Frust über Endlos-Diskussionen Piraten sagen Querulanten den Kampf an

"Karrieristen, Trolle, Verschwörungsfritzen": Die Piraten werden ungeduldig mit Störenfrieden in den eigenen Reihen, Selbstdarsteller sollen künftig ausgebremst werden. Der Grund ist klar - die Aufstellung für die begehrten Listenplätze zur Bundestagswahl rückt näher.

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Piratenparteitag in Dortmund (am 30. Juni): "Machen statt labern!"
dapd

Piratenparteitag in Dortmund (am 30. Juni): "Machen statt labern!"


Hamburg - Die Piraten sind eine Mitmachpartei. Tausende Mitglieder bringen sich regelmäßig ehrenamtlich ein, offene Diskussionen auf Mailinglisten, in Wikis und Foren gehören zum Selbstverständnis. Nach dem Erfolg der letzten Monate sind die Mitgliederzahlen explodiert - auch die Neupiraten beteiligen sich rege.

Zu rege, heißt es jetzt aus mehreren Ecken der Partei. Die offene ausdauernde Streitkultur, die die Piraten pflegen, verdirbt manchen die Lust aufs Mitmachen. Piraten aus Niedersachsen haben ihrem Ärger nun Luft gemacht: Sie haben einen "offenen Brief von Mitmachpiraten" verfasst, mit dem Titel: "Machen statt labern!"

Darin schreiben sie, dass die Idee, alles gemeinsam zu erarbeiten, unter dem Mitgliederansturm gelitten habe. Die meisten Neulinge würden zwar viele neue Ideen einbringen, "aber es kommen auch immer mehr Selbstdarsteller, Karrieristen und Trolle, die über die Mailinglisten herfallen und alles versuchen, um sich selbst und den eigenen Vorteil in den Vordergrund zu stellen".

Diese würden es schaffen, "dass die Grundsätze immer weiter in den Hintergrund gedrängt und - aus Ignoranz, Unverständnis oder Egoismus - die Strukturen etabliert werden, wegen denen wir uns erst überhaupt von den anderen Parteien abgewandt haben". Den offenen Brief haben bis Dienstagvormittag mehr als 180 Piraten unterschrieben.

Der Konflikt mit sperrigen Mitgliedern, politischen Wirrköpfen und Endlos-Diskussionen beschäftigt die Piraten schon seit langem. Mal quälte sich die Partei mit extremen Äußerungen, mal mit Holocaust-Relativierern. Nach wochenlangen Diskussionen einigten sich die Piraten im April darauf, dass sie Holocaust-Relativierungen nicht länger dulden wollen.

Was jedoch blieb, war die Flut an Verschwörungstheorien, Prinzipienreiterei und persönlichen Beschimpfungen auf Mailinglisten und in Foren. Halb so schlimm, sagten sich viele lange Zeit. Doch nun nimmt die Ungeduld mit Querköpfen und Störern spürbar zu. Je mehr sich die junge Partei, die mittlerweile in vier Landtagen sitzt, professionalisiert, desto mehr Unmut regt sich über diejenigen, die die Arbeit behindern. Gerade jetzt, wo es in der Vorbereitung der Bundestagswahl zur Verteilung von Posten und Listenplätzen kommt.

"Mit aggressiven E-Mails bombardiert"

Der Brief aus Niedersachsen ist noch einer der freundlicheren Appelle. Die unsichtbaren Fleißigen werden gelobt, die Unterzeichner versprechen, sich künftig stärker einzubringen. Verfasst hat das Schreiben Sandra Zecchino, 37 Jahre alt. Die Basispiratin aus dem Kreis Gifhorn sagt, man wolle motivieren, weil zuletzt die Stimmung immer schlechter wurde. "Mein Gefühl ist, dass der Ton auf der Mailingliste rauer wird", sagt Zecchino. "Leute, von denen man bislang wenig gehört hat, bombardieren einen, seit es um Listenplätze geht, mit aggressiven E-Mails."

