein Thema ernsthaft über Jahrzehnte diskutieren kann. Und das von Leuten, sie zu unserer intellektuellen Elite gehören. Die Sache mit den Kühltürmen ist ja [...]
Zitat von TostanSchon bevor ich den Artikel gelsen habe der erste Lacher... Das Bild zeigt Kühltürme, die kein Gramm CO2, sondern reinen Wasserdampf "in die Atmosphäre pusten". Natürlich gehoren zu einem Braunkohlekraftwerk auch Schornsteine, aber die haben halt keine so effektvolle "Wolke" wie eben die Kühltürme..... wieso nicht gleich ein Bild von normalen Wolken nehmen?
Es ist wirklich unglaublich mit wie wenig Ahnung man in Deutschland ein Thema ernsthaft über Jahrzehnte diskutieren kann. Und das von Leuten, sie zu unserer intellektuellen Elite gehören. Die Sache mit den Kühltürmen ist ja nur ein Beispiel. Hier übrigens ein anderes Bild des gleichen Kraftwerkes, bei dem die Schornsteine zu sehen sind. Da sieht man auch gleich, warum sie auf dem Bild im Artikel nicht erscheinen. Da kommt nämlich kaum etwas heraus. http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/4a/Peitz_kraftwerk_jaenschwalde_sommer_nah.jpg
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  • Mittwoch, 09.05.2012 – 11:17 Uhr
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Die Unterzeichner des Kyoto-Protokolls wollen den Ausstoß von Klimagasen reduzieren. Die Europäische Union etwa hat sich verpflichtet, ihre Gesamtemissionen in den Jahren 2008 bis 2012 gegenüber dem Stand des Jahres 1990 um acht Prozent zu senken. Deutschland will bis 2012 rund 21 Prozent weniger CO2 ausstoßen als noch 1990.

Durchschnittlich wollen die Kyoto-Vertragsstaaten zunächst bis 2012 durchschnittlich 5,2 Prozent weniger Treibhausgase ausstoßen als im Durchschnitt des Jahres 1990. Sechs Treibhausgase werden in einem Zusatz zum Protokoll genannt: Kohlendioxid, Methan, halogenierte Fluorkohlenwasserstoffe (HFCs), Perfluorkohlenwasserstoffe (PFCs), Lachgas (Distickstoffmonoxid) und Schwefelhexafluorid.

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