Kritik an Ökobewegung Hilfe, die Lohas kommen!

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AP

2. Teil: Mehr Selbstverwöhnung als Weltverbesserung


Manche Kritiker unterstellen den Lohas, es gehe ihnen weniger um die Umwelt als um sich selbst. Nicht Weltverbesserung stehe bei ihnen im Mittelpunkt, sondern Selbstverwöhnung.

Das Ziel sei, sich moralisch abzuheben von der Unterklasse und ihrer fettreichen Nahrung und katastrophalen Energiebilanz, so der Kolumnist Robert Misik. "Die Verlierer müssen sich als bewusstlose Konsumenten maßregeln lassen, während die anderen sich das Moral-Image zusammenkonsumieren." Die Mitgliedschaft in der Lohas-Bewegung muss man sich in der Tat leisten können. Nicht jeder ist finanziell in der Lage, 92 Euro für einen Krauthobel aus unbehandeltem Buchen- und Fichtenholz von Manufactum auszugeben. Auch die handgenähten Maßschuhe sprengen bei einigen das Monatsbudget, so nachhaltig sie auch sein mögen. Wer die Welt durch Shopping verändern will, sollte über ein gewisses Mindesteinkommen verfügen oder wenigstens eine Erbschaft in Aussicht haben.

Ein Held der Lohas-Bewegung ist Prinz Charles. Schon vor 25 Jahren entdeckte der britische Thronfolger sein Herz für die Ökologie. Er unterhält eine Biofarm im Südwesten Englands und schreibt Bücher, die davon handeln, dass die Welt in Gefahr sei. "Sie verliert ihre Balance, und daran sind wir Menschen schuld", heißt es in seinem jüngsten Werk. Charles plädiert dafür, die "himmelschreiende Art der Milch- und Fleischviehhaltung in den Industriestaaten" zu beenden. Es gelte, hinter die "Fassade unseres Zeitalters des Luxus" zu blicken, was allerdings nicht heißt, dass jetzt jeder im Buckingham- Palast ein- und ausgehen darf.

Wer wissen will, wie sich Charles eine bessere Welt vorstellt, muss Poundbury besichtigen, ein 2000-Seelen-Quartier am Rande von Dorchester in der englischen Grafschaft Dorset.

Vor zwanzig Jahren wurde es nach den Vorgaben des Prinzen errichtet. Poundbury sieht mit seinen Türmchen, Säulen und Butzenscheiben aus wie ein Märchendorf in Disneyland und ist absolut frei von Schmutz und Dreck. Harmonie ist erste Bürgerpflicht. Jeder Bewohner hat sich an die Vorgaben eines 20-seitigen Regelwerks zu halten, das der Prinz persönlich mit ausgearbeitet hat. Satellitenschüsseln sind demnach verboten, ebenso Fensterrahmen aus Plastik und vor der Haustür geparkte Fahrzeuge. Der Neigungswinkel der Dächer ist exakt normiert, ebenso der Mörtel, der aus neun Teilen gewaschenem Sand, zwei Teilen weißem Kalk und einem Teil Portland-Zement anzurühren ist. Ein Verwalter achtet darauf, dass niemand aus der Reihe tanzt. Charles kommt immer mal vorbei, um selbst nach dem Rechten zu sehen. Unangemeldet steht er dann bei den Leuten vor der Tür, fragt nach einer Tasse Tee mit Biohonig und zieht anstandslos seine Straßenschuhe aus, bevor er das Haus betritt.

Alles andere als gute Vorbilder

Der "Zeit"-Reporter Henning Sußebach hat für idyllische Orte wie Poundbury und Prenzlauer Berg die schöne Bezeichnung "Bionade-Biedermeier" erfunden. Sußebach schreibt: "Man hat hier schnell das Gefühl, alles richtig zu machen." Dabei stimmt das gar nicht. Der Umweltökonom Michael Bilharz vom Umweltbundesamt hat die Ökobilanz von 24 typischen Lohas untersucht. Alle waren Mitglied in einer Naturschutzorganisation, kauften gerne beim Biomarkt ein, trennten penibel ihren Müll. Alle 24 schätzten sich als ökologisch verantwortungsbewusste Verbraucher ein, wenngleich nicht als Dogmatiker.

Bilharz fand heraus, dass die 24 Probanden alles andere als gute Vorbilder sind. Einige schnitten deutlich schlechter ab als Leute, die im Leben noch keinen Bioladen betreten hatten. Der aufwendige Lebensstil der Lohas machte all ihre Einsparungen zunichte. Ihre großen Wohnungen, ihre schönen Reisen und ihre Konsumgewohnheiten konnten durch Energiesparbirnen und Krauthobel aus Naturholz nicht ausgeglichen werden.

Dagegen vorbildlich: die arme, alleinstehende Rentnerin. Sie ist die wahre Ökoheldin, wenngleich nicht freiwillig. Sie lebt bescheiden auf anderthalb Zimmern, hat sich seit Jahren keine neuen Möbel angeschafft, besitzt natürlich kein eigenes Auto und nimmt höchstens mal an einer Kaffeefahrt teil. Zu mehr reicht das Geld nicht. Das mag sie schade finden. Aber für die Umwelt ist sie ein Segen, auch wenn sie von "Lohas" noch nie gehört hat.

