S.P.O.N. - Im Zweifel links Land der Mutlosen

Warum brauchen wir Einwanderung? Doch nicht wegen der Wirtschaft. Sondern weil Deutschland alt und müde wird. Ohne Einwanderer versinkt dieses Land im Schlaf.

Eine Kolumne von


Wer sind wir - und wenn ja, wie viele? Die Stimmungslage der Deutschen ist wie dieser leicht abgewandelte Titel eines Philosophie-Bestsellers.

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Heft 41/2015
Wie Eltern den Erfolg ihrer Töchter und Söhne erzwingen

Vom Bundespräsidenten Joachim Gauck bis zum Bundesmelancholiker Botho Strauß rätselt das Land, was die Migranten von ihm noch übrig lassen werden. Angst vor dem Wandel macht sich breit. Dabei ist es ist nicht die Zukunft mit den Einwanderern, die den Deutschen Angst machen sollte - sondern eine ohne sie.

Die Zahlen sind eindeutig: In Deutschland leben heute rund 45 Millionen erwerbsfähige Menschen. Ohne Zuwanderung werden es im Jahr 2050 noch 29 Millionen sein. Die Kräfte der Demografie sind so radikal wie die der Migration. Darum wird sich Deutschland verändern. Und niemand kann das aufhalten. Es gibt kein Bleiberecht in der Vergangenheit. Auch nicht für die Angstvollen und die Angstmacher, die Strobls, Seehofers, Söders.

Wenn Deutschland schrumpft - wie gehen wir damit um? Beispielsweise wie das Institut der Deutschen Wirtschaft. Die Forscher aus Köln berichteten 2014, dass zehn Prozent aller Migranten über einen Hochschulabschluss in einem "Mint-Fach" verfügten: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik. Aus dem Institut spricht die ökonomische Vernunft, wenn es feststellt, dass durch die neu hinzugekommenen Arbeitskräfte die Wirtschaftskraft Deutschlands steige, was sich wiederum positiv auf die öffentlichen Haushalte und die Kommunen auswirke. So weit so wirtschaftlich.

Es wäre ein Zeichen für den weiten Weg, den die Deutschen zurückgelegt haben, wenn sie die Frage der nationalen Identität nach den Regeln der ökonomischen Vernunft beantworten würden. Das alte Deutschland, das Dostojewski seinerzeit "das protestierende Reich" nannte, hat sich bekanntlich nicht so entschieden. Der "uralte deutsche Kampf gegen den Geist des Westens", von dem Thomas Mann schwärmte, wäre nur noch Geschichte, die Weigerung, sich mit der äußersten westlichen Welt zu vereinigen, die Dostojewski lobte, endgültig der besseren Einsicht in den eigenen Nutzen gewichen.

Ohne Migranten wäre Deutschland eine Geisterbahn

Man kann das aber auch ganz anders sehen, so wie Botho Strauß. Der Primat des Ökonomischen ist dem Dunkeldenker aus der Uckermark ein Dorn im Auge. Im SPIEGEL ärgert er sich: "Noch vor nicht allzu langer Zeit fand sich eine linkskritische Intellektualität, die sich gegen die Hegemonie des Ökonomischen über unsere Lebenswelt auflehnte. Mittlerweile sind deren Geistesverwandte selbst die führenden Ökonomen der Gegenwart - Piketty, Stiglitz, Krugman - und betreiben unter linkem Vorzeichen eine nächste Hegemonie der Ökonomie, nun der angeblich sozialverträglichen, aber auch sie bieten keinen Geistesfunken außerhalb von Wirtschafts- oder Geldpolitik."

Strauß gibt den Romantiker, dem der Neoliberalismus die letzten Felle wegschwemmt. Er will vom globalen Lärm unbehelligt in sich hineinhorchen und dort der alten deutschen Melodie von Sehnsucht, Trieb und Qual lauschen. Wie es in einem berühmten Gedicht vom Beginn des 19. Jahrhunderts heißt:

"Und immer fragt der Seufzer: Wo?
Es bringt die Luft den Hauch zurück:
'Da, wo du nicht bist, ist das Glück!'"

