Öl-Abhängigkeit: "Wie der Junkie an der Nadel"

Sie hört auf den klangvollen Namen "renewables 2004" und soll neue Weichen für einen besseren Klimaschutz stellen: In Bonn beginnt heute die viertägige Weltkonferenz für erneuerbare Energien. Mehr als 2500 Experten aus 130 Ländern diskutieren hier zudem über mögliche Entziehungskuren für ölabhängige Staaten.

Öl-Pipeline: In Bonn setzen die Energieexperten auf Alternativen
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Öl-Pipeline: In Bonn setzen die Energieexperten auf Alternativen

Bonn - Angesichts der hohen Spritpreise, steht derzeit vor allem auch die Abhängigkeit der Energieversorgung vom Öl im Mittelpunkt des Treffens, die durch erneuerbare Energien verringert werden soll. "Die Industrieländer hängen am Öl, wie der Junkie an der Nadel", schimpft etwa der Grünen-Politiker Reinhard Loske. Die Staatenkonferenz findet auf Einladung der Bundesregierung statt. Eröffnet wird sie von Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) und Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD).

Auf der Konferenz soll über konkrete Maßnahmen zur stärkeren Nutzung von Wind, Sonne und Wasser, Biomasse und Erdwärme verhandelt werden. "Ich bin sicher, dass wir am Ende der Woche mit der Deklaration von Bonn ein Aktionsprogramm haben werden, das diesem Anspruch gerecht wird", sagte Trittin der Tageszeitung "Die Welt". Deutschland werde in Bonn unter anderem ein Kooperationsprogramm mit Brasilien verabschieden und mit Dänemark eine Initiative zum Ausbau der Offshore-Windenergie vereinbaren.

Trittin begrüßte, dass die USA einen Beitrag zum Aktionsprogramm leisten wollen. "Das kann dazu beitragen, die Spannungen und unterschiedlichen Auffassungen zwischen den USA und Europa in Fragen der Energie- und Klimapolitik auf der praktischen Ebene zu überwinden." Die hohen Rohölpreise wirken sich nach Ansicht des Ministers positiv auf den Ausbau der erneuerbaren Energien aus.

Regierung hofft auf das Signal von Bonn

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hatte die Bonner Konferenz vor zwei Jahren auf dem Uno-Gipfel für nachhaltige Entwicklung im südafrikanischen Johannesburg angekündigt. Er sagte seinerzeit für einen Zeitraum von fünf Jahren 500 Millionen Euro für die Förderung erneuerbarer Energien zu. "Wir haben Wort gehalten und 2003 in der Entwicklungszusammenarbeit darüber hinaus Zusagen in Höhe von 120 Millionen Euro gemacht", sagte Trittin. "Weitere Überraschungen möchte ich dem Kanzler überlassen."

Der viertägige Kongress werde "Signalwirkung" haben und mit konkreten Maßnahmen und Verpflichtungen eine "neue Dynamik" bei der weltweiten Entwicklung der erneuerbaren Energien in Gang setzen, erklärte Schröder im Vorfeld. Der Direktor des Uno-Umweltprogramms (Unep), Klaus Töpfer, forderte eine "Revolution" bei der Energienutzung. Dazu gehörten außer einem sparsameren und effizienteren Gebrauch auch der verstärkte Einsatz erneuerbarer Energien.

Die Grünen verlangen klare und überprüfbare Ziele zum weltweiten Ausbau erneuerbarer Energien. Vize-Fraktionschef Loske sagte der "Berliner Zeitung", der Anteil regenerativer Energien müsse bis 2020 weltweit auf 20 Prozent gesteigert werden. Bislang sind es rund 14 Prozent. "Angesichts der drohenden Klimakatastrophe und der hohen Ölpreise können wir uns vage Bekenntnisse nicht mehr leisten", sagte Loske. "Der Langsamste darf nicht das Tempo des Geleitzuges bestimmen."

Der Wirtschaft warf Loske vor, sie schöpfe die ökologischen und ökonomischen Potenziale von Umwelt- und Klimaschutz nicht aus. So verspreche die Automobilindustrie seit Jahren den Spritverbrauch von Autos zu senken. Passiert sei aber zu wenig. Stattdessen würden immer neue spritfressende Geländewagen auf den Markt geworfen, bemängelte Loske. "Hier ist ein grundsätzliches Umdenken gefordert", mahnte der Grünen-Politiker.

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