Der Text ist ein Auszug aus dem neuen SPIEGEL-Buch "Ökofimmel. Wie wir versuchen, die Welt zu retten - und was wir damit anrichten."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 270 Beiträge
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felisconcolor 14.03.2012
1. Wundervoll
Zitat von sysopAPMüll sortieren, Biosprit tanken, Vegetarier werden - übertreiben es die Deutschen mit ihrem Ökofimmel? Aber sicher! Vor allem die Spezies der scheinbar modernen, naturbewussten Städter schadet der Umwelt mehr, als ihr lieb sein dürfte. Öko-Fimmel schadet der Umwelt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,820853,00.html)
jedem Tierchen sein Plaisierchen. Bis sich dann wieder mal rausstellt... ...soviel Bio wie verkauft wird, wird garnicht angeboten. Was aber im Umkehrschluss bedeutet... ... ich glaube daran das es gut ist also muss es mir gut tun und es tut mir gut und ich muss das natürlich jedem in meiner Umgebung unter die Nase reiben. Das das Ganze viel einfacher geht, nämlich mit einfachem bewusterem Leben mit dem was das Regal eh schon hergibt... ...tja das wäre in der Tat zu einfach. Denn wenn es günstig oder gar billig ist, dann MUSS das einfach schlecht sein. Nun ja Einbildung ist oft auch eine Art Bildung. Und was wir Deutschen machen machen wir gut bis zum Exzess. Sinn macht das keinen.
Jonny_C 14.03.2012
2. Geiler Artikel !
Zitat von sysopAPMüll sortieren, Biosprit tanken, Vegetarier werden - übertreiben es die Deutschen mit ihrem Ökofimmel? Aber sicher! Vor allem die Spezies der scheinbar modernen, naturbewussten Städter schadet der Umwelt mehr, als ihr lieb sein dürfte. Öko-Fimmel schadet der Umwelt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,820853,00.html)
Die Lohas arbeiten dann in der Werbebranche, gelle. Oder "irgendwas mit Medien", also richtig gearbeitet haben die noch nie, als Stahlarbeiter, oder Öko-Bauer, dessen Produkte sie so schätzen. ;-)
acitapple 14.03.2012
3.
Zitat von sysopAPMüll sortieren, Biosprit tanken, Vegetarier werden - übertreiben es die Deutschen mit ihrem Ökofimmel? Aber sicher! Vor allem die Spezies der scheinbar modernen, naturbewussten Städter schadet der Umwelt mehr, als ihr lieb sein dürfte. Öko-Fimmel schadet der Umwelt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,820853,00.html)
na vielen dank. wissen sie was jetzt geschehen wird ? schockiert von ihrem, bei licht und entgegen der selbstwahrnehmung betrachteten, nun doch häßlichem spiegelbild haben sie auch bestimmt gleich die lösung parat: am besten das ganze volk mit öko-ablass-abgaben so zu verarmen, dass es wie die oma gar nicht anders kann als zu sparen. die umweltsünder sind ja immer die anderen, nicht wahr ?
ausländer33 14.03.2012
4. Es ist leider so...
Zitat von sysopAPMüll sortieren, Biosprit tanken, Vegetarier werden - übertreiben es die Deutschen mit ihrem Ökofimmel? Aber sicher! Vor allem die Spezies der scheinbar modernen, naturbewussten Städter schadet der Umwelt mehr, als ihr lieb sein dürfte. Öko-Fimmel schadet der Umwelt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,820853,00.html)
das man in Deutschland über den Ökogedanken nicht Wertfrei diskutieren kann. Die 'echten' Ökos schreien fundamentalistisch alles nieder, was ihrer bescheidenen Meinung nach nicht richtig ist. Das ist keine große Gruppe, aber eine - die durch Penetranz starke Wirkung zeigt. Blos... den ökologischen Gedanken der echten Nachhaltigkeit haben sie schon längst aus den Augen verloren. Was nutzt es z.B. (nur ein kleines Beispiel) ich 2 kg Bio-Möhren kaufe und dann die Hälfte wieder wegschmeiße? Nachhaltigkeit beginnt an der Quelle und nicht am Mülleimer. Biotreibstoff bzw CO2 möchte ich erst gar nicht ansprechen!!! Es gibt ZUVIELE Beispiele wo der ökologische Gedanke nur bis zu Nasenspitze geht.
Babs50+ 14.03.2012
5. Danke !
Ich bin ja auch sehr für Bio, Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Aber die Lohas, die habe ich auch schon in ihrem natürlichem Lebensraum kennengelernt. Und das hat sich der Autor anscheinend klugerweise erspart und etwas Distanz gehalten. So richtig spannend wird das nämlich erst, wenn die Loha-Matriarchin das Pendel über der Gemüsekiste kreisen lässt, um herauszufinden ob denn die energetische Energie sowohl der Kiste als auch des Inhaltes positiv genug für ihre Lieben ist....... Und wehe, wenn das Pendel dann nicht rund genug kreist !
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