Oettinger-Affäre Nazi-Muff aus 1000 Jahren

Mit seiner Filbinger-Verteidigung wirft Günther Oettinger die deutsche Vergangenheitsbewältigung um Jahrzehnte zurück. Das Fatale an der Geschichtsfälschung des CDU-Ministerpräsidenten: Von den Millionen Nazi-Opfern ist keine Rede.

Von Reinhard Mohr


Es stimmt ja: Nicht alles in der Vergangenheit war falsch. Was damals richtig war, muss, von heute aus gesehen, nicht immer Unrecht gewesen sein. Zum Beispiel in den wilden siebziger Jahren, als wir Spontis und andere undogmatisch linke Gruppen an den westdeutschen Universitäten den Vertretern des Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) im Studentenparlament regelmäßig die Hölle heiß machten. Sie waren, neben allem anderen, ziemlich verklemmt und verschwitzt, überambitioniert, altklug und unsympathisch, kurz: spießige Mama- und Papasöhnchen, die die politische Meinung ihrer Eltern weitgehend als ihre eigene ausgaben. Deshalb haben wir sie damals auch nicht richtig ernst genommen, sondern uns lieber über sie lustig gemacht. Doch nichts bleibt ohne Folgen: Die späte Rache des CDU-Nachwuchses waren 16 Jahre Helmut Kohl im Kanzleramt.

Oettinger: Der geplante "Befreiungsschlag" ging nach hinten los
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Oettinger: Der geplante "Befreiungsschlag" ging nach hinten los

Heute sind die bekanntesten Vertreter dieser Anti-"68er", Roland Koch, Peter Müller, Christian Wulff und Günther Oettinger, prominente deutsche Ministerpräsidenten – der eine oder andere mit Ambitionen auf das Kanzleramt. Man muss sie jetzt also ernst nehmen.

Umso schlimmer für Günther Oettinger, der nach seinem Versuch, über eine Trauerrede für den 93-jährig verstorbenen Ex-Ministerpräsidenten Hans Filbinger die Rehabilitation für einen Nazi-Mitläufer zu betreiben und sich zugleich dem nationalkonservativen CDU-Flügel anzubiedern, selbst mitten in einer Affäre steckt. Der geplante "Befreiungsschlag" ging nach hinten los: Ein politischer Rohrkrepierer. Womöglich muss er gar um sein schönes Amt fürchten, für das er so lange erbittert gekämpft hat. Die Rücktrittsforderungen häufen sich.

Aber warum überhaupt "Befreiung"? Und von was, bitte schön? Wo tut’s denn eigentlich weh? Immer wieder seit 1945 geistert in bestimmten, eher rechtsorientierten Kreisen die bildhafte These durch die Republik, Deutschland müsse, von der historischen Schuld an Hitlers Nazi-Regime und seinen Verbrechen dauerhaft niedergedrückt, gebeugt und voll Scham durch den Rest seiner Erdentage gehen. Währenddessen herrschten die ehemaligen West-Alliierten gegen Hitler als moralischer Sieger über das auch noch lange Zeit geteilte Land, das nun zwar demokratisch ebenbürtig, gleichwohl aber moralisch zweitklassig geblieben sei. Gegen diese ungerechte moralische Deklassierung müsse, so glauben offenbar viele heute noch, aufbegehrt werden. Sozusagen ein "Aufstand der Anständigen" von rechts, eine "Befreiung" aus der historischen "Ungerechtigkeit".

Wir waren ja nicht "dabei"...

Als probates Mittel wird seit Jahren immer wieder ein neues "Selbstbewusstsein der Nation" angemahnt, nationaler Stolz und ein flammender Patriotismus, der schon mal an die erste Strophe des Deutschlandliedes denkt, wenn die dritte laut gesungen wird. Keine Missverständnisse: Hier geht es nicht um Klinsis tolle WM-Jungs, nicht um Schwarz-rot-Gold gekleidete junge Mädchen, die beim Torjubel ihren i-Pod-Stöpsel im Ohr haben, nicht um 60 Jahre erfolgreiche Nachkriegsdemokratie, nicht einmal um den "Exportweltmeister Deutschland" – nein, hier geht es um eine Revision der Geschichte zwischen 1933 und 1945.

Auf einen kurzen Nenner gebracht lautet die immerwährende Botschaft: Das Nazi-Regime war eine "brutale und schlimme Diktatur" – aber letztlich waren die Deutschen auch nur ihre Opfer. Richtig schlimme Täter waren nur wenige, meist die üblichen Verdächtigen, bekannt aus Film, Funk und Fernsehen, im Kern die Bunkerbesatzung von "Der Untergang". Der ganze große Rest der Deutschen war den "Zwängen des Regimes" (Oettinger) ausgesetzt, irgendwie ungut "verstrickt" und "abkommandiert". Wir "Nachgeborene von Soldaten" (Oettinger), demnächst also praktisch alle, können sich da natürlich auch kein wirkliches Urteil erlauben. Wir waren ja nicht "dabei". Apropos Urteil: Die Mitwirkung" an mehreren Todesurteilen durch den Marinerichter a. D. Hans Filbinger, unter anderem Mitglied von SA und NSDAP, war natürlich auch nur erzwungen und gegen seinen innersten Willen – so, wie die Mitgliedschaft in den zentralen Organisationen des Nazi-Regimes ebenfalls nur "formal" war, wie Filbinger einst beteuerte. Im Grunde war alles eine reine Formalie. Nur die Millionen Ermordeten haben das nie recht begreifen können.

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