Der Hintergrund: In zwei Wochen stellen die niedersächsischen Piraten erneut ihre Kandidatenliste für die Landtagswahl 2013 auf, ein Formfehler macht das nötig. Schon beim ersten Versuch wollte gern jeder zweite Pirat auf dem Parteitag in den Landtag einziehen. Allein in Niedersachsen hat sich die Mitgliederzahl seit September verdreifacht. Es wird also eng. Parallel beginnen nun die Aufstellungen der Landeslisten für die Bundestagswahl 2013. Da die Partei in den bundesweiten Umfragen stabil über fünf Prozent liegt, winken Abgeordnetenjobs in Berlin. Das Gerangel um die aussichtsreichen Plätze ist in vielen Landesverbänden in vollem Gang. Schon kürzlich beklagten sich Piraten über das Missverhältnis zwischen den vielen Interessenten für Listenplätze und dem mangelnden Engagement für den Wahlkampf.

Während die Piraten in die Länderparlamente von Berlin (15 Abgeordnete) und NRW (20 Abgeordnete) große Fraktionen entsenden, können die meisten Landesverbände für die Bundestagswahl nur eine Handvoll aussichtsreicher Kandidaten aufstellen.

"Diskussionen über lauter bekloppte Sachen"

Während die Piraten versuchen, die Anforderungen einer Bundestagswahl zu stemmen, sinkt die Toleranz gegenüber Störern. Der Frankfurter Pirat Stefan Schimanowski schrieb vor wenigen Tagen in einem Blog-Beitrag, den zahlreiche Piraten auf Twitter weiterreichen: "Wir haben durchaus eine Menge tolle Leute neu dazu gewonnen, aber auch andere, die uns Kraft kosten." Er bemängelt "zugemüllte Mailinglisten, Diskussionen über lauter bekloppte Sachen".

Schimanowski schreibt von "Verschwörungsfritzen" und stellt fest: "Diese Leute regen uns auf, sie behindern uns bei unserer eigentlichen Parteiarbeit mit ihrem Müll und ihren Ansichten. Ständig tritt jemand von den Guten aus oder ist kurz davor. Und mit jedem einzelnen davon werden wir noch demotivierter. Mir reicht es, ich hab's satt."

Dann richtet er einen Appell an die Piraten: "Wir müssen diese Leute bekämpfen, aktiv! Es hilft nichts, sich in Massen auf Twitter aufzuregen. Es hilft nix, die ganzen Spinner auf einer Mailingliste in einem Thread in der 177. Mail auseinanderzunehmen. Wir müssen in Massen diesen Leuten sagen: 'Hey, du verstößt gegen die Grundprinzipien dieser Partei, deine Meinung wird hier niemals auch nur annähernd eine Mehrheit finden und deine Haltung passt hier nicht her. Geh wieder und komm nicht zurück.'"

