Debatte Warum Berlin eine gute Olympia-Stadt ist

In Berlin streiten Olympia-Befürworter und Gegner über eine mögliche Bewerbung der Hauptstadt für die Sommerspiele im Jahr 2024 oder 2028. Hier erklären zwei glühende Olympia-Fans, warum sie dafür sind.

Ein Gastbeitrag von Thomas Heilmann und Tim Renner

Olympische Ringe überm Berliner Olympiastadion: Neustart der olympischen Idee
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Olympische Ringe überm Berliner Olympiastadion: Neustart der olympischen Idee


Die Idee der olympischen Spiele der Neuzeit ist 119 Jahre alt und aktueller denn je: Die Jugend der Welt soll sich begegnen, um Frieden und Völkerverständigung zu fördern. Baron Coubertin war geprägt vom Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und in düsterer Vorahnung des Ersten Weltkriegs, als er das Internationale Olympische Komitee (IOC) gründete. Es gilt, seine Idee zu bewahren und zu nutzen - das wird aber nur möglich sein, wenn man Olympia auch politisch denkt.

Alle Mitglieder des Berliner Senats beziehen in diesen Tagen Stellung für ein Olympia in Berlin, das bescheiden auftritt und gleichzeitig einen großen Gedanken in die Welt wirken lassen möchte.

Unsere Stadt ist schon heute Olympia.

Hier trifft sich die Jugend der Welt in den Clubs, Parks, Galerien und überall sonst, wo die junge Stadtgesellschaft sich versammelt, um sich und ihre Freiheit zu feiern. Egal ob aus Tel Aviv, New York oder Moskau, Berlin ist spätestens seit dem Mauerfall Sehnsuchtsziel aller, die Freiheit und Weltoffenheit suchen.

Zur Person
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    Thomas Heilmann (Foto oben) und Tim Renner, beide Jahrgang 1964, sind Mitglieder des Berliner Senats. Der CDU-Politiker Heilmann ist seit Januar 2012 Senator für Justiz und Verbraucherschutz, Sozialdemokrat Renner ist seit April 2014 Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten.
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    Heilmann hat sich vor seiner politischen Laufbahn einen Namen als Gründer und Unternehmer in der Werbe- und Medienbranche gemacht. Renner ist als Musikproduzent und Autor bekannt.
Der Erfinder der Olympischen Spiele der Neuzeit wäre mit Easy Jet nach Berlin gekommen und hätte hier die Renaissance des olympischen Gedankens der Verständigung, des Friedens und des Dialogs ausgerufen. Die Stadt der einstürzenden Mauern könnte der Welt das näherbringen, was in Westeuropa in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts gelungen ist: die Überwindung von Gräben. Die Aussöhnung der deutschen und der französischen Jugend hat aus Erbfeinden echte Freunde werden lassen, und wo, wenn nicht in Berlin, kann dieser Prozess glaubhafter fortgesetzt werden?

In unserer Stadt bilden sich die aktuellen Konflikte der Welt wie auch ihre Chancen in ihrer ganzen Vielfalt ab.

Egal ob in Charlottenburg, in Berlin ob seiner langen russischen Tradition auch Charlottograd genannt, oder in Neukölln, wo seit Langem schon Abendland und Morgenland Tür an Tür leben. Das geht nicht immer reibungslos, aber in der Regel besser als anderswo.

Berlin kann aus dem Stand nachweisen, dass vieles für olympische und paralympische Spiele bereits vorhanden ist. Hier braucht man keine neuen Prachtbauten. Der Senat hat das für Sportstätten, Verkehr und Übernachtungsgelegenheiten bereits überzeugend belegt.

Denkbar wäre zudem, die Idee des Couchsurfings mit Olympia zu verbinden: Spiele, bei denen sich Funktionäre aus aller Welt trauen, zu Gast bei Berliner Freunden zu sein, würden damit an die Erfolgsgeschichte des Fußballsommermärchens von 2006 anknüpfen. Die Einführung des Public Viewings mit seiner Zentrale am Brandenburger Tor gab der Weltmeisterschaft ihre besondere Note und der ganzen Welt ein neues Phänomen.

Berlin kann auch die Olympischen Spiele prägen, wenn wir sie neu denken.

Das geht über den Sport weit hinaus. Kaum jemand weiß noch, dass Coubertin Kunst und Architektur zur olympischen Disziplin gemacht hatte. Zwischen 1912 und 1948 gab es dafür Gold, Silber und Bronze. Wären bildende Kunst, Karikaturen oder Internetanwendungen nicht gute Kandidaten für die Wettbewerbe der Berliner Spiele? Die Ideen und Potenziale der kreativsten Stadt Europas sind schier unendlich und reichen von Streetdance bis hin zu Poesie in U- und S-Bahn Stationen.

Nicht nur über neue Disziplinen kann man nachdenken. Auch über die Teilnehmer selbst. Über das Internet lassen sich Millionen erreichen, die nicht nur zuschauen, sondern auch mitmachen. Dabei stünde nicht Konkurrenz, sondern die weltweite Vernetzung im Vordergrund. Getreu dem Motto: "Dabeisein ist alles".

Die Athleten von 2024 oder 2028 sind heute unsere Kinder, und die Spiele werden in zehn oder 14 Jahren auf eine neue Welt treffen, in die alle mit eingebunden werden. Neben der Angst um den Frieden beschäftigt die Menschen die Sorge um ihre Umwelt. Und vielleicht schaffen wir es ja, gemeinsam mit dem IOC Zuschauerkapazitäten auf ein zeitgemäßes Maß zu reduzieren und die nachhaltigsten Spiele aller Zeiten zu veranstalten.

Berlin kann der olympischen Idee den Transfer ins 21. Jahrhundert glaubwürdig, ideenreich und friedlich anbieten.

Schon dafür lohnt sich die Bewerbung. Sollte das IOC ein anderes Konzept vorziehen, bleibt Berlin die Botschaft, dass es die Welt zu echter Völkerverbindung einlädt.

Zur traurigen Wahrheit gehört, dass der eigentliche Kern der olympischen Idee 1936 in Berlin missbraucht und mit Füßen getreten wurde. Hier verlor Olympia seine Unschuld. Gedacht als Stärkung der Weimarer Republik wurde es die erste Selbstdarstellung eines Diktators.

Schon 1916 sollte Berlin Olympische Spiele austragen, der Erste Weltkrieg verhinderte das. Nach dem Fall der Mauer folgte eine misslungene Bewerbung für die Spiele 2000.

Heute aber bewirbt sich ein neues Berlin um die Spiele des Friedens, der Völkerverständigung und der materiellen Bescheidenheit. Wir sind Spiegelbild der Ideen einer neuen digitalen und transnationalen Weltgeneration. Die Berliner Spiele sind eine Chance für Deutschland und ein Neustart der olympischen Idee.

In den nächsten Tagen antwortet bei SPIEGEL ONLINE ein Olympia-Gegner auf die Argumente von Heilmann und Renner.



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