Ja, es ist tatsächlich eine historische Wegmarke, an der wir uns befinden. Der Bundespräsident hat recht, an die Zeitenwende des Mauerfalls zu erinnern: "Wie 1990 erwartet uns eine Herausforderung, die Generationen beschäftigen wird."

Aber Deutschland braucht die Migranten nicht nur, weil die Kräfte der Wirtschaft erlahmen. Es erlahmen auch die der Kultur. Das Deutschland des Botho Strauß, in dem sich wohl auch die Strobls, Seehofers, Söders wohlfühlen würden, wäre eine Geisterbahn. Ein Land der Alten und Versehrten. Der Furchtsamen und Mutlosen.

Dieses Land sucht sein Heil nicht in der Zukunft, sondern in der Reha-Klinik. Es ringt nicht mehr mit dem Schicksal, sondern nur noch mit dem Rollator - wahlweise ausgerüstet mit Korb und Stockhalter oder mit gepolsterter Unterarmauflage. Die letzten Fragen drehen sich darum, ob man sich beim Treppenlift für den Sitz-, Plattform- oder Hublift entscheidet. Und der einzige Weg, um den es geht, ist der ins nächste Sanitätshaus.

Es gibt Vorstädte in München, Hamburg, Berlin, die lassen dieses kommende Leben erahnen: keine Ausländer, keine Kinder, aber dafür ganz viele faltige Deutsche in Jack-Wolfskin-Jacken.

Strauß schreibt den kolossalen Satz: "Ich möchte lieber in einem aussterbenden Volk leben als in einem, das aus vorwiegend ökonomisch-demografischen Spekulationen mit fremden Völkern aufgemischt, verjüngt wird, einem vitalen."

Ich nicht.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 367 Beiträge
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Seite 1
Onsom2000 05.10.2015
1. Ein Land der Alten...
... führt keine Kriege! Es war die letzten Jahre wohl etwas zu friedlich, da muss die Stimmung aufgemischt werden!
kategorien 05.10.2015
2. Die wissen das schon
Mit Links oder Rechts dürfte der Wandel Deutschlands in ein Einwanderungsland nicht zu tun haben. Botho Strauß ist Dramatiker, daher wird er aus Effekt oder Eskapismus gekeilt haben. Ich bezweifle, dass Seehofer und Söder die Zuwanderung nicht einleuchtet. Die wissen das schon. Sie wollen mit dem Unausweichlichen bloß politisch irgendwie gewinnen. Wenn etwas Neues passiert, hilft es bisweilen, sich zu Anfang als dessen Kritiker zu positionieren, um von da an immer von der Kritik am Neuen zu profitieren. Heute Morgen musste ich an Merkel denken und mich gefragt, wie viele einst-loyaler Politiker noch sie kritisieren werden, bevor sie in die Meinungsumfragen wieder führt.
kladderadatsch 05.10.2015
3. Einwanderungsbedarf ist eine Binsenweisheit
allerdings ist die Integration unserer türkischstämmigen Gastarbeiter immer noch nicht abgeschlossen, wohingegen Polen, Spanier, Griechen und Italiener ein Teil der Bevölkerung geworden sind. Der Islam gehört zwar faktisch zu Deutschland, passt aber nicht zu unserer christlichen Kultur. Wer es nicht glaubt, möge auch mal sehen, wie Christen in den Islamischen Ländern behandelt werden. Der Islam müsste deutlich toleranter werden, sich reformieren.
mihama 05.10.2015
4. übertrieben
Norwegen hat eine vergleichbare Fläche und nur 5 Millionen Einwohner. Die sind doch auch weitgehend zufrieden, warum soll das bei uns nicht klappen? Die Übergangszeit wird eng, aber wir haben auch zwei Weltkriege überlebt...
spitzaufknoof 05.10.2015
5. Ach ja
Dem Autor scheint es einzig und allein um Quantität zu gehen. Machen Sie es sich dabei nicht etwas sehr einfach, Herr Augstein?
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