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insgesamt 64 Beiträge
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Seite 1
Olaf 10.07.2012
1.
Zitat von sysopdapd"Karrieristen, Trolle, Verschwörungsfritzen": Die Piraten werden ungeduldig mit Störenfrieden in den eigenen Reihen, Selbstdarsteller sollen künftig ausgebremst werden. Der Grund ist klar - die Aufstellung für die begehrten Listenplätze zur Bundestagswahl rückt näher. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,843405,00.html
In Deutschland wird Streitkultur immer mit Diskussionskultur verwechselt. Streiten können wir ganz hervorragend, da fehlt uns nichts. Die Kunst ist aber, irgendwann zu einem Ergebnis zu kommen, welches alle mittragen können.
niska 10.07.2012
2.
Zitat von sysopdapd"Karrieristen, Trolle, Verschwörungsfritzen": Die Piraten werden ungeduldig mit Störenfrieden in den eigenen Reihen, Selbstdarsteller sollen künftig ausgebremst werden. Der Grund ist klar - die Aufstellung für die begehrten Listenplätze zur Bundestagswahl rückt näher. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,843405,00.html
Es kann ja auch nicht sein, dass man sicht ressourcen- und zeitintensiv mit sinnlosem, formalem Kokolores wie 'Pirat' oder 'Piratin' vergnügt, anstatt das Programm und das Team auf die BTW flott zu machen. Die offene Parteistruktur lockt halt jede Menge ulkige bis üble U-Boote. Die sollte man aber lieber lässig im Weissen Rauschen brabbeln lassen anstatt ihnen auch, nur weil die Medien das Thema des Freaks aufgenommen haben, noch mehr Raum und Platform zu geben.
alexbln 10.07.2012
3.
wo es posten zu holen gibt , kommen eben auch jede menge loser angekrochen die ohne solche posten niemals etwas im leben erreichen. war bei den grünen doch ähnlich und wenn man sich anschaut wieviele grüne abgeordnete keinerlei abschluß /ausbildung haben und nur als berufspolitker ihr auskommen haben, wird einem schlecht. ps: bei den grünen ist der anteil bes. hoch- unter garantie 5%- roth, butiköfer, beck oder ehemals fischer fallen mir da als erstes ein
cduler 10.07.2012
4. Entmündigung
Wenn der Chef der Piraten beim Verteidigungministeirum arbeitet, ist sieallenfalls eine bessere CDU, mehr aber auch nicht. Denn um sich dort zu bewerben, ich sprech aus Erfahrung, sollte man alles sein, aber nicht neutral. Es wird auf die Religionszugehörigkeit geachtet, politische Zugehörigkeit und natürlich Werdegang. Von daher kann man den Piraten nach so kurzer Zeit, auch nichts mehr glauben, so wie dem ganzen Rest. Wir brauchen Reformen, keine neue Parteien. Änderungen im Bezug auf die Politik und nicht alter Wein in neuen Gläsern.
Koana 10.07.2012
5. Mandatsträgerabgabe
Zitat von sysopdapd"Karrieristen, Trolle, Verschwörungsfritzen": Die Piraten werden ungeduldig mit Störenfrieden in den eigenen Reihen, Selbstdarsteller sollen künftig ausgebremst werden. Der Grund ist klar - die Aufstellung für die begehrten Listenplätze zur Bundestagswahl rückt näher. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,843405,00.html
.. . ich schlug schon 2010 vor sämtliche Mandate mit einer satzungsgemäßen Mandatsträgerabgabe von 75 % der Diät zu belegen. Erstens hätten UKP´s ohnehin den Aufwand immer abgedeckt - die Diät dient ja nur den persönlichen zusätzlichen Ansprüchen. Zweitens hätte man die Abgabe zweckgebunden in einem Topf gesammelt, der einzig zur Unterstützung engagierter - sprich aktiv mitarbeitender Piraten - mit dürftigem materiellem Background eingesetzt worden wäre. Vor allem - es stehen ohnehin üppige Personalbudgets zur Verfügung die von der Staatskasse getragen werden - sprich z.B. 16.000 Euro Bruttolohnsumme für jedes MDB. Aber schon damals herrschte die Eldorado-Stimmung - Mandat = lukrative Selbstversorgung - mit Egoshootereffekt. Seither ist für mit diese Partei identisch mit den restlichen - übrigens - genau dies wird ja goutiert - als relitätsnäh und somit einzig ernstzunehmend. Wer eine alternative Politkultur anstrebt, gilt im gemäßigten Fall als naiv, im schlimmsten Fall als therapiebedürftig. Nun - ich habe eine Partei der postmaterialistischen sozialen Idee gegründet - sechst Mitglieder - für die meisten hier wohl therapiebedürftige Spinner - und GOTT sei DANK nur sechs. Es besteht keine Gefahr - liebe Foristen - die Welt bleibt so wie Ihr sie Euch erträumt! Die Welt der Halbgötter – warum Mensch ungleich Mensch ist | oberham (http://oberham.wordpress.com/2012/07/10/die-welt-der-halbgotter-warum-mensch-ungleich-mensch-ist/#comment-196)
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