Abschied von der Nationalelf Grüne attackieren Innenminister Seehofer nach Özil-Rücktritt

Mesut Özil zog sich nach heftiger Kritik aus der Fußball-Nationalmannschaft zurück - und klagte über Rassismus. Die Grünen sehen die Schuld dafür auch bei Horst Seehofer und der CSU.

Mesut Özil
GUILLAUME HORCAJUELO/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Mesut Özil


Nach dem Rücktritt des früheren deutschen Fußballnationalspielers Mesut Özil haben die Grünen den Bundesinnen- und Sportminister Horst Seehofer und den Deutschen Fußball-Bund (DFB) scharf kritisiert. Grünen-Chef Robert Habeck machte den CSU-Politiker mitverantwortlich für die Entfremdung vieler Deutsch-Türken und indirekt für den Rückzug Özils aus der Nationalmannschaft.

"Wenn der Sportminister sagt, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört, dann ist das klar als Ausladung an alle muslimischen Spieler zu verstehen", sagte Habeck der "Rheinischen Post".

Özil hatte von Rassismus gegen ihn berichtet und kritisiert, DFB-Funktionäre hätten seine türkischen Wurzeln nicht respektiert. Er trat nach 92 Länderspielen zurück. Ein Foto des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan mit Özil und seinem Nationalmannschaftskollegen Ilkay Gündogan hatte zuvor eine Krise beim DFB ausgelöst.

Seehofer hatte im März der "Bild" gesagt: "Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Deutschland ist durch das Christentum geprägt." Die hierzulande lebenden Muslime gehörten aber selbstverständlich dazu. Daraufhin war eine kontroverse Debatte ausgebrochen, in deren Verlauf sich nicht nur der Koalitionspartner SPD sondern auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) klar von Seehofers Aussage distanzierten.

CSU-Innenstaatssekretär nennt Özils Verhalten naiv

Habeck bewertete die Wirkung von Seehofers Worten als verheerend. "Das Signal, das so an Menschen mit unterschiedlichen Wurzeln gesendet wird, ist fatal. Denn sie spüren genau, wie sie in unserem Land immer stärker ausgegrenzt und stigmatisiert werden", sagte Habeck. "Die Saat, die die politische Rechte gesät hat und die unter anderem von führenden CSU-Politikern gegossen wurde, geht also auf."

Widerspruch kam vom Parlamentarischen Innenstaatssekretär Stephan Mayer. "Der Fall Mesut Özil ist ein Einzelfall, den man nicht verallgemeinern darf", sagte der CSU-Politiker der "Rhein-Neckar-Zeitung". "Das hat mit der Integration der vier Millionen türkischstämmigen Menschen in Deutschland nichts zu tun" Es gehe "um einen sehr gut verdienenden Spitzensportler".

Den von Özil erhobenen Vorwurf wies nun Politiker Mayer zurück. Es sei "naiv", wenn der Fußballprofi davon ausgegangenen sei, dass ein gemeinsames Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten wenige Wochen vor der Präsidentschaftswahl als unpolitisch angesehen werden könne.

Verständnis für Özils Vorwürfe äußerte Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth. "Wir sollten diesen Aufschrei zum Anlass nehmen, ehrlich darüber zu reden, warum diese gesellschaftliche Spaltung weiter möglich ist, warum sich Menschen, die wie Mesut Özil hier geboren und aufgewachsen sind, derart ausgebürgert fühlen", sagte die Grünen-Politikerin der "Rhein-Neckar-Zeitung". "Wenn im Erfolgsfall mit dem Deutschen Özil und Boateng groß gefeiert wird, wie vor vier Jahren, aber bei Misserfolgen die 'Ausländer' im Team als Schuldige angeprangert werden, dann ist es Rassismus."

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Mesut Özil: Der Missverstandene

Heftig kritisierte Roth auch die DFB-Spitze: "Wo war der DFB, als im Stadion und den Medien offen gegen Özil und Gündogan gehetzt wurde?" Die Funktionäre hätten "nichts gegen die völkischen und rassistischen Anfeindungen gegen diese Spieler unternommen", klagte Roth. "Dass der DFB diese Lawine an Ressentiments nicht wahrgenommen oder ignoriert hat, zeigt, wie groß das Rassismus-Problem bei uns ist!"

apr/dpa



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